"Spiegel"-Chef Steffen Klusmann: "Kein Bullshit"

 

Steffen Klusmann ist die neue Nummer 1 beim "Spiegel". Kann der das, fragt Chefredakteur Markus Wiegand in "kress pro".

Mit Steffen Klusmann (52) steigt der nächste Freiwillige in die Schlangengrube des "Spiegel" hinab und hofft, nicht weggebissen zu werden. So wie seine Vorgänger Wolfgang Büchner (2013 bis 2014) und Klaus Brinkbäumer (2015 bis 2018), die daran scheiterten, den Titel für die Zukunft aufzustellen und eine schlagkräftige Organisation aus Print- und Onlineredaktion zu bauen.

Die Wahl Klusmanns kam durchaus überraschend, weil die Verantwortlichen bei einer ganzen Reihe von Kandidaten vorfühlten. Es ist auch heute noch nicht ganz klar, auf welchem Ticket Klusmann genau ins Amt gefahren ist. Sein Vorteil ist aber, dass ihn die entscheidenden Leute in der Mitarbeiter KG und bei G+J schon kennen. In den vergangenen fünf Jahren machte er beim "Manager Magazin" einen guten Job. Publizistisch ist der Titel auf der Höhe und wirtschaftlich erfolgreich. Im vergangenen Jahr bewegte sich die Umsatzrendite der Manager Magazin Verlagsgesellschaft in einem schwierigen Markt bei rund 15 Prozent.

Viel wichtiger ist aber, dass Klusmann eine Kompetenz mitbringt, die das Haus jetzt dringend braucht: er kann mit Menschen und er kann Change. 2009 pferchte er seine Mitarbeiter in einer Großredaktion zusammen und ließ fortan so unterschiedliche Titel wie die "FTD", "Capital", "Impulse" und "Börse online" zusammen produzieren. Es war der wahnwitzige Versuch die "FTD" irgendwie aus der Todeszone zu holen, was nicht gelang. 2012 wurde die Wirtschaftszeitung beerdigt. Das Überraschende: Klusmann machte kaum jemandem der Mitarbeiter anschließend einen Vorwurf. "Ich habe immer versucht, ehrlich zu bleiben und den Leuten keinen Bullshit zu erzählen. Dann verzeihen einem die Kollegen auch, wenn mal was schiefgeht", sagte er vor drei Jahren dem "Wirtschaftsjournalisten" in einem seiner selten gewordenen Gespräche mit der Branchenpresse.

Weil die Ausgangslage dennoch gefährlich ist, startet Klusmann mit Unterstützung aus den beiden Lagern, die er jetzt zusammenführen muss: Ullrich Fichtner ist in der Chefredaktion der Mann aus der alten Printwelt: ein sehr guter Handwerker mit hohem Ansehen, der weiß, wie die "Spiegel"-Maschine funktioniert. Seine Aufgabe wird es auch sein, Klusmanns größtes Manko auszugleichen, denn der Neue ist in der Politik nur schwach vernetzt. Fichtner dagegen gilt als politischer Kopf, der das In- und Ausland überblickt. Dazu kommt Barbara Hans als junge Digitale, sie gilt als analytische und überlegte Führungskraft.

Und die neue Spitze plant, so ist zu hören, gleich mal ein Zeichen zu setzen: Die drei wollen sich nämlich tatsächlich ein Büro teilen. In einer Welt, in der sich Führungskräfte gern in Einzelbüros mit angeschlossenem Sekretariat verschanzen, ist das echt eine Nachricht. Angedacht ist offenbar, mit der neuen Chefredaktion vom 12. in den 13. Stock zu ziehen, am besten in die Nähe des Newsrooms. Der Start läuft bisher vielversprechend: Bei einer ersten Rede vor der Redaktion bekam Klusmann schon mal warmen Applaus. Auch wirtschaftlich ist die Lage intakt: Bei einem Umsatz von rund 164 Millionen Euro schaffte das Magazin (inkl. Beiboote) im vergangenen Jahr knapp eine zweistellige Umsatzrendite und einen Gewinn von geschätzt 18 Millionen Euro. Das Digitalgeschäft der Stammmarke dürfte bei einem Umsatz von rund 46 Millionen Euro etwa 10 Millionen Euro beigesteuert haben. Es könnte also passieren, dass Klusmann länger beim "Spiegel" bleibt. In diesem Fall sei eines sicher, spöttelte eine Quelle beim Nachrichtenmagazin: Wenn das Ganze klappt, hatte nur eine die Idee: nämlich G+J-Chefin Julia Jäkel.

kress.de-Tipp: Der Beitrag ist in der Septemberausgabe von "kress pro" (7/2018) erschienen. Zu den weiteren Themen der Ausgabe gehören "Die Schibsted-Strategie", das "Ranking: Die größten deutschen Fachzeitschriften", die Story "Wie Google die Medien ködert" und ein Dossier zum Deutschen Landwirtschaftsverlag: "Neue Geschäftsmodelle für Fachmedien". Das Heft kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann es unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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