Als die Gründer Jakob Funke und Erich Brost am 3. April 1948 die erste Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung herausbringen, ist noch nicht absehbar, welche Erfolgsgeschichte sie damit schreiben werden. Die WAZ wird zu einer anerkannten, respektierten Marke, die bundesweit hohe Wertschätzung genießt. Und für die Menschen im Revier ist sie immer dabei. Die Zeitung aus dem Ruhrgebiet für das Ruhrgebiet gehört zur Familie, sie ist Begleiterin in allen Lebenslagen. Unzählige Geschichten und Anekdoten veröffentlicht die WAZ am 30. März 2018, fast auf den Tag genau 70 Jahre nach der Erstausgabe, in einer 80-seitigen Beilage. Die Titelseite der aktuellen Zeitung ist an diesem Tag identisch mit der ersten WAZ-Seite vom 3. April 1948.

Doch, bei aller Wertschätzung für die Vergangenheit, wer zu lange zurückblickt, wird die Zukunft nicht gewinnen. Deshalb arbeitet die WAZ seit längerem an innovativen, zukunftsweisenden Projekten. Eine konsequente Ausrichtung auf die Leser- und User-Interessen sowie die Stärkung der lokalen und regionalen Kompetenz sind Leitlinien der redaktionellen Arbeit. Und dies vor dem Hintergrund der digitalen Transformation, die für die Zukunft elementar ist. Dazu gehört auch das klare Bekenntnis der WAZ zur digitalen Ausrichtung und zu Abo-Paywalls, die wesentlicher Bestandteil der jüngst verkündeten Digitaloffensive "User first" der Funke Mediengruppe sind.

Neben dem 2016 eingerichteten Kreativteam aus jüngeren Redakteurinnen und Redakteuren sowie einer Projektgruppe Lokalsport, die jeweils neue Formate, Erzählformen und einen Instrumentenkasten mit konkreten Themenbeispielen entwickeln, gehört das auf zwei Jahre angelegte Projekt Bochum (ProBO) zum Aushängeschild der WAZ.

Die Vorbereitungen beginnen Ende 2016, das Projekt startet im Sommer 2017. Wesentliches Ziel ist es, nicht punktuelle Projekte an verschiedenen Orten umzusetzen, sondern ganzheitlich vorzugehen. Aus der zweitgrößten WAZ-Lokalredaktion in Bochum wird ein Zukunftslabor. Die Leitfrage: Wie sieht der Lokaljournalismus der Zukunft aus? Der Deal: Die Redaktion wird für zwei Jahre zusätzlich durch zwei junge Redakteurinnen verstärkt und geht neue Wege. In der Leserbefragung, in der Mitwirkung der Leser und User, in der Themenaufbereitung in Print und digital, in den Formaten, in der Abstimmung mit dem Vertrieb, um den Markt koordiniert zu bearbeiten. Zudem soll eine neue Fehlerkultur entstehen, die bisher nur im Digitalen geübt ist: machen, verwerfen, neu probieren.

Leserinnen und Leser schreiben auf, was sie sich wünschen, was sie vermissen, was sie anders haben wollen. Befragt werden zunächst die Zeitungs- und E-Paper-Abonnenten, fast 1200 von ihnen beantworten die Fragen der Redaktion schriftlich. Alles ist transparent, alle Wünsche werden veröffentlicht, Redaktion und Leser sind im Austausch, eine qualitative Marktforschung mit 20 Lesern folgt. Die Tendenz ist eindeutig: mehr (verständliche) Kommunalpolitik, mehr Themen zu Sicherheit und Ordnung, zu Straßenbau und Verkehr, zur Umwelt, zur Stadtgeschichte. Und: mehr positive Nachrichten ("Das Leben hier ist doch schön"). Vor allem aber: Berichte aus dem eigenen Stadtteil sind den Lesern "sehr wichtig" (81,6 %), ein Großteil interessiert sich auch für Neuigkeiten aus den anderen Bochumer Stadtteilen.    

Die Berichterstattung wird angepasst und den Lesern erklärt. Neue Serien entstehen, die Redaktion startet eine "Tour der guten Nachrichten" an Orten, die ihnen von den Lesern vorgeschlagen werden. An jedem letzten Samstag im Monat erscheint eine "Seite der guten Nachrichten". Zudem kommen immer wieder Leser in kurzen Interviews zu Wort, Themensetzungen werden hinterfragt. Die WAZ macht sich mit einer (guten) Sache gemein und startet, gemäß dem großen Leserwunsch nach mehr Sitzgelegenheiten, gemeinsam mit der Stadt die Spendenaktion "1000 Bänke für Bochum". Alle Projekte werden für alle Kanäle aufbereitet. Bewährte Formate werden ausgerollt und auch von anderen Lokalredaktionen umgesetzt, zum Beispiel große Stadtteil-Porträts aus visualisierten Statistiken.

Wegen der eindeutigen Ergebnisse aller Befragungen und Lesergespräche baut die WAZ schließlich die Buch- und Blattstruktur um. "Alles für alle" bedeutet, dass sämtliche Leser alle Stadtteilseiten bekommen. Das Prinzip wird für die Lokalteile in Essen, Gelsenkirchen und Oberhausen ebenfalls übernommen. Auch hier entstehen neue Strukturen in den Lokalbüchern. Eine crossmediale Zeitreise durch die Stadtgeschichte verbindet Print und Digital, unter anderem durch Augmented-Reality-Anwendungen. Beim crossmedialen Storytelling zum Bergbau-Ende kommen die Westfunk-Lokalradios hinzu.

Über einen Channel-Manager werden in der Bochumer Lokalredaktion die Digital- und Printthemen verknüpft. Die digitalen Reichweiten fließen als wichtiger Rückkopplungskanal über Dashbords und Echtzeit-Statistiken in die tägliche Themenplanung ein, die User-Interessen werden in der Lokalredaktion zusätzlich wöchentlich besprochen und analysiert. Insofern sind durch "ProBO" die Voraussetzungen geschaffen, den nächsten Schritt der Funke-Digitalstrategie ("User First") zu gehen. Die Arbeit aller Funke-Redaktionen soll datenbasiert und konsequent auf die Interessen, Bedürfnisse und vor allem die veränderten Nutzungsgewohnheiten der Leserinnen und Leser ausgerichtet werden. Ziel ist es, Zeitung und E-Paper hochwertig zu halten und zugleich die Markenportale journalistisch noch relevanter und aktueller zu machen, um so den Ausbau der digitalen Bezahlangebote zu beschleunigen. Damit wäre die Basis dafür geschaffen, dass die WAZ noch viele runde Geburtstage feiern kann.

Ein kress-Gastbeitrag von Andreas Tyrock, Chefredakteur der "WAZ"

kress.de-Tipp! Aus Anlass ihres 70. Geburtstages veranstaltet die WAZ an diesem Donnerstag (8. November) ein großes Symposium zum "Lokaljournalismus der Zukunft" auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen. Rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland haben sich angemeldet, unter ihnen Chefredakteure, Ressortleiter, Lokalchefs, Volontäre und Publizistik-Studierende. In dem Symposium geht es um digitale Transformation, Heimat und Selbstverständnis, die Pflege und Entwicklung der Marke Regionalzeitung und die Paid-Content-Strategie in Skandinavien. Gäste auf den Podien sind unter anderem der Tübinger Medienwissenschaftler Professor Dr. Bernhard Pörksen, Clemens Tönnies (Aufsichtsratschef von Schalke 04), Tim Jerg (Head of Global Brand & Comms, Mast-Jägermeister), Øyulf Hjertenes (Chefredakteur der norwegischen Regionalzeitung Bergens Tidende), Christine Richter (Chefredakteurin Berliner Morgenpost) und Ivo Knahn (Transformationsmanager Main-Post Würzburg). Der Tag endet mit einem Abend-Empfang, auf dem die Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Mediengruppe, Julia Becker, reden wird.

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