Die "Colby Free Press" wurde 1888 gegründet, als der Westen der USA noch der Wilde Westen war. Die Lokalzeitung mit einer aktuellen Auflage von 2000 erscheint im Farmland, wo die Bürger Trump wählen. Paul-Josef Raue wollte für seine "Journalismus"-Kolumne auf kress.de erkunden, wie solch winzige Redaktionen arbeiten. Als sein Berliner Freund Lothar Kopp eine Farm nahe Colby besuchte, gab er ihm einen Fragen-Katalog für die Redaktion mit.

Steve Haynes ist Verleger einer typischen amerikanischen Lokalzeitung, der "Colby Free Press" " im US-Bundesstaat Kansas: "Ich glaube, dass wir eine wichtige Aufgabe haben, wenn wir den lokalen Politikern auf die Finger schauen. Da haben die Redaktionen in der Nachbarschaft, in Salina, Kansas City oder  Wichita schon manch größere Skandale ans Tageslicht gebracht. Unsere Aufgabe ist es, solche Sachen zu beobachten und aufzudecken."

Die Redaktion ist klein: zwei Reporterinnen, die rausgehen, schreiben und fotografieren;  ein Redakteur im Newsroom; einer für die Redaktionstechnik; einige Mitarbeiter im Verlag. Sie  sitzen inmitten der 6.000-Einwohner-Stadt in einem schlichten, eingeschossigen Gebäude nahe der Hauptstraße mit einem roten Stummen Verkäufer vor dem Eingang.

Die Reporterinnen verdienen etwa 2500 Dollar im Monat; bezahlten Urlaub gibt es zwei Wochen im Jahr. Nur die erfahrene und verantwortliche Endredakteurin Marian verdient deutlich mehr. Üblich sind in den USA auch kontinuierliche Leistungs-Beurteilungen. "Die mache ich als Herausgeber selbst", erklärt der Verleger, "manchmal allerdings hole ich mir auch Hilfe von außen."

Lokalzeitungen in den USA sind überall in den ländlichen Weiten, nicht nur des Mittleren Westens zu finden. Sie erscheinen im Zentrum eines Bezirks (County), wo zusammenläuft, was das Leben und den Alltag der Menschen bestimmt. Einen Mantel mit Nachrichten aus Washington und der Welt gibt es nicht in diesen Zeitungen.  "Wer an internationalen Nachrichten interessiert ist", so der Verleger, "liest das ,Wall Street Journal', die ,New York Times' oder ,USA Today'. Aber das ist nicht unsere Welt. Ein überregionaler Teil würde uns nichts helfen, denn der Grund, warum die Leser unsere Zeitung kaufen oder abonnieren, ist die Berichterstattung aus ihrer Nachbarschaft."

Die Redakteure leben mit ihren Lesern zusammen und kennen sie. Ein Ombudsmann sei überflüssig, meint der Verleger. "Größere Zeitungen in den USA haben einen Ombudsmann als Vermittler zwischen Leser und Zeitungsmachern, zum Beispiel die ,New York Times' oder der 'Kansas City Star'. Wir achten hier alle ein bisschen auf uns selbst."

Und die Zukunft? "Wir sind auch auf Facebook vertreten, aber nicht auf Twitter. Da ist schon der Präsident unterwegs. Dem können wir keine Konkurrenz machen." Und alle im Newsroom lachen. Seit kurzem kann man die "Colby Free Press" für 89 Dollar im Jahr am Abend zuvor online lesen und auch Videos anschauen, die die Redakteurinnen aufnehmen. Die Technik lernen die Redakteurinnen schon auf der Universität, auf der alle Journalisten ausgebildet werden; ein Volontariat wie in Deutschland gibt es nicht. Die Reporterin Deitra hat gerade ihren College Abschluss in Journalistik gemacht: "Selbstverständlich ist die Ausbildung der Moderne angepasst", sagt der Verleger.

Doch die Recherche und die Kontrolle der Politiker stehe weiter im Zentrum - "auch wenn es keine Korruption in großem Stil gibt hier im Norden von Kansas, anders als im Süden, etwa in Oklahoma oder Texas."  Es gebe persönliche Erfahrungen, die das bestätigen, wie die von Deitra, die aus Oklahoma stammt. "Auch in Arkansas, Kentucky und Tennessee hört man eher etwas über Korruption als bei uns. Aber das heißt nicht, dass hier alles in Ordnung ist."  

Eine US-Studie fand heraus, wie wichtig eine Lokalzeitung für die kommunale Kontrolle ist:  Wo es keine Lokalzeitung mehr gibt, steige die Verschuldung - womöglich, weil weniger Skandale ans Licht kämen, wird gefolgert.

Steht nur noch der Weihnachtsbaum im Raum, buchstäblich, der das gesamte Jahr über am Newsdesk steht: Am amerikanischen Unabhängigkeitstag wird er mit vielen US-Fähnchen geschmückt.

Der Autor

Paul-Josef Raue lernte Lothar Kopp, seinen Fragensteller in Colby, kennen, als dieser eine Zeitlang im Lokaljournalistenprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung arbeitete; für sein Buch über das Sabbatjahr, das Ende des Jahres auch in den USA erscheinen soll, schrieb er das Vorwort. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Im Klartext-Verlag erscheint gerade seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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