Wolf Schneiders Kritik: "Wo der Gruner+Jahr-Vorstand spricht, kommen deutsche Substantive nicht mehr vor"

05.11.2018
 

Journalisten sollten sich darauf besinnen, akademischen Jargon, Anglizismen und parteiliche Wörter zu vermeiden. Dafür plädiert der Journalisten-Lehrmeister Wolf Schneider in einem Beitrag für das aktuelle "medium magazin". Schneider gefällt auch die Sprache in deutschen Medienhäusern oft nicht.

"Anstreben sollten sie das jeweils treffendste, farbigste, zumeist das kürzeste mögliche Wort", schreibt Schneider. "Mit 'Blut, Schweiß und Tränen' machte Churchill 1940 Weltgeschichte - mit Blutverlust, Überarbeitung und einer Überreizung der Tränendrüsen hätte er es nicht geschafft."

Schneider greift einzelne Begriffe heraus, die Journalisten oft verwenden, aber meiden sollten. Der "Paradigmenwechsel" sei ein Modewort des gehobenen Feuilletons, doch schätzungsweise 95 Prozent der Deutschen würden keine Ahnung haben, was das sein soll. Für die Wissenden sei das Wort ausgeleiert. Ein ähnlich unschönes Modewort ist für Schneider das "Narrativ".

Unnötig akademisch aufgebläht findet Schneider die oft beschriebene "Tonalität". Dabei brauche es den Wortteil "-alität" gar nicht - es gehe schlicht um den Ton zum Beispiel in einer Debatte. Auch die "Befindlichkeit", ein "Lieblingswort des 'Zeit'-Feuilletons", bedeute schlicht Befinden oder Laune.

Auch die "Anglomanie" in den Medien kritisiert Wolf Schneider im "Medium Magazin": "Wie dringend war es, die Eurovision, die jahrzehntelang deutsch durchs Fernsehen flimmerte, seit ein paar Jahren als "Jurowischn" vorzustellen? Und warum heißt die altbekannte Europameisterschaft in ARD und ZDF plötzlich European Championship?" Schneider findet das albern. Das "Public Viewing" sei ein Blamage: "Wenn wir schon so gut Englisch können – sollten wir dann nicht wissen, dass dies in den USA die Freigabe der Leiche zur öffentlichen Besichtigung bedeutet?" Schneider gefällt auch die Sprache in deutschen Medienhäusern oft nicht: "Gruner + Jahr publiziert zwar immer noch deutsche Texte, bläst aber intern das Englische aufs Äußerste auf: Ein Abteilungsleiter heißt zum Beispiel Editorial Director Community of Interest Family, und wo der Vorstand spricht, kommen deutsche Substantive nicht mehr vor."

kress.de-Tipp! Wolf Schneiders Gastbeitrag erscheint in "medium magazin" 06/2018, Seiten 69 bis 71. Weitere Themen darin u.a.: Der große Generationen-Dialog zum Thema "Was hat Zukunft", "Journalismus der Dinge", Debatte um die Nationalitäten-Nennung von Tätern in Berichten, Blockchain-Modelle für Medien, Change-Anforderungen an Journalisten, Special Umwelt & Nachhaltigkeit mit dem Schwerpunkt "Nature Writing" sowie eine 16-seitige Werkstatt "Erfolgreich gründen" und die 24-seitige Sonderedition "Journalistin 2018" mit der neuen WDR Chefredakteurin (TV) Ellen Ehni zu den #metoo-Vorwürfen im WDR und zu ihren künftigen Prioritäten. Die "medium magazin"-Ausgabe 6/2018 ist digital (per Sofortdownload) und gedruckt verfügbar, inklusive Heftvorschau. Zum Abo hier entlang. Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Sie ist auch Herausgeberin der Journalisten-Werkstätten.

Zur Person: Wolf Schneider war Journalistenausbilder von 1977 bis 2012 – 16 Jahre als Leiter der Henri-Nannen-Schule, weitere 17 Jahre mit Lehrauftrag an fünf Journalistenschulen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Der heute 93-Jährige ist Honorarprofessor der Universität Salzburg und Träger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für Deutsche Sprache. Unter seinen vielen Büchern gelten seine Sprachkritiken wie "Wörter machen Leute. Magie und Macht der Sprache" bis heute als Standardwerke für das journalistische Handwerk. Schneider schrieb auch die "Gruner + Jahr Story", in der als Journalistenausbilder selbst eine Hauptrolle spielte.

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