Neue Sprach-Kolumne: Dear Ladies and Germans!

19.12.2018
 
 

Neulich schrieb mir eine deutsche Medienmanagerin, dass sie keinen "Contentslot" für mich frei habe. Etwas benommen starrte ich auf das Wort. Ich bin Autor und "Contentslot" hatte ich noch nie gelesen. Von Peter Littger.

Nicht, dass ich gegen neue Wörter bin, die durch unsere Lieblingsfremdsprache Englisch in unseren Wortschatz gelangen. Es gibt originelle und schöne Exemplare wie "Cliffhanger", "Infotainment", "Mockumentary", "Hackathon", "Podcast". Aber "Contentslot" ...? Ich war auf einmal froh, dass ich da nicht reinpasste.

Dabei war es einmal mehr typisch - typisch für ein bestimmtes Kauderwelsch, das deutschsprachige Medienleute ungehemmt und am laufenden Band fabrizieren. Journalisten (ich nehme mich nicht aus), Werber, Programmmacher, Verleger, Kommunikationsberater - wenn wir einmal in den Englischbetrieb schalten, sind wir oft nicht mehr zu bremsen. Dann entsteht der Stoff für meine kleine Sprach- und Medienkolumne "Was mit Englisch". Sie erscheint im medium magazin und fortan auch hier auf kress.de.  

Vielleicht kennen Sie mich schon: aus meinen Kolumnen, Vorträgen oder Büchern. Als "Der Denglische Patient" beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit unserem deutsch-englischen Sprachalltag - und einer Fantasiesprache made in Germany. Wer im englischen Sprachraum groß geworden ist und kein Deutsch beherrscht, versteht sie nicht. Es liegt in der Natur der Medien, dass sie unser Pseudoenglisch stark verbreiten: Redaktionen berichten von "Mobbing" und schreiben "Homestorys". Werber dichten "Claims". "Showmaster" moderieren "Casting Shows". Mobilfunkanbieter versprechen die "Super Flat". Sogar meine eigene Buchreihe liefert ein Beispiel: "The Devil lies in the Detail - Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache" ist im Jargon der Buchbranche ein "Bestseller" - das ist international verständliches Englisch - und ein "Longseller" - das ist eine denglische Schöpfung.

Wie allgegenwärtig das Kauderwelsch in unserer Öffentlichkeit ist, zeige ich übrigens in meinem neuen Buch  "Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof". Es ist ein Bilderbuch mit rund 300 Abbildungen und Kommentaren über die außerordentlich verwirrende Sprache in unseren Städten und Geschäften, auf Werbung und Produkten. Würde man die englischen Wortbestandteile durch Arabisch oder Türkisch, Polnisch oder Russisch ersetzen - wahrscheinlich würde ein "Shitstorm" durchs Land ziehen, wie ihn Angela Merkel noch nicht erlebt hat. Die Situation zeigt auch, dass wir uns am (vermeintlich) oberen Ende der Sprachkultur ein Chaos geschaffen haben, über das wir am (vermeintlich) unteren Ende bitter klagen würden.

Wenn ich nur an unsere Flughäfen und Bahnhöfe denke, die wohl größten Übungsflächen für unseren zweisprachigen Ehrgeiz. Wer wartet heute noch im "Wartesaal", wo es überall gut sichtbar "Lounges" gibt? Wir sagen dann: "Ich warte in der Lounge" oder "... im Lounge-Bereich" - was allerdings nicht selten so klingt, als würden wir auf einer Abschussrampe sitzen. Jedenfalls dann, wenn wir mal wieder versehentlich loonsch sagen, also die "Lounge" zum "launch" machen.

Generell betrachte ich die große Präsenz englischsprachiger Versatzstücke in unserer Öffentlichkeit längst nicht mehr als eine Mode, sondern als Normalität. Und als eine spezielle Ausdrucksform unserer Kultur! Wir haben "Back Factorys" und "Bio Companys". Wir haben Kneipen, die "Come inn" und Friseure, die "Kamm in" heißen. Und wir haben einen Grund zu fragen, warum wir englischen Wörtern und Redensarten überhaupt den Vorzug geben. Weil sie flotter klingen und weltoffener wirken? Oder weil sie ein Gefühl von Sicherheit verbreiten - etwas ausdrücken zu können, das in unserer eigenen Sprache weniger leicht oder womöglich zu direkt wäre? Was immer die Gründe sind: Was lässig und mit fremden Wörtern garniert daherkommt, ist nicht automatisch sinnvoller. An diesem Punkt ähnelt die Sprachkultur der Esskultur, denn was lecker aussieht, ist ja auch nicht automatisch gesund. Doch das Sichtbare genießt nun einmal große Autorität, und so passiert es leicht, dass im Sprachzentrum Wortbilder hängen bleiben, die wir nicht mehr los werden - ganz gleich wie unsinnig und irreführend sie in Wahrheit sind.

Besonders überraschen mich immer wieder die schrägen und irreführenden Botschaften von internationalen Unternehmen. Zum Beispiel "Call & Surf via Funk" der Deutschen Telekom. "Funk" ist kein englisches Wort, es bedeutet im schlimmsten Fall Gestank. Andererseits kann der Sprachmix große Freude machen. Wenn schöne Wortspiele wie der "Neid Rider" entstehen, mit dem in Deutschland Sixt und in Österreich Peugeot geworben haben. Großartig war auch die Beschriftung der Mülleimer während der Berlinale 2018 mit "Star Dreck"! Schon vor 20 Jahren erschien mir die Berliner Stadtreinigung als Berliner Stadtreimer, als man das Poster "We kehr for you" dichtete  - ohne Zweifel ein gelungener Klassiker der Außenwerbung!

Zum Autor: Peter Littger ist "Der Denglische Patient". So heißt auch seine regelmäßige Kolumne bei ntv.de. In seinen Kolumnen und Büchern widmet er sich deutsch-englischen Sprachverwirrungen. Er ist Autor der Bestseller The Devil lies in the Detail (KiWi). Soeben erschienen: Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof. English made in Germany - das Bilderbuch. Instagram: denglishpatient, Twitter: fluentenglish.

kress.de-Tipp! Peter Littgers Sprach- und Medienkolumne "Was mit Englisch" erscheint im "Medium Magazin". Das aktuelle Heft mit allen "Journalisten und Journalistinnen des Jahres" (jeweils Top Ten der Fachkategorien) und Jurybegründungen ist ab sofort digital unter mediummagazin.de und im iKiosk verfügbar, gedruckt ab 21. Dezember 2018. Das "medium magazin" - das Magazin für Journalisten, in dem aktuelle Branchenthemen diskutiert und beleuchtet werden - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Sie ist auch Herausgeberin der Journalisten-Werkstätten.

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