Standard-Chefredakteur Martin Kotynek über das Arbeiten in drei Geschwindigkeiten

11.12.2018
 

Martin Kotynek, Chefredakteur des österreichischen "Standard" zählt zu den jungen 25 Top-Führungskräften im "kress pro"-Ranking. Im Interview sagt er, was er beim Abendessen mit den Lesern lernt.

"kress pro": Herr Kotynek, Sie sind im November 2017 im Alter von nur 34 Jahren Chefredakteur einer der wichtigsten österreichischen Tageszeitungen geworden. War das ein Ergebnis zielstrebiger, strategisch angelegter Karriereplanung?

Martin Kotynek: Es hat sich so ergeben. Ich war in meinem vorherigen Job als stellvertretender Chefredakteur von Zeit Online sehr glücklich, bekam aber nach 15 Jahren in Deutschland die Möglichkeit, in meiner Heimatstadt Wien bei jenem Haus zu arbeiten, das meinen allerersten Artikel veröffentlicht und zu meiner Entscheidung beigetragen hat, Journalist zu werden. "Der Standard" hat großes Potenzial, das ich gerne weiterentwickeln möchte. Wir haben schon jetzt um die 30 Millionen Visits pro Monat. Das ist etwa die Hälfte dessen, was Zeit Online oder süddeutsche.de erzielen - in einem Land mit einem Zehntel der Bevölkerung Deutschlands.

"kress pro": Studiert haben Sie Neurobiologie. Wie sind Sie an den Journalismus geraten?

Martin Kotynek: Ich wollte Wissenschaftsjournalist werden und ein Fachgebiet gründlich kennenlernen. Das hat auch geklappt: Ich war anfangs eine Zeit lang für die Wissenschaftsredaktion der "Süddeutschen Zeitung" tätig.

"kress pro": Hilft Ihnen die naturwissenschaftliche Ausbildung in Ihrer jetzigen Position?

Martin Kotynek: Ein Verständnis von wissenschaftlichem Arbeiten ist hilfreich, wenn man experimentell arbeitet, etwa mit Techniken des Design Thinkings. Man stellt eine Hypothese auf, testet sie, und trifft auf dieser Grundlage Entscheidungen.

"kress pro": Mit Design Thinking haben Sie sich in Ihrer Zeit als Knight Journalism Fellow an der Stanford University beschäftigt. Nutzen Sie diese Erfahrung jetzt?

Martin Kotynek: Ich habe mich gleich nach dem Start mit mehreren Gruppen aus drei bis vier Lesern zum Abendessen getroffen und versucht, durch tiefe Gespräche ihre Bedürfnisse im Hinblick auf den Nachrichtenkonsum zu erfahren. Eines der Bedürfnisse war der Wunsch nach Tempo und Tiefe in der Berichterstattung zugleich. Wir haben daraufhin die Strategie der drei Geschwindigkeiten eingeführt: Wir denken bei der Entwicklung von Themen in den Kategorien schnell, mittel und langsam. Ein zweiter Wunsch war der nach Ausgewogenheit. Die Leser wollen, dass wir ihnen die Argumente für und gegen ein neues Vorhaben der Bundesregierung darlegen. Sie haben klar formuliert, dass sie erst einmal ein möglichst breites Spektrum an Informationen und Argumenten haben wollen, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können. Sie wollen nicht vorgeschrieben bekommen, was sie zu denken haben. Wir haben dafür das Format "Für & Wider" entwickelt.

"kress pro": Wie sieht die Arbeit in drei Geschwindigkeiten in der Praxis aus?

Martin Kotynek: Ein Beispiel: In Wien wird das Krankenhaus Nord gebaut, und die Stadt hat für 95.000 Euro einen Schamanen damit beauftragt, einen Energieschutzring darum zu errichten. Ein Kollege hat sofort über dieses Thema berichtet. Ein weiterer hat sich um die mittlere Geschwindigkeit gekümmert: um die Geschichte von morgen und übermorgen. Er hat ein Interview mit der verantwortlichen Stadträtin geführt und recherchiert, in welchen anderen öffentlichen Dienstleistungen Esoterik eine Rolle spielt. So wurden etwa entlang der Autobahnen teilweise Energiesteine errichtet, um die Unfallhäufigkeit zu reduzieren. Und ein Dritter war für den Wochenendaufmacher in der Samstagszeitung zum Phänomen Esoterik und einen großen Online-Schwerpunkt verantwortlich. Wir wollen so verhindern, dass ausgeruhte Geschichten schnell, schnell geschrieben werden oder wir bei schnellen Geschichten zu langsam sind. 

kress.de-Tipp! Das komplette Interview mit "Standard"-Chefredakteur Martin Kotynek ist in der "kress pro"-Ausgabe 8/2018 erschienen. Darin sagt Kotynek gegenüber "kress pro"-Autor Henning Kornfeld auch, warum er 13 Moderatoren für die Pflege der Community einsetzt und wie er in Deutschland Nutzer gewinnen will. Das "kress pro"-Heft 8/2018 mit diesen weiteren Themen kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann es unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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