Job-Kolumne: Raus aus dem ewig gleichen Job

 

Seit Ewigkeiten im selben Job: Wer sich nach zehn oder mehr Jahren noch einmal beruflich verändern will, steht vor besonderen Herausforderungen und muss zuerst einmal die Macht der Gewohnheit durchbrechen. Mediencoach Attila Albert über die wichtigsten Schritte für den Neuanfang.

Meistens war es gar nicht so geplant, doch irgendwann wurde aus der neuen Stelle in der Redaktion eine Dauerposition. Viele Medienprofis sind seit zehn oder mehr Jahren im selben Job und haben immer mehr das Gefühl, gar keine andere Chance mehr zu haben in dieser völlig veränderten Medienwelt. Anforderungen und Angebote sind heute völlig anders als in den 90er Jahren, als mancher Arbeitsvertrag unterschrieben wurde, der noch immer gilt.

Ein Neuanfang nach vielen Jahren im selben Job hat ganz besonderen Herausforderungen. Zuerst müssen Sie selbst aus der Macht der Gewohnheit ausbrechen - und dann andere davon überzeugen, in Ihnen mehr als bisher zu sehen. Zudem sind viele praktische Dinge zu erledigen, die Sie vielleicht schon ewig nicht mehr gemacht haben (z. B. Bewerbungen) und sich dabei deshalb unsicher fühlen. Die folgenden Schritte können Ihnen dabei helfen.

Beginnen Sie, sich Ihre Zukunft neu auszumalen

Der erste Schritt ist ein Umdenken: Langsam zu der Überzeugung kommen, dass Sie auch noch etwas anderes können und - trotz der vielen Jahren der Routine - noch unentdecktes oder zu wenig genutztes Potential haben. Dafür gibt es Selbstzweifel zu überwinden: Finde ich überhaupt noch etwas Neues? Aber auch eine realistische Selbstreflektion ist nötig, etwa ein Blick auf eventuell noch fehlende Qualifikationen (z. B. tieferes Digital-Wissen). Malen Sie sich aus, wie Sie zukünftig sein wollen: Wo Sie arbeiten wollen, wie und mit wem.

Schauen Sie auch einmal kritisch in den Spiegel: Passt das, was Sie da sehen, zu Ihrem eigenen Ziel? Wer jeden Tag im zerknitterten T-Shirt und alten Jeans kommt, muss für den gewünschten Aufstieg zur Führungskraft vielleicht seinen Look verändern. Wer noch immer den Haarschnitt trägt, den er im München der 80er Jahre hatte, wird möglicherweise Mühe haben, sich als moderner Erneuerer zu präsentieren. Fragen Sie im Zweifel nach Feedback.

Machen Sie Ihre Internetprofile zu Ihrer Visitenkarte

Ihre Internetprofile sind im Google-Zeitalter Ihre berufliche Visitenkarte. Achten Sie also darauf, dass Ihr Lebenslauf auf LinkedIn oder Xing vollständig ausgefüllt ist und erkennen lässt, was Sie in den jeweiligen Positionen gemacht haben. Das Foto sollte professionell und aktuell sein. Also kein alter Urlaubsschnappschuss oder gar kein Bild. Idealerweise haben Sie eine kleine eigene Webpräsenz mit Arbeitsproben, die Sie verlinken können.

Auch vermeintlich private Profile bei Facebook, Twitter oder Instagram sollten Sie unter beruflichen Aspekten überprüfen. Freunde und ehemalige Arbeitskollegen, mit denen Sie hier verbunden sind, stellen gleichzeitig eine der wichtigsten Quelle für berufliche Empfehlungen dar. Sie müssen sich nicht verstellen. Achten Sie aber ein wenig darauf, welchen Eindruck Sie mit Ihren Fotos und Äußerungen hinterlassen wollen.

Aktualisieren Sie Lebenslauf und Unterlagen

Halten Sie einen aktuellen Lebenslauf bereit. Wenn sich eine kurzfristige Chance (z. B. eine passende Stellenanzeige) bietet, haben Sie wahrscheinlich keine Zeit mehr, sich darum zu kümmern. Die aktuell gewünschte Form sollte Ihnen bekannt sein: Ein Kurzprofil mit Foto zu Beginn, danach alle beruflichen Stationen chronologisch absteigend mit jeweils drei bis fünf erklärenden Punkten zu Aufgaben und Verantwortlichkeiten, insgesamt bis zu drei Seiten.

Auch die weiteren Unterlagen einer Bewerbung sollten Sie vollständig und digital vorliegen haben, ansonsten in nächster Zeit besorgen: Scans Ihrer Ausbildungsdokumente und Beurteilungen, dazu eine Auswahl Ihrer besten Artikel, falls Sie sich als Journalist bewerben. Idealerweise haben Sie Ihre gesamten Artikel als pdf gespeichert, damit Sie - je nach Stelle und Themengebiet - passende Beispiele zusammenstellen und mitschicken können.

Bewerben Sie sich ausreichend häufig

Wer sich Ewigkeiten nicht mehr verändert hat, erweckt - da muss man realistisch sein - nicht gerade den Eindruck besonderer Dynamik. Rechnen Sie also mit dem Misstrauen anderer Arbeitgeber, zumal diese wahrscheinlich Bewerbungen anderer Kandidaten vorliegen haben, die durch häufigere Wechsel breitere Erfahrungen gemacht haben. Wollen Sie die Branche wechseln, kommt hinzu, dass Sie im mittleren Lebensalter praktisch Einsteiger sind.

Ihren Werdegang können Sie im Anschreiben und Lebenslauf natürlich ein wenig an die gewünschte Stelle anpassen, aber nicht vollständig verändern. Bewerben Sie sich also zum Ausgleich ausreichend häufig: Fünf bis zehn Bewerbungen pro Monat sollten Ihr Ziel sein, und das über sechs bis neun Monate hinweg. Falls Ihnen Angebote fehlen: Mehr Newsletter (z. B. von Newsroom.de) und Apps (z. B. die Job-App von LinkedIn) hinzunehmen.

Planen Sie Netzwerken im Kalender ein

Wer sich beruflich verändern will, muss anderen erzählen, wer er ist und wonach er sucht, ohne sie subtil unter Druck zu setzen oder zum lästigen Bittsteller zu werden. Planen Sie Netzwerken daher als regelmäßige soziale Aktivität in Ihrem Kalender ein, die beiden Seiten Vergnügen macht, aber gleichzeitig einen klar definierten Zweck hat. Sie treffen sich nicht einfach nur, um mal Kaffee zusammen zu trinken - Sie suchen einen besseren Job.

Sinnvoll sind Treffen mit früheren Kollegen und Chefs. Gehen Sie dafür in Gedanken die Namen durch, die Ihnen noch einfallen, und sammeln Sie sie in einer Liste. Auch bisher Unbekannte können Sie problemlos anschreiben und ein Kennenlernen vorschlagen. Viele Medienprofis, die ewig im gleichen Unternehmen gearbeitet haben, kennen kaum jemanden in anderen Verlags- und Medienhäusern. Diese Lücke sollten Sie schnellstens schließen.

Machen Sie auch privat einen Neuanfang möglich

Eine der größten Hürden für einen beruflichen Neuanfang ist, dass er aktuell privat gar nicht möglich ist. Unbezahlte Häuser, überzogene Girokonten sowie Partner und Kinder, die jeden Umzug ablehnen, bremsen jede Veränderung aus. Nicht jede dieser Hürden werden Sie beseitigen können. Sie sollten aber versuchen, so viele davon zu reduzieren, wie Sie nur können. Beispiel: Billigeren Urlaub planen, dafür den Dispokredit ausgleichen.

Mit manchen Familienmitgliedern werden Sie harte Gespräche führen müssen, etwa darüber, wer aktuell wie viel der finanziellen und organisatorischen Last trägt und wie fair das ist. Hierzu gehört auch das Gespräch mit sich selbst, insbesondere zur eigenen Flexibilität: Wer praktisch den gleichen Job wie bisher sucht, zudem in der selben Stadt, dafür mit ähnlichem oder besseren Gehalt, wird damit seine Mühe haben.

In der Summe ist ein beruflicher Neuanfang nach vielen Jahren im selben Job ein Kraftakt auf vielen Ebenen, also keinesfalls etwas, dass Sie mal eben nebenbei erledigen. Nehmen Sie sich dafür ausreichend Zeit, planen Sie Zwischenziele und Termine für jeden Schritt (Beispiel: Lebenslauf bis 1. Januar aktualisieren). Dann ist ein Wechsel tatsächlich möglich und sogar eine echte Verbesserung, die in all den Jahren zuvor unmöglich schien.

Zum AutorAttila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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