Journalismus-Kolumne: Warum die arte-Doku "Mission Wahrheit" stärker als "House of Cards" ist

 

Je mehr die Journalisten ins Zwielicht gerückt werden, umso mehr müssen sie sich und ihre Arbeit öffnen und erklären. Redaktionen in Deutschland zaudern, während die "New York Times" einem Film-Team nach Trumps Wahl ein Jahr lang fast alle Türen öffnete. Paul-Josef Raue schaute sich für seine Kolumne "Mission Wahrheit", die brillante Dokumentation auf Arte, an; sie ist stärker als die Netflix-Serie "House of Cards" und vor allem: wahr, der Realität abgetrotzt.

Braucht eine Demokratie, um den Wert von unabhängigem Journalismus zu verstehen, einen Schock wie Trump? Brauchen auch Journalisten solch brachiale Ausfälle wie die von Trump, um mehr Haltung und unabhängige Recherche zu zeigen?  Dean Baquet, Chefredakteur der "New York Times" beschreibt die Gegner, die die freie Presse schleifen wollen:

"Wir haben einen Präsidenten, der kein Problem damit hat, nicht die Wahrheit zu sagen. Wir haben eine Linke, die nicht hören will, was die andere Seite zu sagen hat. Und eine Rechte, die es genauso macht. Und all diese Gruppierungen zerpflücken jeden unserer Artikel und suchen nach Fehlern. Ich glaube, das wird in vielerlei Hinsicht ein Härtetest für uns." Die Redaktion hat den Härtetest nicht nur bestanden, sondern ist in den Kämpfen mit Trump und anderen Widersachern immer stärker geworden - trotz Sparzwängen, Streiks in der Redaktion und neuen, dem Internet geschuldeten Strukturen. Erfahrene Journalisten wie der Chefredakteur, der als Reporter seine Karriere begann, holen für sich und ihre jungen Kollegen auch Kraft aus den Kämpfen der Vergangenheit:

"Die Angriffe auf uns tun weh. Aber das gab es schon mal, zurzeit von Vietnam. Damals haben viele Menschen die 'New York Times' angegriffen, sie als bösartig und Agitator beschimpft. Dazu kann ich nur sagen: Diese Leute sind weg, die 'New York Times' ist immer noch da."

Trump ist für die "New York Times" ein ebenso schwerer wie seltsamer Gegner: Er ist der Präsident - und fasziniert von der Zeitung, geradezu besessen. Im November 2016 berichtete diese Kolumne über ein Treffen und Interview mit Trump im Hochhaus der "New York Times": Es herrscht eine gelöste Atmosphäre, Trump umgarnt den Verleger, nennt ihn "Arthur" wie einen alten Freund, begrüßt die Korrespondentin im Weißen Haus mit "Hi, Julie" und bekennt: "Also, ich weiß das Treffen wirklich zu schätzen und habe großen Respekt vor der 'New York Times'. Riesigen Respekt. Sie ist etwas ganz Besonderes. War schon immer etwas ganz Besonderes."

Regisseurin Liz Garbus drehte einen Film, der sehr nah an die Personen rückt, buchstäblich. Es gibt Szenen, die einem das Herz zerreißen und über die man in einem TV-Drama lächelte: Eine Reporterin kauert mitten im Stress hingesunken an einem Pfeiler im Büro, telefoniert mit ihrem Son, der fragt, wann sie endlich nach Hause komme - und sie kann nur noch sagen: "Ich habe Dich lieb." Solche Szenen wirken wie erfunden, sind  aber real. Die Redakteure können sich nicht verstellen oder eine Rolle spielen, wenn ein Film-Team ihnen ein Jahr in den Gängen und Konferenzen auflauert.

Wir sehen charismatische Typen abseits aller Klischees: Dean Baquet ist ein Chefredakteur mit elegantem Anzug, der sich bei Starbucks selber seinen Kaffee holt, seinen Redakteuren respektvoll und souverän begegnet und auch mal in einer der Arbeitsboxen sitzt, die typisch sind für die Großraum-Hallen amerikanischer Redaktionen. Für "House of Cards" wäre der Chefredakteur nicht zynisch genug ebenso wenig wie Elisabeth Bumiller, die erfahrene Chefin des Washingtoner Büros, die auch mal, verzweifelt ob der Entscheidungen in der New Yorker Zentrale, ihren Stellvertreter reden lässt, um nicht aus der Haut zu fahren und einen Rauswurf zu riskieren.

Zu "House of Cards" würde allerdings Maggie Haberman passen: Sie kommt von der Boulevard-Zeitung "New York Post", war dort für Trump zuständig, der vor zwanzig Jahren für den New Yorker Klatsch eine erste Adresse war. Trump mochte sie, sie mochte ihn, aber hoffte schon, dass sie nach der Wahl nicht mehr über ihn schreiben müsste. Da rief die "New York Times" an, für die eine Journalistin Gold wert war, der Trump vertraute. Und der Präsident ruft sie immer noch an, etwa als es ihm nicht gelungen war, Obamas Gesundheits-Reform zu kippen.

Ein Hauch von Watergate ist zu spüren: Die Kamera zwängt sich in die schmalen Redakteursboxen, schweift über Papierberge auf Schreibtischen und schaut Mark Mazzetti und Matt Apuzzo über die Schulterm, die über die russische Einmischung in den Wahlkampf recherchieren. Die Kamera ist dabei, wenn Michael Shear zufällig hört, dass Trump FBI-Direktor James Comey entlassen hat; Comey erfährt den Rauswurf aus Shears Artikel.

Der Film ist kein Heldenepos, er ist schonungslos, er zeigt auch die Risse in der Redaktion, die vor allem zwischen Redakteuren und Reportern klaffen. Wir sehen, wie sich der Chefredakteur quält, als er Redakteure entlassen muss. "Ich möchte dafür mehr Investigativ-Reporter einstellen", sagt Dean Baquet. Die Kamera zeigt den Streik der gekündigten Redakteure, zeigt eine leere Redaktion und einsam darin  den Chefredakteur; sie zeigt Stockwerke, die im New Yorker Tower von Redakteuren geräumt werden, um sie zu vermieten.

Das ökonomische Elend der Presse wird sichtbar: Facebook und Google recherchieren nicht, aber verdienen viel Geld mit den Recherchen der "New York Times"; immer mehr Personal muss die Online-Maschine bedienen, die kaum Gewinn abwirft; die Werbung verlässt die Zeitungen und wechselt auf die Plattformen; die "Washington Post", der härteste Konkurrent, hat einen neuen Besitzer: den Amazon-Gründer Jeff Bezos, den reichsten Mann der Welt.

Der Chefredakteur klagt nicht, er stellt fest: "Journalisten müssen heute härter arbeiten als zu meiner Zeit. Es ist ein 24-Stunden-Job. Man muss auf Twitter und in anderen Netzwerken aktiv sein, man muss im Fernsehen auftreten, Artikel schreiben und aufpassen, dass man nicht von der Washington Post geschlagen wird. Es wird immer härter."

Die Dokumentation zeigt, unter welchen Bedingungen Qualitäts-Journalismus erfolgreich sein kann - auch in Deutschland: Recherche durch unbestechliche Reporter, die ihr Handwerk beherrschen und wissen, dass ihre Informationen stimmen und zu beweisen sein müssen. Das kostet Zeit und Geld, denn "Informanten und Quellen muss man pflegen, wie alle menschlichen Beziehungen".

Es reicht nicht, wie eben nicht, Funktionäre, Minister und Pressestellen gut zu kennen und zu hofieren: Aus der PR-Maschine kommt nur heraus, was die Mächtigen eingeben. Das reicht nicht, erst recht nicht wenn sich mächtige Typen wie Trump mit den Medien anlegen. Dean Baquet, der Chefredakteur der Times, sagt: "Das Nachrichtengeschäft verlangt viel, aber gibt wenig zurück."

Welche Redaktion in Deutschland wagt es, sich über eine längere Zeit auf die Finger und in die Gesichter schauen zu lassen? Wer will den Bürger zeigen und  erklären, wie eine Redaktion und ein Verlag wirklich arbeiten? Von der Offenheit sprechen viele, aber bleiben in kleinen Aktionen und kurzen Artikeln stecken. Wenn Journalismus für eine Demokratie und eine vitale Gesellschaft wesentlich ist, dann sollten Redaktionen nicht nur von Anderen Offenheit verlangen. Das könnte die Botschaft von "Mission Wahrheit" sein.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, in dem im Blogger-Kapitel die "New York Times" mit der obersten journalistischen Maxime zitiert wird: "Etwas als Erster zu bekommen, ist leicht; es korrekt zu haben, ist teuer." Im Klartext-Verlag erscheint gerade Raues Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.