Journalismus-Kolumne: Die "Landeszeitung" in Lüneburg wird zur Wundertüte

 

Viele Verlage suchen ihr Heil in der Zentralisierung, denken vermeintlich groß und lassen das Lokale langsam oder auch schneller verkümmern. Nur - wie rettet man den Journalismus im Lokalen, also dort wo Google noch nicht etabliert ist? Lösungen finden eher kleine Verlage, die wendig sind und nahe an ihren Lesern und Kunden - wie die "Landeszeitung für die Lüneburger Heide (LZ)". Für seine Kolumne sprach Paul-Josef Raue mit Chefredakteur Marc Rath.

Marc Rath, seit zehn Monaten "LZ"-Chefredakteur, krempelt seine Zeitung um. Das tun neue Chefredakteure gerne, um ihrer Redaktion zu imponieren und den Verlegern, um zu zeigen, dass sie es anders machen und besser, das Layout, die Kommentare und das Wochenend-Magazin.

Marc Rath fing am anderen Ende an, einem Ende, das eigentlich ein guter Anfang ist: Bei den Lesern. Denen wollte er nicht imponieren, mit denen wollte er sprechen: Was ist ihnen wichtig? Was fehlt ihnen? Was ist bewahrenswert? Sein 100-Tage-Programm legte er vorab fest: Er besuchte 100 Orte, bekam aber schon 170 Einladungen aus allen Dörfern der Heide, aus Vereinen und Parteien inklusive der AfD, aus dem Landgericht und Kinderschützen; er hat sie alle besucht, er kennt seine Leser, und sie kennen ihn.

Eine Leserin in Bienenbüttel, mitten in der Heide, meinte nach dem "Dorfgespräch" in einem Drehscheibe-Interview: "Erst war es stinklangweilig, aber besser wurde es, als man die Leute zu Wort kommen ließ." Das ist der notwendige Respekt: Erst die Leser reden lassen! Redakteure müssen das offenbar lernen, das letzte Wort behalten sie trotzdem.

Kritischer soll die Zeitung werden, sagen die Leser, sie muss sich verabschieden von den Verlautbarungen, muss Zusammenhang zeigen und in den Hintergrund leuchten. "Wir müssen davon wegkommen, durchweg aus der Perspektive unserer Gesprächspartner zu schreiben", sagt Marc Rath; er nimmt seine Leser mit auf die Reise in die Zeitung der Zukunft - und seine Redakteure. Er hat offenbar Glück mit seinem 25-köpfigen Team, das ungewöhnlich groß ist für eine Lokalzeitung mit 28.000 Auflage.

Christoph Steiner, sein Vorgänger, war ein starker Profi und beliebter Chef, aber er war ein Vierteljahrhundert im Amt. Das prägt, aber macht auch ein wenig träge. In seiner Zeit baute er allerdings die Landeszeitung, gegen den Trend, zu einer vorbildlichen Lokalzeitung aus: Im ersten und zweiten Buch steht das Lokale, also ganz weit vorne. Das Überregionale, woanders als "Mantel" weit vorne, wird mittlerweile von Madsack aus Hannover geliefert, was die Lüneburger nicht davon abhält, auch die große Politik zu kommentieren und oft genug in der Presseschau des Deutschlandfunks aufzutauchen. Künftig soll auch die Titelseite noch lokaler werden und nur selten die Tagesschau abbilden.

"Gerade die Älteren in der Redaktion", resümiert Marc Rath, "freuen sich auf Veränderungen. Es wird mal Zeit, sagten sie." Es gibt mehr Kommentare im Blatt mit dem Effekt, dass sich Politiker öfter beschweren; es kommen auch Briefe ins Blatt, die sich kritisch mit der Redaktion auseinandersetzen. "Das ist befreiend für die meisten Redakteure."

In solch einer Atmosphäre plant der Chefredakteur den Wandel, der keine Revolution sein soll, der die Leser nicht verschrecken will, sondern überraschen und ermutigen. Im Sommer lud Rath alle im Verlag ein, alle Abteilungen und auch die Freien, Ideen für eine bessere Zeitung zu formulieren: Komplette Abteilungen machten mit, mehr als 70 Ideen gingen ein.

Zusammen mit den Redakteurinnen Katja Grundmann und Anna Sprockhoff, vor einem Jahr mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis geehrt, wertete Marc Rath die Ideen aus, entwickelte sie mit der Redaktion weiter - und bastelte eine "Wundertüte". Am Montag, dem 5. November, wird die Landeszeitung zu dieser "Wundertüte": Neue Seiten locken die Leser,  etwa in eine lokale Familienseite, eine regionale Wissens-Seite und eine Hamburg-Seite für die vielen Pendler; neue Rubriken entstehen wie "Brief an die Leser", "Was diese Woche wichtig wird" oder "Was macht eigentlich"; auf zwei Leserseiten gibt es neue Mitmach-Angebote.

Vieles wird anders, vor allem in der Vereins-, Sport- und Kultur-Berichterstattung. Zum Beispiel im Sport: "Die klassischen Vorschauen verschwinden, die könnte auch ein Roboter schreiben. Wir bieten aber weiter das Schwarzbrot an, also eine Vielzahl an Tabellen", erklärt Marc Rath, "das verlangen die Leser." Die Redakteure werden mehr Porträts anbieten, etwa von einem Platzwart in der 2. Kreisklasse;  oder sie werden einen Eishockey-Crack, der für ein Jahr gesperrt wurde, das Spiel seiner Mannschaft beobachten lassen. "Wir verdoppeln das Angebot", kündigt der Chefredakteur an, "wir nehmen nichts weg, was viele lesen wollen, und bieten zudem einige Pralinen an."

Am 5. November wird es eine Extra-Auflage von 5000 Stück geben: 60 Seiten statt 32, die in den Pendlerzügen nach Hamburg verteilt werden, auf belebten Plätzen in der Stadt, an der Uni und in Cafés; die E-Paper-Ausgabe wird kostenlos freigeschaltet. "Wir nutzen die Ausgabe für einen direkten und umfassenden Leserdialog", so Marc Rath, "jeder Ausgabe liegt ein Fragebogen bei, der das Interesse an einzelnen Angeboten abfragt; das Lesertelefon ist ganztags besetzt und nicht nur von 12 bis 13 Uhr; eine Online-Redakteurin ist mit einer mobilen Speakers Corner in der Innenstadt unterwegs - undsoweiter."

"Die Menschen schätzen es, wenn es raschelt", sagt Marc Rath, "wenn sie ihre Nachrichten auf Papier lesen." Aber er weiß auch, dass die Jüngeren in den Blickwinkel kommen müssen. "Bei den Jüngeren hat die Marke Landeszeitung einen hohen Wert. Das müssen wir nutzen: Keiner hat so viel Kompetenz wie unsere Redaktion." Noch fehlt ein Bezahlmodell, aber aufhorchen ließ die Redaktion schon durch das Multi-Media-Projekt "Aufgewachsen als Flüchtlingskind",  das eine Reihe von Preisen holte. Das sollte erst der Anfang sein.

Porträt

Marc Rath, Jahrgang 1966, führt ein bewegtes Journalistenleben: Ausbildung zum Verlagskaufmann, Kölner Journalistenschule,  Chefredakteur der "Allgemeinen Zeitung" in Uelzen , Redaktionsleiter des "Ruppiner Anzeiger" in Brandenburg, Pressesprecher zweier Ministerien in Sachsen-Anhalt und beim "Verband Forschender Arzneimittelhersteller" in Berlin, zuletzt Mitglied der Chefredaktion für die 18 Lokalausgaben der "Volksstimme" in Magdeburg.

Mehrfach ausgezeichnet wurde er für seine investigative Recherche zur  Kommunalwahl-Fälschung in Stendal, die zum Rücktritt des Landtagspräsidenten von Sachsen-Anhalt führte. 2017 wird er vom "Medium Magazin" als "Journalist des Jahres" in der Kategorie "Reporter regional" ausgezeichnet; zudem war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten der "Bundeszentrale für politische Bildung".

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Im Klartext-Verlag erscheint gerade seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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