Job-Kolumne: Wer präsent ist, hat weniger Stress

 

In der Redaktion immer wieder mit den Gedanken zu Hause, in den Ferien gedanklich bei der Arbeit - ansonsten immer am Handy und abends noch mit dem Laptop ins Bett. Viele Medienprofis sind ständig abgelenkt und dadurch zusätzlich gestresst. Mediencoach Attila Albert über Wege, präsenter im Jetzt und Hier zu leben.

Ein Produktmanager ertappt sich dabei, dass er auch an freien Tagen und im Urlaub "nicht abschalten" kann - die Gedanken kehren ständig zurück in den Verlag. Einer Reporterin fällt auf, dass sie morgens nach dem Aufwachen grundsätzlich zuerst auf ihr Handy schaut, das auch als Wecker dient, und noch im Bett liegend erste Facebook-Posts und E-Mails liest. Spätabends das gleiche, während ihr Partner oft schon neben ihr eingeschlafen ist.

Wer mit seinen Gedanken immer woanders ist als im Hier und Jetzt, stresst sich auf Dauer enorm zusätzlich und belastet auch seine Beziehungen: Man ist überall nur ein bißchen und nirgendwo so richtig - ständig abgelenkt, unfokussiert, immer nur halb dabei. Wer so wenig präsent ist oder sich geradezu zwingen muss, einmal bei etwas zu bleiben, weiß das meist selbst. Die gute Nachricht: Man kann lernen, seine Gedanken wieder zurückzuholen und dadurch produktiver zu sein und gleichzeitig entspannter zu leben.

Hier einige typische Anzeichen, dass Sie zu wenig präsent sind:

  • Wenn Sie arbeiten, sind Sie regelmäßig mit den Gedanken woanders (z. B. Zuhause, Ferienorte). Umgekehrt denken Sie, wenn Sie dann dort sind, oft an die Arbeit.

  • Sie denken sich auch zeitlich regelmäßig weg: Ihre Gedanken wandern immer wieder in die Vergangenheit (z. B. zu altem Job) oder in die Zukunft.

  • Für viele Arbeiten und Erledigungen brauchen Sie weitaus länger als nötig, weil Sie sie immer wieder unterbrechen und sich etwas anderem widmen.

  • Sie stellen fest, dass Sie fast jede Möglichkeit nutzen, durch elektronische Geräte abzuschalten: Fernsehen, Handy, Laptop im Dauerbetrieb.

  • Ihre sozialen Beziehungen leidet. Sie tippen z. B. ständig auf dem Handy, während Sie mit dem Partner essen oder mit den Kindern draußen sind.

  • Sie stellen fest, dass Sie sich zunehmend erschöpft und müde fühlen, weil Sie gar nicht mehr abschalten können oder oft zu wenig schlafen.

Ständige kleine Alltagsfluchten haben ihre Gründe

Für die innere Unruhe, die sich in diesen ständigen kleinen Alltagsfluchten zeigt, gibt es Gründe. Die häufigsten sind Überlastung, Sorgen und unerfüllte Wünsche. Das Hier und jetzt scheint zu wenig reizvoll, also denkt man sich lieber weg: An einen besseren Ort, in eine andere Zeit, zu anderen Menschen. Mangelnde Präsenz also ist ein häufiger Weg, mit ungelösten Konflikten umzugehen, aber kein besonders guter - man ändert nichts, sondern macht die Situation oft sogar schlimmer (z. B. weil die Arbeit oder Beziehung leidet).

Daran lässt sich selbstverständlich etwas ändern: Man kann sich langsam daran gewöhnen, wieder präsenter zu werden. Hier einige praktische Schritte dafür:

  1. Versuchen Sie, gedanklich möglichst immer am aktuellen Ort, in der aktuellen Zeit und bei den Menschen, die um Sie herum sind, zu bleiben. Widmen Sie sich in der Redaktion Ihrer Arbeit, zu Hause aber Partner und Familie - nicht umgekehrt. Stecken Sie unterwegs das Handy möglichst oft weg, auch wenn WhatsApp oder Facebook locken. Schauen Sie sich Ihre Umgebung an, kommen Sie ins Gespräch.

  1. Achten Sie auf das, was Ihnen angenehm und unangenehm ist. Darin zeigen sich Ihre Bedürfnisse. Wenn Ihre Arbeit Sie so belastet, dass Sie nur mit ständigen Ablenkungen (Chatten, Urlaubsplanung im Büro) durchhalten, sollten Sie bald wechseln. Wenn Sie Ihren Wohnort nur aushalten, indem Sie draußen immer die Kopfhörer aufsetzen und aufs Handy starren, ist möglicherweise ein Umzug fällig.

  1. Sorgen Sie dafür, dass Sie weniger erschöpft sind und Sorgen haben. Schlafen Sie auch an den Werktagen ausreichend, ruhen Sie sich aus, essen Sie vernünftig. Gehen Sie praktische Probleme (z. B. Konto überzogen, Stress mit dem Partner) aktiv an. Wenn immer Sie merken, dass Sie gedanklich abdriften, holen Sie sich zurück mit der Frage: Was könnte ich in dieser Zeit sinnvolleres tun?

  1. Probieren Sie aus, welche Entspannungsmethode für Sie funktioniert. Vielfach wird Meditation empfohlen (hier finden Sie eine geführte Anleitung). Andere mögen aktivere Wege, etwa Laufen, Radsport, Yoga, Tanz oder einfach einen Spaziergang. Entscheiden Sie danach, wo und wobei Sie sich wohlfühlen. Dadurch widmen Sie sich automatisch mehr Ihrer direkten Umgebung und Ihren Mitmenschen.

  1. Schauen Sie, welche Ablenkungen Sie vielleicht gar nicht mehr benötigen. Möglicherweise ist der schwierige Job, wenn Sie sich ganz auf ihn einlassen, gar nicht mehr so schlecht oder hat sogar Potential. Eventuell müssen Sie nicht mehr bis in die frühen Morgenstunden allein im Im Internet surfen, sondern können sich wieder mehr Ihrem Partner zu widmen und gemeinsam etwas unternehmen.

Nur die wenigsten Medienprofis wünschen sich radikale Lösungen, wollen etwa das Handy ganz abschaffen, in der Freizeit keine Nachrichten mehr lesen oder gleich ganz aussteigen. Man muss auch nicht jede Familienaktivität zur "Quality Time" hochstilisieren und sich jede Tagträumerei verbieten. Nehmen Sie Gedankliches abschweifen daher vor allem auch als wertvollen Indikator, wie es Ihnen gerade geht und was Sie sich wirklich wünschen.

Zum AutorAttila Albert (45) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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