Möglicher Merkel-Nachfolger: Wenn Friedrich Merz die beleidigte Leberwurst spielt

 

Seit Friedrich Merz seine Kandidatur für den CDU-Bundesvorsitz abgegeben hat, spielt er medial groß auf. Der Sauerländer kann aber auch ganz anders. Dann ist er die beleidigte Leberwurst. Im Sommer verweigerte Merz die Annahme des Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik - angeblich, weil ihm der Stiftungsvorsitzende Roland Tichy und sein Blog nicht passt. Genaues aber erfuhr man nicht, weil sich Merz konsequent verweigerte und jegliche Stellungnahme ablehnte. Lesen Sie dazu ein Stück im "Wirtschaftsjournalist" von Wolfgang Messner und Markus Wiegand.

1. Warum sollte Friedrich Merz ausgezeichnet werden?

Zu jeder Komödie gehört die Verwechslung und dass manch einer zu viel sagt und andere schweigen. So ist es auch in diesem Lustspiel, das die Jury der Ludwig-Erhard-Stiftung zur Aufführung gebracht hat.

Zweck der Stiftung ist die Förderung der Sozialen Marktwirtschaft. Die Juryvorsitzende Ursula Weidenfeld hatte sich als Preisträger Friedrich Merz ausgeguckt und gegen den Widerstand in der elfköpfigen Jury durchgesetzt. Denn es hatten sich in dem Gremium längst nicht alle für den neoliberalen Ex-CDU-Politiker erwärmen können. Die Entscheidung sei mehrheitlich für den konservativen Marktwirtschaftler gefallen, war zu hören. Geehrt werden sollte Merz wegen seiner angeblichen Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft, die er sich zu seiner aktiven Zeit als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Oppositionsführer im Parlament erworben haben soll. Das sei vertretbar, hieß es in Jurykreisen. Merz wollte einst Steuererklärungen auf Bierdeckel platzieren und Bundeskanzler werden, prallte dann aber wie so viele seiner Generation an der Machtpolitikerin Merkel ab.

Weidenfeld präsentierte den Gewinner Merz bei der Jurysitzung am 20. April. Nur eine Woche später sagte er ab. So erzählte es Weidenfeld gegenüber dem Wirtschaftsjournalist. Die andere Version geht so, dass Merz erst signalisierte, er werde den Preis annehmen, dann in die USA flog und erst danach absagte.

Angeblich, muss man auch hier einräumen. Denn Merz schweigt zu der Affäre. Aber es ist ein lärmendes Schweigen. Alles, was man darüber weiß, stammt aus einer E-Mail von Weidenfeld an die aktuellen "und mögliche künftige Mitglieder" der Jury, die vom 21. Juni datiert. Merz tue sich grundsätzlich schwer mit Preisen, heißt es in der E-Mail, "in diesem Fall aber besonders, weil er nicht mit dem Vorsitzenden der Stiftung auf einer Bühne auftreten wolle".

Der Stiftungsvorsitzende heißt Roland Tichy und erreicht auf seinem Blog "Tichys Einblick" mit Themen, die manche für rechtskonservativ, andere für rechtspopulistisch halten, inzwischen ein Millionenpublikum. Tichy, der selbst auch Mitglied der Jury ist, sagt dazu, seine Haltung und die seines Magazins sei "liberal-konservativ".

Tichy machte schon in seiner Zeit als Chefredakteur der "Wirtschaftswoche" nie einen Hehl daraus, dass er den Euro und die Schulden Europas kritisch sieht. Allerdings wird auf seinem Blog immer wieder auch gegen Flüchtlinge, Linke und Grüne polemisiert. Wie dem auch sei: Das Schreiben hatte den Weg wundersamerweise in das "Handelsblatt" gefunden, das den Eklat am 16. Juli öffentlich machte, just einen Tag bevor die Jury erneut zusammenkam, um über den Preis und seine Zukunft zu beraten.

Merz scheint seine Beweggründe offenbar zumindest gegenüber Weidenfeld klargemacht zu haben. Einen anderen logischen Schluss gibt es kaum. Genau aber weiß man auch das nicht. Weidenfeld, die lange beim "Tagesspiegel" und für ein gutes Jahr lang Chefredakteurin bei "Impulse" war, mochte auf weitere Fragen des Wirtschaftsjournalist nicht antworten. In der Krise agiert sie hilflos.

Stattdessen sorgt sie für unfreiwillige Komik der Komödie, als sie sich hartnäckig weigerte, den Preisträger Merz öffentlich zu bestätigen, obwohl schon dessen angebliche Beweggründe diskutiert wurden. Es bleibt somit die Frage offen, warum Weidenfeld als Jurychefin die Absage von Merz nicht eleganter handhabte. Unklar ist, was sie in den drei Monaten bis Mitte Juni unternommen hat, um die Krise zu entschärfen.

In der Folge traten neben der gescheiterten Merz-Beschafferin Weidenfeld die Jurymitglieder Rainer Hank (Wirtschaftschef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung), Nikolaus Piper ("Süddeutsche Zeitung") und Ulric Papendick (Kölner Journalistenschule) zurück. In der Mail schieben sie die Schuld dafür auf Tichy. Seit einem Jahr hätten sie Probleme, für den Preis Laudatoren zu finden. "Viele haben mit dem Verweis auf die Rolle des Vorsitzenden der Stiftung in seiner privaten Publikation abgelehnt." Am Ende habe dann jemand aus der Jury die Laudatio auf den Hauptpreisträger halten müssen.

Ihr Lamento lacrimosa dazu klingt so: "Die Vorsitzende der Jury" (Weidenfeld - Anm. d. Red.) habe daraufhin "wie schon viele Male zuvor" das Gespräch mit dem "Vorsitzenden der Stiftung (Tichy - d. Red.) gesucht und ihn gebeten, "die Arbeit der Stiftung und seine persönliche Publikation besser voneinander zu trennen". Das Gegenteil sei passiert. Stattdessen sei ein "Vorstandsmitglied der Stiftung" Korrespondent bei "Tichys Einblick" geworden. Gemeint ist hier der Ordoliberale Oswald Metzger, ganz früher bei der SPD, dann lange Landtags-und Bundestagsabgeordneter der Grünen und heute bei der CDU und dort unter anderem stellvertretender Landesvorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung (MIT). Zudem sollten angeblich in der neuen Jury auch weitere Autoren von "Tichys Einblick" eine Rolle spielen. Da der Vorstand die Jury beruft, wäre das vielen zu viel des Einflusses.

Seinen Blog "Tichys Einblick" hatte Tichy 2015 nach seinem unfreiwilligen Abgang als Chefredakteur der "Wirtschaftswoche" gegründet, "weil ich von etwas leben muss". So hat er es Kollegen erzählt und so zitieren ihn auch Jurymitglieder. Für den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung, den er seit Juni 2014 innehat, bekommt er nichts. Selbst die Spesen werden ihm nur teilweise ersetzt. Stiftungsintern heißt es, Tichy lege Wert auf die Feststellung, dass er stets versucht habe, seine ehrenamtliche Tätigkeit und "Tichys Einblick" voneinander zu trennen. Man würde auch gern ihn selbst dazu befragen. Aber Tichy lässt ausrichten, er stehe für Gespräche nicht zur Verfügung. "Ich mache jetzt auch den Merz und lasse andere darüber reden, was ich angeblich geredet habe. Der Vorteil dieser Methode: Es bleibt den Zuschauern überlassen, zu entscheiden, ob es reproduzierte Fake News sind oder bloß Feigheit." Das Ergebnis: Ein Preis ohne Preisträger. Eine Jury, die blamiert ist und dumm dasteht.

2. Warum hat Merz den Preis nicht angenommen?

Das weiß nur Friedrich Merz allein. Es gibt lediglich die Aussage in der E-Mail aus dem Kreis der Jurymitglieder, aber keine Stellungnahme von Merz selbst. Bisher hat er sich dazu nicht geäußert, ließ Medienanfragen abwimmeln und es sieht nicht so aus, als ob er sich bemüßigt fühlt, in der Zukunft eine Erklärung abgeben zu wollen. Auch der Wirtschaftsjournalist hätte Friedrich Merz gern selbst zu diesem Sachverhalt befragt, doch vergeblich. Dass er nicht mit Tichy auf einer Bühne stehen wollte, hat Merz somit offiziell weder bestätigt noch dementiert. Interessant ist, dass der 63-Jährige selbst eines der satzungsgemäß festgelegten 75 Mitglieder der Erhard-Stiftung ist. Damit ist klar, dass auch der Ex-Politiker kein Problem damit hat, eine angesehene Organisation, deren Teil er selbst ist, zu schädigen oder diese Schädigung zumindest billigend in Kauf zu nehmen. Möglicherweise ist die Wahrheit vielleicht auch ganz anders und viel simpler: Am 17. Februar verpasste Autor Albrecht Prinz von Croÿ Merz auf "Tichys Einblick" eine volle Breitseite. Das Thema des Beitrags waren die Kommentare von Ex-Politikern zum Koalitionsvertrag. Folgendes kann man da lesen:

"Den Anfang, fast hätte man größere Geldmengen darauf setzen können, machte die ewige beleidigte Leberwurst Friedrich Merz. 'Wenn die CDU diese Demütigung auch noch hinnimmt, dann hat sie sich selbst aufgegeben', fällt ihm zum Koalitionsvertrag ein." Und dann wird's persönlich: "Ja, vom 'selbst aufgeben' versteht er was, der Politikflüchtling, der von Kohls Mädchen aus dem Amt des Fraktionsvorsitzenden gekegelt wurde. Warum, Herr Merz, haben Sie eigentlich damals den Kampf nicht an- und aufgenommen? Vielleicht weil Sie sich zu schade waren? Das ist nicht ehrenrührig, ehrenrührig ist es, sich zum Geldverdienen aus dem Staub zu machen und dann aus dem reichlich kommod ausgestatteten Austragshäusl billige mediale Rache zu üben."

War es also nur Rache an Tichy, die Merz zu seiner Replik veranlasst hatte, und um Tichy bloßzustellen? Mitglieder der Jury trauen Merz so niedrige Beweggründe nicht zu und reagieren empört, wenn man ihnen diese Version anbietet. Doch könnte es durchaus sein, dass der Sauerländer den Preis nicht aus hehren politischen Beweggründen zurückgewiesen hat, sondern aus sehr persönlichen Motiven. Besser gesagt: weil er beleidigt ist.

3. Wäre Merz überhaupt der richtige Preisträger gewesen?

Diese Frage ist bisher wenig diskutiert worden. Möglicherweise wollte Merz sich dieser Frage nicht stellen. Vielleicht aus gutem Grund? Spielen wir doch einmal durch, wie es gewesen wäre, wenn Merz die Ehrung nicht ausgeschlagen hätte. Gut möglich, dass die Nachricht, wie immer kaum beachtet, durch den täglichen Betrieb gelaufen wäre.

Wenn sich aber mal jemand die Mühe gemacht hätte, sich die Sache anzusehen und mit den Zusammenhängen zu beschäftigen, wäre womöglich aufgefallen, dass mit Merz vielleicht der falsche Kandidat ausgewählt worden ist. Denn Merz hat es schon lange nicht mehr nötig, in die Niederungen der Politik hinabsteigen zu müssen. Er ist heute ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt und Vorsitzender der Atlantikbrücke, wo er über ein Netzwerk von rund 500 führenden Persönlichkeiten aus Bank- und Finanzwesen, Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaft die Beziehungen zu den USA pflegt.

Damit nicht genug. Als Aufsichtsratschef bei Blackrock in Deutschland steht Merz für eine Gesellschaft, die mit über 13.500 Mitarbeitern und mehr als 6,3 Billionen US-Dollar der größte Vermögensverwalter weltweit ist. Die 1988 in New York gegründete Fondsgesellschaft kontrolliert weltweit die Hälfte der an Börsen gehandelten Fonds und ist beteiligt an Tausenden von Unternehmen, darunter den Investmentbanken Goldman Sachs, JP Morgan, Citibank, aber auch Exxon, Shell sowie Apple oder McDonald's. Sie hält zum Teil bedeutende Anteile an allen deutschen 30 Dax-Konzernen - von Allianz über Bayer und Deutsche Bank bis Lufthansa - und ist mit Abstand größter Einzelaktionär an der Deutschen Börse.

Die Stiftungsmitglieder könnten ihre Jury in diesem Fall also mit Recht fragen, was das alles mit Sozialer Marktwirtschaft zu tun hat. Wie praktisch, dass nun Tichy öffentlich als der böse Bube dasteht und Merz außen vor ist und auch noch Beifall aus einer Ecke bekommt, die er bei aller Liebe nicht erwarten durfte. So rief die linksliberale Publizistin Evelyn Roll ("Süddeutsche Zeitung") via Twitter entzückt Merz zu: "Haushoher Respekt!"

Man darf hier auch auf einen weiteren Aspekt hinweisen, der in der Diskussion vollkommen untergegangen ist. Merz sollte die Auszeichnung "Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik" bekommen. Und nicht, was manche glauben, mit dem Ludwig-Erhard-Preis beehrt werden. Den gibt es auch noch, doch der hat mit der Ludwig-Erhard-Stiftung nichts zu tun, sondern wird von einer "Initiative Ludwig-Erhard-Preis" an kleine, mittelständische Unternehmen und Großkonzerne vergeben. Zu allem Überfluss existiert auch noch ein jährlich ausgelobter Fürther Ludwig-Erhard-Preis, um Forschungstätigkeiten zu fördern und um den aus Fürth stammenden berühmten Sohn der Stadt zu ehren.

Bei Friedrich Merz stellt sich die Frage, was er auf dem Feld der Publizistik Entscheidendes geleistet hat. Da fällt einem beim besten Willen nicht viel ein. Aber derlei Kleinigkeiten hat die Jurorenelf offenbar nicht weiter gekümmert. Prominenz ging offenbar vor. Gedacht war die Auszeichnung wohl eher für Leute wie Marc Beise, Leiter der "SZ"- Wirtschaftsredaktion, der 2017 bedacht worden war. Doch vielfach standen Politiker oder Firmenchefs auf der Bühne wie die Unternehmerin Nicola Leibinger-Kammüller (2015) oder wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (2016) sowie zu früheren Zeiten der frühere FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und Ex-Finanz- und Verteidungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU). Letztere aber wurden auch noch mit der Ludwig-Erhard-Medaille bedacht, die - um die Verwirrung vollständig zu machen - die Stiftung auch noch vergibt.

4. Warum schießt das "Handelsblatt" gegen Tichy?

Offiziell natürlich nur, weil der Eklat eine gute Geschichte ist. Doch die Realität sieht ein bisschen komplizierter aus. Roland Tichy war von 2007 bis 2014 Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", die ebenso wie das "Handelsblatt" zur Handelsblatt Media Group (HMG) zählt - ehemals Verlagsgruppe Handelsblatt. 2010 stieß Gabor Steingart als Chefredakteur zum "Handelsblatt". Zwei Jahre später installierte Verleger Dieter von Holtzbrinck Steingart als Verlagschef. Tichy, bei dem Steingart einst volontiert hatte, berichtete weiter an von Holtzbrinck, aber das ging nicht lange gut.

Die einstmals freundschaftlich verbundenen Alphatiere kamen sich mehr und mehr ins Gehege, am Schluss entschied Steingart den Machtkampf schließlich für sich und Tichy musste gehen. Als Nachfolgerin wählte Steingart Miriam Meckel aus, Professorin in St. Gallen. Wirtschaftlich ging es seither bergab. Nach internen Quellen ist die "WiWo" deutlich defizitär und das Sorgenkind der Handelsblatt Media Group.

Tichy war nach seiner Absetzung tief verletzt und beobachtete mit einer gewissen Genugtuung, wie seine Nachfolgerin schnell scheiterte und nach zwei Jahren auf den Herausgeber-Posten gehievt wurde. Im Februar dieses Jahres bot sich dann die Chance für Tichy, eine offene Rechnung zu begleichen. Nach dem Abgang von Steingart traf ein Autor auf "Tichys Einblick" den wunden Punkt: "Zwar ließ sich Steingart gerne feiern, er habe die Auflage gesteigert - was wirklich ein Erfolg wäre. Aber das hält den Fakten nicht Stand." Dazu kommen allerlei Zuspitzungen und Unschärfen. Der Kern der Geschichte aber war klar: Steingart ist ein Blender.

Das wiederum wollte die HMG nicht auf sich sitzen lassen. Sie klagte gegen den Artikel. Angeblich laufen insgesamt sechs Verfahren - je zwei gegen Tichy, den Autor und den Verlag. Offiziell bestätigen mag das niemand. Aber nach "Wirtschaftsjournalist"-Informationen sind die presserechtlichen Auseinandersetzungen noch nicht beendet.

Wie wichtig das "Handelsblatt" die Sache offenbar nimmt, unterstreicht der Umstand, dass auch der Chefredakteur Sven Afhüppe unter den Autoren zu finden war, als die Wirtschafts- und Finanzzeitung den Eklat am 16. Juli öffentlich machte. Der Spin der Geschichte "Eklat in der Ludwig-Erhard-Stiftung" war dann doch sehr sportlich getextet. Denn tatsächlich fand und findet die Diskussion wohl eher in der Jury des Preises und in der Öffentlichkeit, nicht aber in der Stiftung selbst statt. Dort gilt Tichy als unangefochten. Auch der "Populismus-Vorwurf" gegen den Blog wird nicht näher belegt.

Die Schwächen des Artikels legte umgehend die Konkurrentin "FAZ" offen. Deren Autor Plickert weist darauf hin, dass es auf der Mitgliederversammlung im November 2017 keinerlei Streit gegeben habe. Die Versammlung sei laut Teilnehmern "in großer Harmonie" abgelaufen. Weidenfelds Versuche, Tichys publizistisches Wirken als problematisch darzustellen, seien "ohne Wirkung" geblieben. Afhüppe begab sich daraufhin auf Twitter in die Niederungen der Konfrontation. Plickert sei eben auch Autor von "Tichys Einblick" und daher nicht neutral. Der Wirtschaftsjournalist hätte auch Afhüppe zu diesen Vorgängen gerne befragt, doch ließ der Chefredakteur entsprechende Anfragen unbeantwortet.

5. Muss Tichy zurücktreten?

Ein Teil der Branche und der liberalen Öffentlichkeit scheint den Abgang des streitbaren konservativen Journalisten herbeizusehnen. Die ausgeschiedenen Juroren sind davon überzeugt, dass dies der einzige richtige Weg sei. Mit ihrem Abgang wollten sie Tichy zum gleichen Schritt zwingen, was aber nicht gelang. Und natürlich hat das Ansehen der Stiftung Schaden genommen. Die Frage ist nur, ob dafür Tichy allein verantwortlich ist.

"Wenn jemand wie Merz, ein marktwirtschaftlicher Idealkandidat, diesen Preis nicht nimmt, mit dem Verweis auf den Vorsitzenden, ist die Jury delegitimiert", sagt ein Jurymitglied, das nicht genannt werden will, gegenüber dem Wirtschaftsjournalist. "Tichys Einblick" sei eine "solch starke, erfolgreiche Marke", dass sie alles überstrahle und in Folge dessen sei die Ludwig-Erhard-Stiftung zu einem "Wurmfortsatz" verkommen.

Der Auftrag der Stiftung, nämlich Marktwirtschaft, Wettbewerb, Freihandel, Sozialpolitik zu fördern "und die Freiheit überhaupt" sei "nur noch schwach zu sehen". Man werfe Tichy nicht Rechtspopulismus vor, wie viele meinten. Das, was er in seinem Blog verbreite, sei eine "legitime Position auf Gottes liberalem Erdboden". Es sei aber so, dass die Stiftung und der "Einblick" nicht unter einen Hut zu kriegen seien. Tichy sieht das offenkundig anders. Er scheine sich ja auch "nicht ungern mit der Ludwig-Erhard-Stiftung zu schmücken", bilanziert der Kritiker. Auch wenn er von dort kein Geld bekomme.

Aus Tichys Umfeld ist zu hören, dass er den Neid der Kollegen als einen wichtigen Beweggrund für den Angriff gegen sich begreift. Kein Wunder: Tichy ist in Zeiten der Krise erfolgreich. Er hat sich sein eigenes Unternehmen geschaffen. Sein 2015 gegründeter Blog erreichte laut IVW im Juni 3,2 Millionen Visits. Das gleichnamige, im Oktober 2016 mit einer Auflage von 30.000 Stück gegründete Magazin soll bereits die schwarze Null erreicht haben. Richtig ist jedoch auch, dass Tichy die Ludwig-Erhard-Stiftung als quasi letzte Verankerung im bürgerlich-konservativen Lager dringend benötigt. Ganz besonders, nachdem er 2017 als Herausgeber der Xing-Plattform "Klartext" zurücktreten musste - nach massiver Kritik an einer Polemik gegen "grün-linke Gutmenschen", die "geistig-psychisch krank" seien. Tichy entschuldigte sich später für den Beitrag.

Trotz aller Anfeindungen denkt er nicht an Rücktritt und sucht die Schuld allem Anschein nach bei jenen, die die Geschichte in den Medien lanciert haben. Erst im November 2017 hatte ihn die Mitgliederversammlung mit 48 Jaund einer Nein-Stimme für weitere drei Jahre im Amt bestätigt.

6. Was macht jetzt die Ludwig-Erhard-Stiftung?

Man sollte vielleicht hier einmal auf die Tatsache hinweisen, dass die Ludwig-Erhard-Stiftung - 1967 noch zu Ludwig Erhards Lebzeiten gegründet - keine Stiftung ist, sondern ein Verein, der sich "Stiftung" nennt. Entsprechend wird die Organisation nach Vereins- und nicht nach Stiftungsrecht behandelt. Auch dies scheint keinem Berichterstatter so recht aufgefallen zu sein. Wenn der Streit für die Stiftung sein Gutes hatte, dann liegt das darin, dass man nun endlich mal über sie redet. Denn es ist nicht gut bestellt um den Verein, der hoffnungslos überaltert ist. Von den satzungsgemäß 75 Mitgliedern scheidet man in der Regel nur durch Tod aus. Die Mitgliederliste liest sich denn auch wie eine Erinnerung an die Soziale Marktwirtschaft als eine historische Epoche, deren Zeit wohl länger schon abgelaufen ist.

Viele, mit denen man spricht, sagen, man müsse sich eigentlich mal fragen, wofür man eine Ludwig-Erhard-Stiftung überhaupt noch braucht außer als melancholische Reminiszenz an ein gutes Stück alte Bundesrepublik. Dass die Finanzsituation jedoch "recht marode" sein soll, wie die "Zeit" in Erfahrung gebracht zu haben meint, stimmt auch wieder nicht, wenn man sich den jüngsten Finanzbericht 2017 zu Gemüte führt. Das Stiftungsvermögen mit einem Wertpapierbestand von 6,88 Mio. Euro ist beeindruckend stabil und im Vergleich zum Vorjahr gar um fast 700.000 Euro angewachsen. Das Problem besteht eher darin, genügend Gelder heranzuschaffen, um den laufenden Betrieb mit fünf Angestellten im ehemaligen Bonner Wohnhaus von Ludwig Erhard aufrecht zu erhalten. Denn am Kapitalmarkt gibt es für eine gemeinnützige Vereinigung mit einem relativ kleinen Vermögen zu Null-Zins-Zeiten wie diesen kaum eine Möglichkeit, Geld sinnvoll anzulegen. Steht wie 2017 am Ende ein Minus - und seien es auch nur knapp 5.000 Euro -, so muss es aus den Rücklagen gedeckt werden. Noch hat die Stiftung mit rund 2,4 Millionen Euro genügend freie Rücklagen, aber die Uhr tickt.

Tichy, erzählen seine Buddies, wende deshalb zwei Tage der Woche auf, um mit dem Klingelbeutel durch die Lande zu ziehen und bei Unternehmen und wohlhabenden Privatleuten Spenden und Sponsorengelder einzusammeln. Ein Freundeskreis wurde aufgebaut, in dem man sich die Exklusivität etwas kosten lassen will. Auch von Tichy initiierte Eigenleistungen wie zuletzt die der "FAS" beigelegte Publikation "Wohlstand für alle - 70 Jahre Währungsreform" haben ein wenig Geld in die Kasse gespült. Doch mehr als 28.000 Euro kamen durch "Publikationen" nicht zusammen.

Gleichzeitig wird eisern gespart, Kooperationen und Öffentlichkeitsarbeit praktisch auf null heruntergekürzt. Auch für Preise gibt die Erhard-Stiftung mit knapp 57.000 Euro nur noch die Hälfte aus. So bleibt unter anderem der einst mit 10.000 Euro ausgelobte Hauptpreis undotiert. Natürlich brauchen Politiker und Wirtschaftsbosse dieses Geld nicht. Bei Journalisten sieht das schon anders aus. Stattdessen bekommen die Ausgezeichneten nun eine in Plexiglas eingeschweißte Zigarre aus den Originalbeständen Ludwig Erhards. In der Hoffnung, dass sie vor der Übergabe nicht zerbröselt ist.

7. Was passiert mit dem Preis?

Der neu besetzten Jury gehören nur noch sechs Mitglieder an. Darunter ist selbstverständlich auch weiterhin Roland Tichy zu finden. Des Weiteren Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, der Tichy in der "FAZ" in Schutz genommen hat. Dann Heike Göbel ("FAZ"), Isabel Mühlfenzl (Bayerischer Rundfunk), Dorothea Siems ("Welt") und Peter Gillies, einstmals Chefredakteur der "Welt".

Trotz aller Aufregungen soll der Preis am 10. Oktober im "Atrium" der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verliehen werden. Aller Voraussicht nach sollen Peter Rásonyi, der Leiter der Auslandsredaktion der "Neuen Züricher Zeitung" und Zanny Minton Beddoes, die als erste Frau die Redaktion des "Economist" leitet, die Ehre haben.

Ob es dazu kommt, ist jedoch ungewiss. Zwar ist im Umfeld zu hören, dass beide Journalisten grundsätzlich offenbar kein Problem damit haben, den Lückenbüßer für Friedrich Merz zu spielen. Beide halten sich dennoch bedeckt. Rásonyi sagte, er gehe "im Moment davon aus", dass er den Preis annehmen werde. Man müsse jedoch die Entwicklung abwarten. Das gleiche Bild bei Zanny Minton Beddoes. "Der 'Economist' äußert sich derzeit nicht zu den Vorgängen", teilt ein Sprecher mit. Man wolle abwarten. Wenn der Termin näher rücke, werde man eine Stellungnahme abgeben. Es kann also sein, dass die Ludwig-ErhardSitftung und ihr Preis am Ende noch beschädigter dastehen.

Immerhin sollen jetzt wieder Journalisten ausgezeichnet werden. Bleibt es dabei? Beobachter bezweifeln dies. Wie beschrieb es Ursula Weidenfeld im Namen der vier ausgeschiedenen Jurymitglieder am 21. Juni? "Der Ludwig-Erhard-Preis war über Jahre hinweg eine honorige, aber auch eine ein bisschen langweilige Veranstaltung. Berechenbare Preisträger, berechenbare Laudatoren, berechenbares Buffet." Das aber habe sich geändert in den vergangenen Jahren. "Wir sind mutiger bei der Auswahl der Preisträger geworden."

So kann man es auch sagen.

Autoren: Wolfgang Messner, Chefredakteur des "Wirtschaftsjournalist" und Markus Wiegand, Chefredakteur von "kress pro"

kress.de-Tipp: Der Text von Wolfgang Messner und Markus Wiegand ist im "Wirtschaftsjournalist" 4/2018 (August-Ausgabe) erschienen. Das Heft können Sie in unserem Newsroom-Shop oder im iKiosk bestellen. Zum Abo geht es hier entlang. Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Wolfgang Messner, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.