Journalismus-Kolumne: Wie Karl Kraus die Fake News erfand

 

Paul-Josef Raue schmökert für seine letzte Kolumne 2018 in Karl Kraus' Zeitschrift "Die Fackel": Er entdeckt den "Grubenhund", den Prototyp der "Fake News", und im Wiener Journalisten-Verächter Kraus den Erfinder des gefälschten Leserbriefs - vor gut einem Jahrhundert.

"Die Wirkungen des Bebens im Ostrauer Kohlenrevier" titelte die "Neue Freie Presse" in Wien am 18. November 1911 einen Leserbrief, eingesandt von "Herrn Dr. Ing. Erich R. v.  Winkler, Assistent der Zentralversuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke". In seinem Brief erzählt der Ingenieur: Er wollte mit dem Nachtzug nach Wien fahren, überbrückte die Zeit mit dringenden Arbeiten in der  Versuchsanstalt und registrierte um 22.27 Uhr ein starkes Beben. "Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab. Ich erlaube mir bei dieser Gelegenheit anzuregen, ob es im Interesse der Sicherheit in Bergwerken nicht doch angezeigt wäre, die schon längst in Vergessenheit geratene Verordnung der königlichen Berginspektion Kattowitz vom Jahre 1891 wieder in Erinnerung zu bringen, die besagt, daß in Fällen von tektonischen Erdbeben die Auspuffleitungen aller Turbinen und Dynamos stets zur Gänze an die Wetterschächte anzuschließen sind."

Der Ingenieur schmeichelt dem Leserbrief-Redakteur und beendet den Brief mit einer tiefen Verbeugung. Auch vor gut hundert Jahren traf nur selten Lob für Journalisten in der Redaktion ein, die denn auch prompt in der Zeitung gedruckt wurde: "Ich bitte Sie, hochverehrter Herr Redakteur, den Ausdruck meiner aufrichtigsten Hochschätzung entgegennehmen zu wollen."

Der "hochverehrte Herr Redakteur" fühlte sich so geschmeichelt, dass er jegliche Sorgfalt fahren ließ und den Brief ohne jegliche Recherche druckte. Doch der Brief war eine leicht zu erkennende Fälschung: Die Zentralversuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke gab es so wenig wie die Verordnung der Berginspektion Kattowitz. Und ein "Grubenhund" ist in einem Bergwerk kein Lebewesen, sondern die Bezeichnung für eine Lore oder einen Güterwagen.

Karl Kraus hatte sich einen Scherz erlaubt und unter dem Namen des Ingenieurs Winkler einen Leserbrief geschrieben, den er später mit der Überschrift "Der Grubenhund" in seinem Magazin "Die Fackel" abdruckte; dort enttarnte er sich und goss seinen Spot über die Redaktion aus:

"Das Problem der Intelligenz und damit das Problem des Journalismus ist aufgerührt, der Offenbarungsglaube des gedruckten Wortes ist erschüttert...Die Welt ist angesteckt, es gibt keinen Respekt mehr und einer sagts dem andern, daß die ,Neue Freie Presse' zum Hineinlegen da ist. Sie ist verloren...Jetzt knistert und rumort es an allen Enden. Erdbeben. Die Leser erwachen. Die Grubenhunde bellten so laut."

Unter Kaiser Franz Joseph in Wien war der Respekt vor akademischen und aristokratischen Lesern wie einem "Dr. Ing. Erich R .v.  Winkler" wahrscheinlich noch höher als in unserer digitalen Zeit, in der Respekt vor dem Leser erst allmählich wieder zur Pflicht wird. Diese nährt allerdings den Glauben, wie zu Kaisers Zeiten alles drucken zu wollen, was nicht nach einer üblen Nachrede klingt. Die Meinung sei frei, rechtfertigen sich Redakteure, wenn sich Tatsachen als falsch herausstellen. Aber Tatsachen sind keine Meinungen: Sie sind wahr oder falsch, müssen also recherchiert werden. Der Redakteur steht dafür gerade, heute wie in k. u. k.-Zeiten. Leserbrief-Spalten waren und sind keine recherchefreien Zonen.

So trifft der Spott, bisweilen auch der Zorn, nicht so sehr den Leser, so es ihn überhaupt gibt, sondern die Redaktion. Karl Kraus ging mit seinem "Grubenhund" auf Tournee, las in den Städten des Kaiserreichs und druckte die hymnischen Besprechungen der Lokalpresse in seiner "Fackel" ab:

"Die Vorlesung (in Brünn) dauerte volle drei Stunden. Trotzdem wurde Karl Kraus durch tosenden Beifall zu einer letzten Zugabe gezwungen und las die Glosse: ,Der Grubenhund', die inzwischen in der 'Fackel' erschien. Bei der Vorlesung der Zuschrift des Dr. Ing. Erich Ritter v. Winkler brach ein derartiger Lachsturm los, daß sogar der Vorleser angesteckt wurde und mehrmals unterbrechen mußte."

Kraus liebte den "Grubenhund"  sein Leben lang, er tauchte hundert Mal und mehr in der "Fackel" auf und wird zum Symbol für eine gefälschte Nachricht.

Der Autor

Paul-Josef Raue leitete über 35 Jahre als Chefredakteur große Regionalzeitungen, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, in dem Karl Kraus mit einer Variante der "abgedroschensten Metapher" zitiert wird: "Schon im Ersten Weltkrieg riet Karl Kraus, man möge endlich einmal die Pilze ,wie die Munitionsfabriken' aus dem Boden schießen lassen statt umgekehrt". Gerade erscheint im Klartext-Verlag Raues Biografie des Genossenschafts-Gründers: "F. W. Raiffeisen: Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft".  Im vorigen Jahr erschien "Luthers Stil-Lehre", eine Stilfibel für Journalisten. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an verschiedenen Hochschulen.

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