"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über "unsere täglichen Fake-News"

 

Nirgends wird so viel gelogen wie in Personalmeldungen. Wieso eigentlich? 

Wenn jemand auf einer Grillparty oder bei einem AfD-Parteitag behaupten würde, dass wir alle Fake News verbreiten, dann würde ich das entschieden zurückweisen. Je nach Tagesform auch mit Abscheu und Empörung.

Es gibt allerdings in unserer Branche eine Ausnahme vom blütenweißen Selbstverständnis, das wir so gerne vor uns hertragen. Da ist die Lüge Standard: bei Personalmeldungen in eigener Sache. Täglich wechseln Menschen von einem Medienunternehmen zu einem anderen. Und sehr viele Firmen und Führungskräfte wollen ihre Umwelt an diesem glücklichen Umstand teilhaben lassen.

Abschiede werden in aller Regel nur dezent kommuniziert und wenn, dann spielt sich alles stets in "gegenseitigem Einvernehmen" oder "auf eigenen Wunsch" ab. Nie feuern Medienunternehmen Mitarbeiter. Nie kündigen Leistungsträger.

Bei Stellenantritten ist die Tonlage dann oft sogar leicht euphorisch. Ausdauernd werden alle angeblichen Erfolge der bisherigen "Karriere" aufgezählt. (Einmal an alle Verfasser von Personalmeldungen, die an "kress" gehen: Lionel Messi hat Karriere gemacht, Taylor Swift auch und meinetwegen auch Klaus Brinkbäumer. Alle anderen haben maximal eine berufliche Laufbahn hinter sich. Danke.) Am Ende der Neueintrittsmeldung gibt es dann oft Stimmen der neuen Vorgesetzten, die den Neuzugang überschwänglich loben und seine Qualitäten herausstreichen.

Man stelle sich das kurz einmal in anderen, normalen Branchen vor: "Wir freuen uns sehr, dass wir den Zimmermann Hermann Meier für unser Unternehmen gewinnen konnten. Er hat in den letzten Jahren vorbildlich genagelt. Am Hobel positionierte er sich als einer der führenden Holzarbeiter im südlichen Baden-Württemberg."

Es ist leider die Wahrheit: Schon die durchschnittliche Personalmeldung in unserer Branche schrammt heutzutage hart an der Realsatire vorbei.

Zwanghaftes Selbstmarketing

Rätselhaft bleibt, warum dieser Stuss tagtäglich produziert wird, obwohl doch alle wissen, dass vieles davon einem Realitätscheck nicht standhält. Eine Erklärung hat damit zu tun, dass wir uns alle gerne ein bisschen zu wichtig nehmen. Und der Hang zur Selbstvermarktung hat in Zeiten von Twitter und Co. eher noch zugenommen. Alternative Erklärungen habe ich nicht im Angebot (Ideen sehr gerne an: markus.wiegand(at)kresspro.de).

Wir möchten Ihnen an dieser Stelle eine Ermutigung mit auf den Weg geben: Wenn Sie jemals von Ihrem Arbeitgeber gefeuert werden sollten und Wert darauf legen, die Nachwelt ins Bild zu setzen: Schreiben Sie, wie es wirklich war.

Dass es Streit gab.

Dass der Arbeitgeber seine Versprechen gebrochen hat.

Dass der Verleger sich ständig eingemischt hat.

Dass die Anteilseigner genervt haben.

Dass Sie zu wenig verdient haben.

Dass sich Ihre Frau/Ihr Mann/Ihre Kinder in der verdammten Provinz nicht wohl gefühlt haben.

Das sind die Gründe, die ich jede Woche höre, wenn ich mit den Menschen spreche. Wenn Sie in eigener Sache nicht mutig genug für die Wahrheit sind: okay. Aber räumen Sie dann wenigstens "unterschiedliche Auffassungen" über die künftige Ausrichtung ein. Schreiben Sie bloß nicht, dass sie sich "in gegenseitigem Einvernehmen" getrennt haben. Nichts ist überflüssiger als Führungskräfte ohne Rückgrat. Außerdem ist die Floskel Blödsinn. Schließlich hört man nur sehr selten, dass Unternehmen Führungskräfte an ihrem Schreibtisch anketten, um sie von einem Wechsel abzuhalten. Auch Sitzblockaden der Gefeuerten sind Ausnahmen. Meist einigen sich die Beteiligten vorher.

Gestatten Sie mir zum Schluss noch den Hinweis, dass ich diese Zeilen auf eigenen Wunsch verfasst habe, in gutem Einvernehmen mit dem Verleger, den Kollegen - und mir selbst.

kress.de-Tipp! Der Beitrag von Chefredakteur Markus Wiegand ist das Editorial zur "kress pro"-Ausgabe 9/2018. Diesen weiteren Themen erwarten Sie auf den insgesamt 108 Seiten. Das Heft kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann es unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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