Journalismus-Kolumne: Wie bekämpft man "Fake News" wirksam?

 

Nicht einmal ein Drittel der Leser traut den Nachrichten auf Facebook –  es sei denn der Absender ist die Redaktion einer Zeitung oder von ARD und ZDF, denen vertrauen rund 70 Prozent der Bürger. Diese Umfrage müsste Ansporn sein,  fundierter gegen bewusste Desinformation vorzugehen – so wie es die Unesco zeigt mit ihrem Handbuch zu "Journalismus, 'Fake News' & Desinformation". Paul-Josef Raue hat das Buch gelesen.

Von der "Geißel der Nachrichten-Fälschungen" schreiben Julie Posetti und Cherilyn Ireton, die beiden Herausgeberinnen des UN-Handbuchs, vom "Desinformationskrieg", in dem Journalisten zum Hauptziel von "starken" Politikern wie Trump und Duerte und von trügerischen Unternehmen werden.

Die beiden Wissenschaftlerinnen haben das  Hand- und Trainingsbuch nicht nur für die Aus- und Weiterbildung von Redakteuren entwickelt, sondern auch für Schulen und Akademien. Denn es drängt die Zeit: Die etablierten Medien verlieren immer mehr die  jungen Leute unter 20, die Digital Natives, die täglich die Desinformation in den sozialen  Netzen erfahren. 

Die Generation Internet sucht dringend  Absender, denen sie vertrauen kann – aber sie sieht kaum die seriösen Medien als vertrauenswürdige Partner; sie ist rundum skeptisch, probiert einfach mal dies und das aus, fand die PWC-Studie heraus, erstellt  im Auftrag der Zeitschriften-Verleger.

Das ist die einfache Logik des Internets: Experimentieren – bis es klappt. Darin können Journalisten, Medien-Manager und Lehrer, die Regeln und Prinzipien schätzen, eine Chance entdecken: In Schul-Projekten oder Workshops mit den jungen Leuten auf die Pirsch zu gehen. Das sind die Fragen: Wie können wir Fälschungen erkennen? Wie gehen wir damit um? Und – was ist die Qualität des Journalismus, der wir alle vertrauen können? Die Antworten geben zum Teil die Jungen selber, wenn es um die Techniken geht, die Quelle einer Desinformation zu entdecken. So können auch die älteren Redakteure lernen in einer Kommunikation, die dann nur Gewinner kennt.

Gerade für die jungen Leute ist nicht allein entscheidend, ob eine Nachricht wahr ist, sie wollen auch wissen, wie sie entsteht, welches die Quellen sind und wie Journalisten mit Informationen umgehen. "Transparenz ist die neue Objektivität", folgert David Weinberger, Wissenschaftler an der Harvard-Universität.

Das sind die sieben ethischen Grundregeln des UN-Handbuchs, die Basis journalistischer Qualität:

-  Genauigkeit: Journalisten können nicht immer die "Wahrheit" garantieren; aber genau zu sein und nach Fehlern die Fakten zu korrigieren, bleibt ein Grundprinzip.

-  Unabhängigkeit: Journalisten handeln nicht im Namen von Sonderinteressen; sie können mögliche Interessenkonflikte erklären.

-  Fairness: Journalisten recherchieren und bewerten Informationen offen und verständnisvoll. Sie stellen einen Zusammenhang her und zeigen konkurrierende Perspektiven, um Vertrauen in die Berichterstattung zu erzeugen.

-  Vertraulichkeit: Ein Grundsatz des investigativen Journalismus ist der Schutz vertraulicher Quellen (mit geringen Ausnahmen). Dies ist von wesentlicher Bedeutung, um das Vertrauen in die Quellen zu erhalten und in einigen Fällen die Sicherheit dieser Quellen zu gewährleisten.

-  Menschlichkeit: Was Journalisten veröffentlichen, kann Menschen schaden. Sie müssen also die Wirkungen auf das Leben anderer berücksichtigen. Das öffentliche Interesse ist dabei das Leitmotiv.

-  Verantwortlichkeit bedeutet: Fehler unverzüglich, deutlich und aufrichtig zu korrigieren und auf die Anliegen des Publikums zu hören und zu reagieren.

-  Transparenz: Journalisten sind verpflichtet, Rechenschaft zu leisten, um Vertrauen in den  Journalismus zu entwickeln und aufrecht zu halten.

Das Handbuch ist auch ein Lehrbuch mit Lehrplänen, Lernzielen und Grafiken, mit theoretischen und praktischen Übungen, mit Hinweisen auf Lehr-Material und weiterführender Literatur. Aufgeteilt ist es in sieben Module:

1. Die Schlüsselbegriffe "Wahrheit und  Vertrauen"

Das Vertrauen in den Journalismus war schon geschwächt, bevor das Internet und die Sozialen Netze aufkamen;  das Misstrauen gegenüber den Medien folgt dem Vertrauensverlust in viele Institutionen der Gesellschaft. Die schiere Menge von Desinformationen, als Nachrichten verkleidet, hat das Vertrauen in den Journalismus weiter ausgehöhlt. 

2. Die Formen der Desinformation

Ist "Fake News" überhaupt ein Begriff, den Journalisten nutzen können? Ist er nicht zum Kampfbegriff gegen seriösen Journalismus geworden? Haben ihn nicht Politiker wie Trump – oder bei uns Pegida und AfD – so negativ aufgeladen, dass er für eine sachliche Debatte untauglich geworden ist? "Fake News" ist ein Oxymoron, ein sich widersprechender Begriff: Ein Teil des Begriffs bezeichnet Nachrichten, also Informationen, nach denen sich die Menschen richten können, die wahr sind; der zweite Teil des Worts bezeichnet das genaue Gegenteil. Der Begriff sollte also gemieden werden.

In diesem Modul werden auch Kategorien der Desinformation analysiert und bewertet wie Satire und Parodie, reißerische Überschriften, irreführende Bildzeilen sowie echte Informationen, die aus dem Zusammenhang gerissen werden.

3.  Der Niedergang der Nachrichtenindustrie und die Verbreitung von Fehlinformationen

Das digitale Zeitalter provoziert den Zusammenbruch vieler Geschäftsmodelle kommerzieller Nachrichtenmedien und fördert den Aufstieg von Social-Media -Plattformen, auf denen die rasante Verbreitung von Desinformationen ermöglicht wird. Kritisch analysiert werden in diesem Modul auch die Reaktionen der Medien auf die Informationsstörungen.

4.    Der Unterschied von wahren und gefälschten Geschichten

Die Unesco hat ein Konzept für  Medien- und Informationskompetenz (MIL) entwickelt, um offensichtliche und unterschwellige Informationsstörungen zu entdecken.

5.   Faktenprüfung

Politiker, Marketing-Experten und Interessengruppen versuchen, andere zu überzeugen, dabei verzerren, übertreiben und verschleiern sie gerne. Dieses Modul zielt darauf ab, die Teilnehmer mit einer Methodik auszustatten, wie man Fakten überprüft.

6.    Wie man Quellen in sozialen Netzen auf Echtheit prüfen kann

Welche Strategien gibt es,  um die Echtheit von Quellen, Fotos und Videos zu prüfen, vor allem in sozialen Netzen?

 7.   Wie können wir Online-Missbrauch bekämpfen, wenn Journalisten und ihre Quellen im Visier sind?

Julie Posetti geht es in diesem Modul um ein tieferes Verständnis, welche Auswirkungen der Online-Missbrauch auf die journalistische Arbeit hat. Journalisten werden oft bewusst getäuscht, falsch informiert und verwirrt. Sie werden bedroht, damit sie ihre Quellen offenlegen, ihre Privatsphäre wird verletzt, um auf ihre unveröffentlichten Daten zugreifen zu können. Es gibt sogar Regierungen, die "digitale Hass-Staffeln" gegen Journalisten mobilisieren, - mit dem Ziel, die Meinungsfreiheit abzuschaffen. Besonders schwer treffen Online-Belästigungen Frauen im Journalismus.

Journalisten als direkte Opfer von Desinformations-Kampagnen können sich wehren, indem sie die Urheber der Kampagnen entlarven. Zudem sollen Nachrichtenmedien Initiativen fördern zur Medien- und Informationskompetenz der Nutzer; und sie sollten die Öffentlichkeit aufklären, warum Journalismus es wert ist, geschätzt und geschützt zu werden–  als unverzichtbares Mittel gegen Desinformation.

Ist das UN-Handbuch ein Vorbild auch für Deutschland? Projekte müssten zusammengeführt werden wie die "Verification", geleitet von Stefan Voß bei "dpa", die Faktenfinder der "Tagesschau" und andere mehr in deutschen Sendern und Verlagen, die erfolgreich Falschmeldungen aufspüren. In Seminaren und auf Kongressen ist "Online-Recherche und Verifikation" ein Thema wie beispielsweise bei der ARD-ZDF-Medienakademie. Finanzieren könnte man ein solches Großprojekt beispielsweise aus Mitteln der Medienanstalten, die Medienkompetenz schon intensiv fördern.

In England hat BBC-Generaldirektor Tony Hall versprochen, dass der Sender Reporter in Schulen schickt, um Schülern zu erklären, wie man Unwahrheiten in Nachrichten entdeckt: "Wir nutzen die Grundprinzipien des Journalismus, um kritisches Denken zu vermitteln", sagte er in einer Rede beim Treffen der Photographen-Gesellschaft. Und weiter:

"Eine Wählerschaft, die sich nicht auf eine Reihe freier Medien verlassen kann, ist eine Wählerschaft, die praktisch entrechtet ist. Wir alle haben also die Pflicht, das Vertrauen der Öffentlichkeit in den professionellen Journalismus zu stärken." So sehen es auch die beiden Herausgeberinnen des UN-Handbuchs: Die stärkste Abwehr gegen Desinformation ist ein ethischer und verantwortungsvoller Journalismus!

Herausgeberinnen des Handbuchs: Julie Posetti leitet die Forschung am Reuters Institute for the Study of Journalism der Oxford University;  Cherilyn Ireton ist Geschäftsführerin des World Editors Forum. Unterstützt wurden die Autorinnen von Forschern und Praktikern: Claire Wardle (First Draft News), Alexios Mantzarlis (Poynter), Tom Trewinnard (Meedan), Fergus Bell(Dig Deeper), Magda Abu-Fadil (Spezialist für Medienkompetenz im Libanon), Alice Matthews (Australian Broadcasting Corporation) und Tom Law (Ethical Journalism Network).

Der AutorPaul-Josef Raue leitete über 35 Jahre als Chefredakteur große Regionalzeitungen, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Gerade erscheint bei Klartext die Biografie des Genossenschafts-Gründers: "F. W. Raiffeisen: Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft".  Im vorigen Jahr erschien "Luthers Stil-Lehre", eine Stilfibel für Journalisten. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an verschiedenen Hochschulen.

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