Der Medienmanager des Jahres: Turner tickt anders

 

Die kress-Leser haben Sebastian Turner zum Medienmanager des Jahres gewählt. Turner unterscheiden zwei Dinge von allen anderen. Erstens: seine Strategie. Zweitens: sein Schulweg.

Es ist eine der schöneren Pflichten als Chefredakteur von "kress pro", Menschen darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie ausgezeichnet werden. Denn in der Regel fühlen sich alle geehrt. Und das bietet einen hübschen Kontrast zu den anderen Facetten dieses Berufes. Oft genug nämlich ist die Begeisterung verhalten, wenn man als Branchenjournalist anruft. Schließlich will man meistens ja doch Dinge in Erfahrung bringen, die der Gesprächspartner nicht unbedingt preisgeben möchte. Oder schlimmer noch: Man plant, etwas preiszugeben, das für den Gesprächspartner unangenehm ist.

Als ich Sebastian Turner (52) Ende November anrief und ihm erzählte, dass er unsere Publikumswahl zum "Medienmanager des Jahres" gewonnen hat, fiel seine Reaktion ziemlich verhalten aus. Etwa so, als wollte ich ihm ein Abo verkaufen. Möglicherweise ist die Erklärung für seine Reaktion ganz einfach und Turner gehört einfach zu den Menschen, die sich mehr so nach innen freuen. Beim zweiten Gespräch, das wir als Interview in dieser Ausgabe abdrucken, war Turner dann bester Laune und wies am Ende auf eine kuriose Tatsache hin. Er ist wohl der einzige Preisträger in der Geschichte der "kress awards", der als Bub auf dem Schulweg in Stuttgart jeden Morgen am Büro der Redaktion des "kress reports" vorbeikam, als sich dort Günther Kress als Dienstmann einen Namen machte. Turner wuchs nur wenige Hundert Meter entfernt auf.

Im Interview selbst präsentierte sich Turner gewohnt klug, schlagfertig und eloquent. Der ehemalige Werber ist einfach ein guter Verkäufer. Fast hätten wir nach dem Gespräch umgehend ein "Tagesspiegel"-Abo gelöst.

Turners Strategie ist wirklich ungewöhnlich. Er sucht nach Marktlücken und bietet unter dem Dach der Tageszeitung eine ganze Palette von Angeboten bis hin zu hoch spezialisierten Fachtagungen und Fachdiensten. Seine Idee: In Berlin gibt es fünf große Zielgruppen (Medizin, Verwaltung, Wissenschaft, Digitales, Kultur), die zum "Tagesspiegel" passen und deren Bedürfnisse er befriedigen will, um neue Erlösquellen zu erschließen. Die Daten, die er im Klein-Klein-Geschäft (etwa mit Events oder Newslettern) gewinnt, setzt er anschließend ein, um Abos zu verkaufen.

Theoretisch könnte jede Zeitung das Konzept adaptieren. Sie braucht dazu nur einen urbanen Kern und ein Zielgruppen-Cluster, das attraktiv und groß genug ist (wie beispielsweise in Stuttgart: Beschäftigte in der Autoindustrie). Der Haken an Turners Konzept: Niemand weiß, ob es am Ende auch aufgeht. Die Verluste im klassischen Geschäft sind so groß, dass die Zusatzerlöse dauerhaft den Rückgang wohl nicht auffangen können. Dazu kommt, dass die Zusatz-Services aufwendig sind, weil die Zielgruppen einen hohen Anspruch haben.

Turners Strategie birgt hohe Risiken. Die Alternativen allerdings auch. Was für ihn spricht: Bisher ist unternehmerisch fast alles aufgegangen, was er angepackt hat. Was gegen ihn spricht: Turner ist auch fünf Jahre nach dem Start mehr als bemüht, keine einzige Zahl zu seinem Kurs nach außen dringen zu lassen.

kress.de-Tipp! Der Beitrag von "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand bildet das Editorial zu der Ausgabe 10/2018. "kress pro" widmet sich in seiner Titelgeschichte den besten Managern, Chefredakteuren und Newcomern des Jahres, mit allen Begründungen, Porträts und einem großen Interview mit Sebastian Turner. Das "kress pro"-Heft kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt gekauft werden - und ist auch im iKiosk erhältlich. Per E-Mail kann es unter vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden. "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. Zum "kress pro"-Abo.

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