Praxis: Konstruktiv und kritisch schließen sich nicht aus

29.10.2018
 

Immer mehr renommierte Medien experimentieren mit lösungsorientiertem Journalismus. Sie erleben lebendigere Diskussionen in der Redaktion und mehr Gespräche mit Nutzern. Aus der "Journalisten-Werkstatt: "Konstruktiv berichten" des "medium magazin", verfasst von Michael Gleich.

"Constructive News", das vielbeachtete Buch des dänischen Journalisten Ulrik Haagerup, versprach viel. "Wie Medien und Demokratie durch den Journalismus von morgen gerettet werden" lautete der Untertitel der englischen Ausgabe. In der Folge versuchten Befürworter, für das Konzept des konstruktiven Journalismus (kJ) zu werben, indem sie es als den Ausweg aus der Medienkrise priesen. Man versprach sich mehr Glaubwürdigkeit, bessere Quoten und steigende Auflagen.

Ich selbst halte nichts davon, kJ mit Heilserwartungen zu überfrachten. Für mich gehört es einfach zum Qualitätsjournalismus dazu, nicht bei der Beschreibung von gesellschaftlichen Problemen stehen zu bleiben, sondern zu fragen: Wie geht es jetzt weiter? Wer arbeitet an Lösungen? Wie wirken sie? Was sind echte und was sind Scheinlösungen? Dass wir uns überhaupt mit kJ beschäftigen müssen, liegt an einer kollektiven Negativneigung in den Medien. Die Überbetonung von Gewalt, Misslingen, Krise und Bedrohung ist auch wissenschaftlich belegt, etwa von dem Sozialpsychologen Roy Baumeister oder durch Studien des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. Konstruktiver Journalismus strebt an, das ganze Bild zu zeigen - Probleme und Lösungsansätze. Meine Definition lautet: "Konstruktiver Journalismus ist eine Facette der Berichterstattung, die von gesellschaftlichen Problemen ausgeht und ihr Erkenntnisinteresse auf die kritische und unabhängige Recherche und Publikation von Lösungen richtet, ohne sich selbst Lösungen auszudenken. Wichtige Kriterien zur Bewertung eines Lösungsansatzes sind Wirksamkeit, Skalierbarkeit und mögliche Risiken und Nebenwirkungen. KJ ersetzt nicht andere Formen wie investigativen und Nachrichtenjournalismus, sondern ergänzt sie."

Allerdings halte ich das Wortpaar "konstruktiver Journalismus" semantisch für schwierig. Es geht ja nicht darum, dass der eine Journalismus konstruktiv, der andere destruktiv sei. Auch eine investigative Story über Korruption oder Machtmissbrauch ist ein konstruktiver Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft. Deshalb spreche ich oft, in Adaption der englischen Terminologie Solutions Journalism, von lösungsorientiertem Journalismus. Damit wird der Fokus der Berichterstattung genannt, statt sich auf das Feld von Wertungen zu begeben. In ihrem selbstverlegten Buch zum Thema bieten Ulf Grüner und Christian Sauer die folgende Ausdeutung an: "Der konstruktive Journalismus beschreibt die Wirklichkeit und leuchtet sie aus - darin ist er klassischer Journalismus. Zugleich geht er darüber hinaus, erschließt Kontexte und Zukunftsperspektiven. Das geschieht durch die kritische Suche nach möglichen Lösungen, einordnenden Informationen, Transparenz der Quellen und Dialog mit dem Publikum."

Viele Medien, die mittlerweile verstärkt lösungsorientierte Berichte veröffentlichen, folgen offensichtlich dieser oder ähnlichen Definitionen, wie wir sie bereits in der ersten "medium magazin"-Journalistenwerkstatt zum Thema "Konstruktiver Journalismus" 2016 formuliert haben: Allen ist klar, dass für diese Facette der Berichterstattung dieselben Relevanzkriterien und berufsethischen Grundsätze gelten wie für jeden guten Journalismus.

Diese zweite Werkstatt gibt nun Einblicke in die Praxis von vier Medien: NDR Info, BurdaForward, "Sächsische Zeitung" und "Spiegel" (Seite 6) - mit bemerkenswerten Zwischenfaziten eines andauernden Prozesses: Sie kommen mit ihrem Publikum intensiver ins Gespräch als zuvor. Die meisten Nutzer-Feedbacks sind positiv. Konstruktive Berichte werden länger gelesen und öfter geteilt. Innerhalb der Redaktion beginnen anstrengende und gleichzeitig belebende Diskussionen, was guter Journalismus sei. Investigative und lösungsorientierte Berichterstattung schließen sich nicht aus - sie ergänzen sich.

Ein kompletteres Bild der Wirklichkeit ist ihr Ziel. Sie erfinden Lösungen nicht selbst, sie finden sie in der Realität. Als gute Rechercheure lassen sie sich Belege für Wirksamkeit zeigen, analysieren Erfolgsaussichten, beschreiben Grenzen und Nebenwirkungen. Sie stellen sich der Komplexität der gesellschaftlichen Probleme, um die es geht, und wagen sich auf unsicheres Terrain, denn oft ist noch offen, welche Initiative, welche Methode tatsächlich Abhilfe schaffen kann. Die Textanalysen in dieser Werkstatt zeigen beispielhaft, wie die Autorinnen und Autoren eine jeweils eigene Balance zwischen Problembeschreibung und Darstellung eines Lösungsansatzes sowie dessen Übertragbarkeit (Skalierung) gefunden haben (Seite 10).

Eine Berichterstattung, die über die Darstellung von Problemen hinausgeht, erfordert Zeit, Kompetenz und genug Platz für Hintergrundberichterstattung. Um jene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, die Medien auch durch einseitige Betonung des Negativen und Sensationellen verloren haben, brauchen wir neue Qualitätsoffensiven. Konstruktiver Journalismus kann ein Teil davon sein. Eine Übersicht über weitere deutsche und internationale Medien, die auf dieses Konzept setzen, zeigt dessen wachsende Akzeptanz (Seite 14). Medien berichten über Probleme, damit die Gesellschaft auf Abhilfe sinnen kann. Medien berichten über Lösungen, vielversprechende, gescheiterte, gelingende, damit die Gesellschaft den besten Weg einschlagen kann. Beide Aspekte in seiner Arbeit zu vereinen, so meine ich, ist eine sinnstiftende, beglückende Aufgabe für uns Journalisten. 

Autor: Michael Gleich

kress.de-Tipp! Die in dem Beitrag vorgestellte "Journalisten-Werkstatt: Konstruktiv berichten" hat Michael Gleich zusammengestellt. Er ist Journalist, Buchautor und Moderator. Die komplett Werkstatt kann hier gedruckt und als E-Paper gekauft werdenDie Reihe "Journalisten-Werkstatt" wird herausgeben von Annette Milz und erscheint in "medium magazin" (in diesem Fall Heft 5/2018 - zur Bestellung) sowie "Der Österreichische Journalist" und "Schweizer Journalist" als Bestandteil des Abos. Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz.

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