Journalismus-Kolumne: "Wir hassen Langeweile!"

 

Es dürfte kaum eine Metropole geben, die so verbunden ist mit ihrer Lokalzeitung wie das "Hamburger Abendblatt". Der Chefredakteur kommt in der Hierarchie der Stadt gleich hinter dem Ersten Bürgermeister (oder umgekehrt). Vor 70 Jahren, am 14. Oktober 1948, erschien die erste Ausgabe: Zum Jubiläum hat Berndt Röttger ein opulentes Bilderbuch produziert, in dem er die Nachkriegs-Geschichte der Stadt mit der Geschichte der Zeitung verbindet.

Das "Hamburger Abendblatt" war von  Beginn an eine besondere Zeitung. Und das hat zwei Gründe. Die Diskussion, was auf die Titelseite einer Lokalzeitung gehört, entschied sie nach wenigen Jahren: Der Stadt, dem Lokalen, gehört der erste Blick des Lesers am Morgen – und das schon zu einer Zeit, als die "Tagesschau" noch gar nicht gesendet wurde. Schon im September 1952 beherrschten ein Zugunglück in Hamburg, ein Tumult im Senat und ein Kurzbericht von der Hamburger Börse die Titelseite; in nicht wenigen Zeitungen ist die Diskussion über Lokales auf der Titelseite bis heute noch nicht ausgestanden.

Die zweite Besonderheit ist der sanfte Boulevard, der bis heute das "Abendblatt" prägt; die Redakteure, anfangs gerade mal zwanzig an der Zahl, wollen ihre Leser nicht nur informieren, sondern auch unterhalten. Joachim Nöh, Macher des Wochenend-Magazins, listet im Vorwort die Nachrichten der ersten Ausgabe auf, die nur acht Seiten umfasste:

"Die Maß Bier auf dem Münchner Oktoberfest kostet zwei D-Mark. – In der britisch-amerikanischen Wirtschaftszone sollen demnächst monatlich 700.000 Paar Schuhe auf den Markt kommen. – In Hamburg ist der erste Lambretta-Motorroller aus Italien (Preis: 1000 D-Mark) gesichtet worden. – Ein Strafrichter hat in einem hanseatischen Gerichtssaal öffentlich eine Verteidigerin gerügt, weil ihm ihre 'starke Schminkauflage und die auffallend rot  lackierten Fingernägel in Anbetracht der Not des Volkes unangebracht' erschienen."

Unterhaltsame Information war und blieb das Erfolgs-Rezept des "Abendblatts", Politik und Boulevard zusammen – eben wie die Unterhaltung in einem Café am Jungfernstieg. Axel Springer, der 36 Jahre junge Gründer und Verleger, hatte ein klar formuliertes Konzept für seine erste Zeitung, das erstaunlich modern klingt; in einem Rundfunk-Interview formulierte er es am Abend des Erstausgabe-Tages:  

"Eine Zeitung mit Herz, eine Zeitung, die den Menschen in den Mittelpunkt ihrer ganzen Betrachtung stellt. Eine Zeitung, die dem Menschen volle Entwicklungsfreiheit wünscht. Wir suchen die vernünftigen Stimmen, ob sie von links, von rechts oder aus der Mitte kommen. Übrigens – wir hassen Langeweile, wir versuchen eine Zeitung zu machen, die knapp und kurz informiert, eine Zeitung, die von der ersten bis zur letzten Seite interessant ist und vielleicht, wenn ich‘s hier einmal sagen darf, auch besonders die Frau interessieren wird."

Für die Briten, die eine Lizenz erteilen mussten, formulierte Springer einen Antrag, mit dem heute noch ein Chefredakteur oder Manager aufhorchen ließe – 70 Jahre später: Das Lokale stehe im Zentrum der Zeitung, die niveauvoll ist, allgemeinverständlich und ohne jede Schulmeisterei. Nicht der Redakteur mit seinen Informationen sei wichtig, sondern die Bedürfnisse der Leser.

Axel Springer statt eine der Partei-Zeitungen bekam die Lizenz. Seine Redakteure forderte er auf: "Behandelt mir diesen Leser schonend, fragt euch, was diesem Leser wohltut, was er braucht, um seinen Alltag zu verstehen."

Aus dem "Abendblatt" heraus entstand im Juni 1952 die "Bild"-Zeitung.  Die Idee für "Bild", heute mit ihrer Millionen-Auflage die größte Zeitung Europas, war die letzte Seite des "Abendblatts": Die bestand aus Bildern und Bildzeilen als Kurznachricht. Die Gründung von Springers zweiter Zeitung war ein Glück für beide: Das "Abendblatt" blieb unterhaltsam, seriös und lokal, aber entfernte sich langsam von einem Boulevard, den "Bild" immer reißerischer entwickelte, sich so von der anfänglichen Seriosität entfernte und bundesweit erfolgreich wurde.

Der Mensch stehe im Mittelpunkt! Das forderte Springer von seinen Redakteuren, die schon für die erste Ausgabe das Markenzeichen schufen: "Menschlich gesehen", ein einspaltiges Porträt auf der Titelseite, wohl aus der Not heraus ohne Foto, dafür aber mit einer gezeichneten Skizze. So erscheint die Rubrik heute noch und überstand jeden Relaunch; sie ist so prominent wie das "Streiflicht" der "Süddeutschen Zeitung", ein journalistisches Juwel eben. Berndt Röttger, Autor des 70er-Jahre-Bands, hatte vor zehn Jahren eine Sammlung der besten "Menschlich gesehen" in einem Buch versammelt: Es ist das Lehr- und Lesebuch für das Wichtigste, das Journalisten beherrschen müssen – über Menschen menschlich zu schreiben statt über Sachen zu räsonieren.

Erfunden hatte das "Menschlich" Wolfgang Köhler, der später Amerika-Korrespondent wurde, 1956 mit nur 42 Jahren starb und blatthoch auf der Titelseite mehrspaltig mit einem Nachruf geehrt wurde. Berndt Röttger schreibt voll Respekt über ihn: "Köhler berichtete den Leserinnen und Lesern nicht nur vom fernen Kontinent, er brachte Amerika den Hamburgern näher, indem er es schaffte, in fast jedem Bericht aus den USA einen Hamburg-Bezug herzustellen. Bevor er 1952 nach Amerika ging, war er Chef der Innenpolitik. Und Innenpolitik war für Köhler vor allem Sozialpolitik, etwas, das den Menschen ganz direkt angeht. Und Politiker waren für Köhler Persönlichkeiten, deren Handeln man nur verstehen konnte, wenn man niemals vergaß, dass auch sie ganz normale Menschen sind."

Nur selten fehlte das "Menschlich" auf der ersten Seite. Das Fehlen signalisiert den Lesern, dass die Welt aus den Fugen geraten ist wie beim Mauerbau 1961 und dem Mauerfall und der Wiedervereinigung 1990, dem S-Bahnunglück 1961 mit 29 Toten und bei der Flut-Katastrophe 1962.

Berndt Röttgers Jubiläums-Buch ist ein Geschichts- und Geschichten-Buch der Nachkriegs-Zeit bis in die Gegenwart; und es ist ein Buch über die Veränderung der Lokalzeitung: Siebzig Titelseiten zeigt er, eine für jedes Jahr. Anfangs galt die Regel: 16 Artikel gehören auf den Titel, mal ein paar weniger, mal mehr; die erste Seite sah aus wie das Schaufenster eines Gemischtwarenladens: Schaut her, das haben wir alles zu bieten! Die Regel wurde immer dann gebrochen, wenn ein Ereignis dominierte – wie nach der ICE-Todesfahrt im nahen Eschede, den Terror-Anschlägen am 11. September 2001 in New York und Washington (mit einem "Menschlich": Präsident Bush) — oder wenn während eines Streiks 1976 nur eine Notausgabe gedruckt werden konnte: Das kleinste Abendblatt im A4-Format.

Die Titelseite wird aufgeräumt im Laufe der Jahrzehnte: Weniger Themen, längere Texte, stärkere Bilder und Grafiken. Auf der Titelseite vom 30. August 2014 finden die Leser nur noch Grafiken und keine Texte mehr: Piktogramme informieren über die Ereignisse des Tages. Auf der dritten Seite werden die Piktogramme dechiffriert: Dorthin ist die gewohnte Titelseite gewandert, aber nur ausnahmsweise. Die Seite faszinierte Designer wohl mehr als die Leser; der Art Directors Club (ADC) verlieh dafür den "Goldenen Nagel".

Die Leser dürfte ein anderer Preis mehr gefreut haben: Der "Deutsche Lokaljournalistenpreis" für eine gigantische Aktion. 2012 katalogisierten, testeten und bewerteten "Abendblatt"-Reporter sämtliche 8100 Straßen Hamburgs für einen digitalen Straßenratgeber, der informierte, wo man ruhig wohnen kann, einen  Parkplatz und einen Arzt in der Nähe findet. Lars Haider, der neue Chefredakteur aus der Kaderschmiede der Springer-Akademie, schärfte wieder das lokale Profil der Zeitung, wie es in den Gründungsjahren formuliert war. 

Als fast eine Million Menschen 2015 nach Deutschland flohen, berichtete das "Abendblatt" nicht nur intensiv, sondern rief auf der Titelseite die Hamburger auf, Kleider, Hygieneartikel, Fahrräder und mehr zu spenden: Rund 10.000 Leser engagierten sich  – und spendeten 60 Tonnen Hilfsgüter. Das war auch ein Novum: Die Wochenendausgabe vom Anfang September hat "Flüchtlinge" als Schwerpunkt auf zwanzig Seiten.

Zwei Jahre später widmete die Redaktion am 10. Juli 2017 sogar eine komplette Ausgabe einem einzigen lokalen Thema: "Was habt ihr aus unserer Stadt gemacht?", prangt die Schlagzeile auf der Titelseite nach den Straßenschlachten während des G-20-Gipfels. Auf 26 Seiten berichtete, analysierte und kommentierte die gesamte Redaktion die Ereignisse, die zum Trauma der Stadt werden.

Eine Nachricht, die Redaktion wie Leser bewegte, findet in einem dürren Satz in der Chronik von 2014 statt: "1. Mai: Das Hamburger Abendblatt gehört jetzt offiziell zur Funke Mediengruppe." Es war der Abschied von Springer, dem Gründer, aber nicht der Abschied von seinem Konzept. Berndt Röttgers "70 Jahre Hamburger Abendblatt" ist ein Plädoyer für einen professionellen Lokaljournalismus, aber nicht im larmoyanten Ton, wie ihn Festredner unverbindlich tremolieren, sondern im Reporter-Duktus einer Chronik, die die Geschichte einer Stadt mit der Geschichte ihrer Zeitung verbindet – nach dem Gorch-Fock-Motto, das täglich oben im Titelkopf steht und wie fürs Digital-Zeitalter geschaffen anmutet: "Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen". Ist das nicht eine Verpflichtung?

Der Autor: Paul-Josef Raue feierte als Chefredakteur der "Thüringer Allgemeine" zweimal mit Lesern des "Hamburger Abendblatts" auf der Wartburg: Erstmals als die beiden Zeitungen gemeinsam den Deutschen Lokaljournalistenpreis gewannen und zum zweiten Mal als je 24 Leser aus Thüringen und Hamburg im "Parlament der Einheit" heftig mit- und am Ende nicht mehr gegeneinander debattierten. Raue hat 35 Jahre lang als Chefredakteur gearbeitet, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Gerade ist im Klartext-Verlag  die Biografie des Genossenschafts-Gründers erschienen: "F. W. Raiffeisen: Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an einigen Hochschulen.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.