Steffen Klusmann zum Fall Relotius: Auch die Spiegel-Stilformen kommen auf den Prüfstand

19.12.2018
 
 

Der designierte "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann muss einen Betrug im eigenen Haus aufarbeiten. Er will vieles auf den Prüfstand stellen, auch die Stilformen. Aus Hamburg berichtet Inge Seibel für kress.de. 

Ungläubigkeit, Entsetzen, Mitleid, Trauer und Wut - die Spiegel-Mitarbeiter gehen seit Tagen durch ein Wechselbad der Gefühle, das so gar nicht in die vorweihnachtliche Zeit passt. Claas Relotius (33), ein mit zahlreichen Journalistenpreisen hoch dekorierter junger Reporter, der seit 2011 nahezu 60 Texte für den "Spiegel" und "Spiegel Online" abgeliefert hat, wurde des Betrugs im großen Stil entlarvt. Mit schonungsloser Offenheit versucht sich der Spiegel jetzt in hunderten von Zeilen in Schadensbegrenzung im großen Stil. Entschuldigt sich bei Lesern, Mitarbeitern und Anzeigenkunden. Völlig offen sind der mögliche wirtschaftliche Schaden für das Blatt, juristische Nachspiele und vor allem der Schaden für den Journalismus insgesamt. Das Nachrichtenmagazin selbst sieht sich in seiner schwersten publizistischen Krise in der 70-jährigen Geschichte.

Das tatsächliche Ausmaß der erfundenen Geschichten und verzerrten Fakten kennt auch der Spiegel nicht. Relotius selbst spricht nach anfänglichem Leugnen von 14 Texten. "Doch einmal vom Misstrauensvirus befallen, gehen jetzt beim Lesen fast aller Geschichten kleine rote Lämpchen an", heißt es beim Spiegel. Eine dreiköpfige Kommission soll Licht ins Dunkel bringen und alle Fakten überprüfen. Der designierte Chefredakteur Steffen Klusmann rechnet damit, dass die Aufarbeitung des Betrugs im eigenen Haus mindestens ein halbes Jahr in Anspruch nehmen wird. Nicht auszuschließen sei, dass noch weitere Mitarbeiter ihren Hut nehmen müssen. Alle, die irgendwie beteiligt gewesen seien, seien auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Konkret bedeutet das laut Klusmann: "Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass der Druck an der einen oder anderen Stelle zu groß wird, wird derjenige die Konsequenzen ziehen." Das könne auch den Rücktritt vom Amt beinhalten.

"Wir gehen relativ schonungslos mit uns selbst um und das ist das, was man dagegenhalten kann, wenn jetzt die ganzen Lügenpressevorwürfe kommen. Klar ist, wir gehen in Demut und sind jetzt erst mal in der Defensive", sagt Klusmann.

Der Betrugsskandal kommt auch zeitlich ungelegen, eigentlich will man sich beim Spiegel mit ganzer Kraft auf den Zusammenschluss von Heft und Onlineredaktion konzentrieren. Am bisherigen Zeitplan soll sich nichts ändern, doch "das alles kostet jetzt wahnsinnig Energie, bindet Ressourcen wie die dreiköpfige Kommission und lenkt ab von wesentlichen Dingen. Aber totale Aufklärung ist uns natürlich jetzt unheimlich wichtig", so Klusmann. Vom "Urvertrauen in den Journalismus" wolle man beim Spiegel dennoch nicht ablassen. Schwarze Schafe werde es immer geben, deshalb könne man Reporter nicht nach Stasimethoden bespitzeln. Das sei auch nicht Aufgabe der Kommission. Aber in Zukunft soll kein Reporter mehr unbegleitet von einem Fotografen zu vertraulichen Treffen gehen. "Bei uns steht vieles auf dem Prüfstand, auch die Stilformen", sagt Klusmann. Allen voran der "szenische Einstieg" in die Reportagen, für den schon einmal ein "Spiegel"-Reporter den Henri-Nannen-Preis wieder aberkannt bekam, weil er eine Szene in der Eisenbahnlandschaft des Seehoferschen Kellers beschrieb, die so niemals stattgefunden hatte.

Autorin: Inge Seibel

kress.de-Tipp! Lesen Sie zum Fall Relotius auch die Kolumne von Paul-Josef Raue: Kein Fehler im System, aber ein Fiasko der Qualitätssicherung.

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