Jobkolumne: Was für ein Chef wären Sie gern?

 

Viele Medienprofis können sich nicht vorstellen, selbst der Chef zu sein: Ihre Vorstellungen von einer Führungskraft passen nicht zu dem, wie sie sich selbst sehen. Doch es gibt viele Arten zu führen, die zur eigenen Persönlichkeit passen müssen, sagt Mediencoach Attila Albert.

"Eigentlich sehe ich mich gar nicht als Führungskraft." Es ist erstaunlich, wie oft man diesen Satz von intelligenten, gebildeten, erfahrenen Medienprofis hört. Sie sind seit Jahren im Beruf, erledigen ihre Arbeit gut. Sie können sich aber nicht vorstellen, selbst der Chef zu sein. Natürlich klingt die Idee reizvoll, die Vorteile - Gehalt, Gestaltungsräume, Prestige - sind klar. Aber die Vorstellung, wie man als Chef sein müsse, passt nicht zu ihrem Selbstbild.

Tatsächlich gibt es jedoch ganz unterschiedliche Arten, "die Führungsrolle wahrzunehmen". Sie sollten zur eigenen Persönlichkeit, zum Umfeld und dem Team passen. Oft ist das Bild, dass jemand vom Chef sein hat, aber einseitig geprägt von früheren Vorgesetzten, etwa aus dem Volontariat oder den ersten Berufsjahren. Es lohnt sich deshalb, sich verschiedene Chefs anzusehen, um zu seinem eigenen Führungsstil zu finden.

Führen durch Druck und Befehl stresst alle 

Manche sind davon überzeugt, dass ein Chef "überlegen" auftreten und zeigen müsse, dass er es besser weiß: Klare Ansage an die Mitarbeiter, Führung durch Druck und Befehl. Dieser Ansatz ist häufig im mittleren Management (z.B. Ressortleitung) und hat seine Vorteile, etwa Klarheit und Durchsetzungskraft. Gleichzeitig stresst dieser Führungsstil: Wer immer nur kämpft, angreift und sich verteidigt, belastet sich selbst und seine zwischenmenschlichen Beziehungen.

Andere gehen mit der Überzeugung heran, dass jeder im Team seinen Beitrag leistet und der Chef sie alle zusammenführt. Wenn der Volontär eine Idee hat, wird sie ebenso anerkannt, als käme sie vom Herausgeber. Diese Chefs führen freundschaftlich, sind beliebt und nicht selten echte Vorbilder. Oft gehen sie zum Top-Management (z.B. Vorstand) und sind nicht selten auf dem Sprung in die Selbstständigkeit. Ihr Stil ist effektiv und vermeidet unnötigen Stress.

Wer zu fürsorglich führt, überlastet sich oft selbst

Wieder andere führen ihre Mitarbeiter, als wären sie Familienmitglieder: Fürsorglich, liebevoll und darauf bedacht, dass es allen gut geht - nicht aus Berechnung, sondern aus echter Überzeugung. Das ist ein verbindender Ansatz, häufig in kleinen Teams, der menschliche Wärme und Verbindung fördert. Allerdings führt er oft dazu, dass diese Chefs notwendige Konflikte meiden und gut gemeinte Zugeständnisse machen, die sie später bereuen.

Ein ganz anderer Führungsstil setzt auf gemeinsame Werte, die ein Team zusammenführen können. Auch hier ist der Chef ein Vorbild, vor allem aber wegen seiner Überzeugungen. Diese Chefs finden sich z.B. im PR-Abteilungen von Nonprofits oder anderen Organisationen. Sie arbeiten ebenso professionell wie andere, legen aber besonderen Wert auf ethische und verbindende Aspekte. Das kann gut funktionieren, aber auch abgehoben und arrogant wirken.

Wer Chef wider Willen ist, leidet am meisten

Das anstrengendste Leben haben Chefs, die eigentlich keine sein wollen: Fachkräfte, die in eine Führungsposition "hineingerutscht" sind. Sie wollen oft noch immer alles selbst erledigen und begraben sich dadurch selbst unter einer Flut von Kleinkram. Oft arbeiten diese Chefs im unteren Management (z.B. Teamleiter) und stehen nicht selten am Rande eines Burnouts. Allerdings machen sie meist andere verantwortlich, als selbst aktiv zu werden. 

Nur die wenigsten entscheiden sich bewusst für einen bestimmten Führungsstil. Stattdessen bildet er sich aus Beobachtungen von Vorbildern und Interpretationen. Ist es gut, als Chef fordernd und harsch aufzutreten? Wird Nachsichtigkeit belohnt oder bestraft? Ist Verständnis für andere eine Schwäche oder eine besondere Stärke? Ist Zynismus ein Zeichen von humorvoller Überlegenheit - oder von verächtlichem Frust, die sich für brillant hält? 

Hilfreich kann es sein, einmal ein Werte-Assessment zu machen: Für sich selbst zu prüfen, was man wichtig findet. Eine solche Übung - vielfach nur eine Tabelle mit aufgelisteten Werten wie Ehrlichkeit, Anerkennung und Offenheit zum Ankreuzen - ist oft erhellender als noch ein Management-Ratgeber: Sie erkennen, wie Sie sein wollen und wie nicht. Am Ende geht es nicht darum, ein bestimmter Chef-Typ zu werden, sondern sich selbst zu kennen und gleichzeitig die Flexibilität zu erschließen, in verschiedenen Situationen angemessen führen zu können.

Zum AutorAttila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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