"Wir fragen unsere kressköpfe": Wie Gerichtsreporter Bastian Schlüter sich in die Hirne von Serienmördern denkt

 

Mord ist sein Geschäft. Aber auch die Frage, wie Richter, Staatsanwälte und Verteidiger an den Landgerichten ticken. Seit rund 20 Jahren hat sich Bastian Schlüter auf Prozessberichterstattung spezialisiert - für "Bild", "Bams" und viele TV-Sender. Im "kressköpfe"-Interview verrät er, wie er sich im Paragrafen-Dschungel schlägt und warum er Mitstreiter sucht, die ihn bei der Recherche- und TV-Arbeit unterstützen.

kress.de: Herr Schlüter, viele Journalisten-Kollegen kommen gelegentlich ins Schwimmen, wenn es um die Welt der Paragrafen und der Prozessordnungen geht. Wie kommt man denn dazu, sich auf juristische Themen zu spezialisieren?

Bastian Schlüter: Ich bin seit 20 Jahren selbstständig und war viele Jahre auf ein Bundesland (MV) konzentriert. Irgendwann sind mir die bundesweiten Themen ausgegangen, und ich habe überlegt, auf was ich mich spezialisieren kann. Gerichtsthemen und Juristerei haben mich immer interessiert, und es gibt nicht viele (freie) Kollegen, die das nicht können und wollen. Viele Juristen freuen sich, wenn sie Nicht-Juristen ihre Arbeit näher bringen und erläutern können.

kress.de: Was hat bei Ihnen den Ausschlag gegeben, sich auf Gerichtsberichterstattung zu konzentrieren?

Bastian Schlüter: Ich habe irgendwann herausgefunden, dass ich, wenn ich über Prozesse und gerichtsanhängige Verfahren berichte, meinen Fokus nicht auf eine Stadt oder ein Bundesland konzentrieren muss. Somit habe ich plötzlich eine neue und große Themenvielfalt entdeckt. Ein Vorteil: Klappt es in einem Fall mal nicht, liegen direkt zehn neue Fälle auf dem Schreibtisch!

kress.de: Gibt es den einen spektakulären Fall, der dauerhaft Ihre Neugierde weckt, sich so zu spezialisieren?

Bastian Schlüter: Niels Högel, Ex-Krankenpfleger, bezeichnet sich selbst als "größter deutscher Serienkiller der Nachkriegsgeschichte". Sein dritter Mordprozess (100 Mord-Anklagen!) läuft gerade vor dem Landgericht Oldenburg. Seit rund drei Jahren habe ich intensiven Kontakt zu ihm, und habe ihn auch schon mehrmals im Gefängnis besucht. Ich bin sein offizieller Pressekontakt. Mich reizt hier besonders, detektivisch und investigativ hinter die Fassade dieses Mörders zu schauen, eine Vertrauensstellung zu besitzen und dennoch die notwendige Distanz zu halten.

kress.de: Wenn Sie zurückblicken: Was waren Gerichtsfälle, die Sie zuletzt mit Haut und Haaren packten?

Bastian Schlüter: Mich berührt tatsächlich nur noch sehr wenig, obwohl ich ein sehr empathischer Mensch bin. Der Fall der zweijährigen Amy aus Lübeck, die von ihrem eigenen Vater und seinem Freund über Monate schwer missbraucht worden ist, hat mich aber an meinen Grenzen gebracht. Als Missbrauchsvideos im Saal vorgespielt wurden, die bis zu 70 Skype-Benutzer live während des Missbrauchs mit anschauen und kommentieren durften, kamen mir die Tränen in die Augen. Eigentlich war die Öffentlichkeit ausgeschlossen, doch alle Besucher und Journalisten hörten von draußen die "Mama"- und "Papa"-Schreie des Mädchens. Ich konnte dann das Vertrauen zur Mutter aufbauen, und sie gab mir ein einziges und exklusives Interview.

"Das Allerwichtigste ist neben dem grundsätzlichen Interesse der Faktor Zeit!"

kress.de: Die journalistische Arbeit an Gerichten ist nicht immer leicht zu planen, oft gibt es Hürden, kurzfristig verschobene oder gar geplatzte Termine: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Eigenschaft, die man mitbringen muss, um auch über die Strecke am Ball zu bleiben?

Bastian Schlüter: Das Allerwichtigste ist neben dem grundsätzlichen Interesse der Faktor Zeit! Wer wirklich wissen will, was passiert ist und wer danach oder davor und währenddessen mit Prozessbeteiligten in Kontakt treten möchte, muss die Zeit mitbringen, sich darauf vorzubereiten und auf den richtigen Moment warten. Vielen, gerade festangestellten Kollegen, ist das in der heutigen Zeit nicht möglich – das ist einer meiner großen Vorteile.

kress.de: Wenn Sie jüngere Kollegen ein wenig hinter die Kulissen blicken lassen: Was muss man mitbringen, um ein guter Gerichtsreporter zu werden?

Bastian Schlüter: Interesse an der Materie. Offenes und freundliches Auftreten. Vor allem Menschenkenntnis, um zu wissen, wen man wann und wie ansprechen kann. Und viel Empathie, gerade wenn es darum geht, Opfer oder Opferangehörige anzusprechen. Und eine gewissen Form von Selbstbewusstsein und Frechheit, um auch mal einen wirklichen bösen Angeklagten/Verurteilten anzusprechen und mit Fragen zu konfrontieren.

kress.de: Wie wichtig ist es, die oft ja etwas verschlossenen Akteure der Branche - Richter, Staatsanwälte, Pressestellenleiter - gut zu kennen und einschätzen zu können?

Bastian Schlüter: (Über-) Lebenswichtig! Es kommt immer mal wieder vor, dass bestimmte Redaktionen wünschen, z.B. einen Richter aufgrund eines "zu laschen" Urteils mit der Kamera zu konfrontieren. So etwas mache ich grundsätzlich nicht! Ich akzeptiere die jeweilige Stellung der Juristen: Der Verteidiger "spielt sein Spiel", der Staatsanwalt muss fordern, was er für richtig hält – und das Gericht kann nur urteilen, was im rechtlichen Rahmen möglich ist. Respekt ist wichtig. Und man muss versuchen, die Protagonisten schnell einschätzen zu können.

kress.de: Wie bauen Sie Ihre Netzwerke aus - und wie viele Bahnkilometer muss man dafür eigentlich jährlich hinter sich bringen?

Bastian Schlüter: Ich telefoniere täglich mit schon bekannten als auch neuen Anwälten und Pressestellen der Gerichte und Staatsanwaltschaften. Dabei versuche ich, mich auf ein paar Handvoll zu konzentrieren und einen intensiven Kontakt aufzubauen, auch, um in manchen Fällen mal mehr zu erfahren als offiziell bekannt gegeben wird. Ich fahre meistens mit dem Auto, weil ich ja oft auch selbst die Kamera bediene - etwa 40.000 Kilometer im Jahr.

kress.de: Wenn Sie auf Ihren eigenen Werdegang zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt?

Bastian Schlüter: Mitte der 90er habe ich ein Volontariat als VJ (Videojournalist) gemacht. Wir wurden einfach ins "kalte Wasser" geschubst, mussten zum Teil alleine recherchieren, drehen, interviewen, schneiden und vertonen – und manchmal noch selbst einen eigenen Aufsager produzieren. In der Zeit habe ich sehr viel gelernt und bin oft an meine Grenzen geraten.

kress.de: Die Themen, mit denen Sie sich beruflich beschäftigen - darunter ja auch viele Gewaltverbrechen -, dürften ja auch bis ins Private hinein belastend sein: Wo finden Sie am Feierabend Ihren Ausgleich?

Bastian Schlüter: Ich habe viele Jahre lang als „Schlager-DJ“ und Moderator gearbeitet und lustige Wochenenden erlebt, das war ein toller Ausgleich. Jetzt treffe ich mich gern und häufig mit Freunden und mache ein bisschen Sport. Im Moment mache ich gerade meinen Bootsführerschein, um dann möglichst viel auf dem Wasser sein zu können.

kress.de: Sie führen schon länger ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist die einfache Erreichbarkeit und das Sich-Vernetzen für Ihre Arbeit?

Bastian Schlüter: Netzwerk ist und bleibt mega wichtig! kress ist eine tolle und professionelle Anlaufstelle, wenn man mal einen bestimmten Kontakt sucht oder schauen möchte, wo der eine oder andere Kollege abgeblieben ist.

"Ich bin ständig auf der Suche nach (jungen) Menschen, die Lust haben, mich zu unterstützen."

kress.de: Welche Neuigkeiten beziehen Sie aus der Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Bastian Schlüter: Für mich sind zwei Dinge wichtige - einmal: ich möchte gern wissen, wie sich andere Kollegen so verändern bzw. welche neuen Wege sie gehen. Zweitens interessiert mich, welche neuen Projekte/Magazine/Studien es gibt, damit ich weiß, ob ich mich mit meiner speziellen Arbeit einbringen kann. Eine Sache habe ich zudem noch auf dem Herzen: Ich bin ständig auf der Suche nach (jungen) Menschen, die Lust haben, mich zu unterstützen. Dazu gehören Rechercheure genauso wie Kameraleute, die den Weg in die Branche suchen – und dies alles gern weltweit!

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