Torsten Geiling: Warum Betrugsfälle im Journalismus System haben

21.12.2018
 
 

Torsten Geiling, zuletzt Chefredakteur beim "Nordbayerischen Kurier", liest Paul-Josef Raue "Journalismus"-Kolumne gerne. Diesmal muss er ihm allerdings widersprechen. Die Relotius-Fälschungen seien kein Einzelfall, Betrug habe ihm Journalismus System bzw. werde vom System begünstigt.  

Zu viel Recherche macht die schönste Geschichte kaputt. Diese Erfahrung hat nicht nur der amerikanische Journalist Walter Winchell gemacht, von dem dieses Bonmot stammen soll. So ist es schon vielen von uns ergangen. Man jagt Tage durchs Internet, hängt sich ans Telefon, verbringt vielleicht noch Stunden an verschiedenen Schauplätzen und dann zerplatzt die Geschichte wie eine Seifenblase, weil ein Fakt nicht stimmt, eine Quelle nichts sagen will oder eine tragende Figur nicht zu finden ist. Ich möchte nicht sagen, dass es das tägliche Brot eines Reporters ist, aber es kommt häufiger vor, als er sich das wünscht.

So erging es auch Claas Relotius. Der vielfach ausgezeichnete Spiegel-Redakteur kehrte dann aber nicht mit leeren Händen zurück in die Redaktion und suchte nach einem anderen Thema, er erfand einfach, was er für den Artikel noch brauchte, um ihn rund zu bekommen. Eine Person, eine Szene oder ein Lied, das im Hintergrund spielt und seinen Zeilen Authentizität verleiht.

Andere Geschichten dachte sich Relotius gleich komplett aus. Und man muss sagen, nicht immer schreibt die Wirklichkeit die besten Geschichten. Seine Arbeiten sind wirklich lesenswert, haben Stil und Tiefgang. Sie wurden zurecht ausgezeichnet, nur eben im falschen Genre. Sie sind Literatur, aber mit Journalismus haben sie nichts zu tun.

Deshalb ist es auch recht und billig, dass die Verantwortlichen des Spiegel diesen Betrug so offensiv bekannt gemacht haben. Zumal das Nachrichtenmagazin über etwas verfügt, was in der Form und dem Ausmaß keine andere Redaktion in Europa hat: eine Verifikations-Abteilung. Wer schon einmal für den Spiegel oder seine Webseite geschrieben hat, weiß wie lästig die Mitarbeiter dieser Dokumentation sein können. Jeder Name, jede Zahl und jede noch so kleine Behauptung wird hinterfragt. Ein Telefonat mit einem Dokumentations-Mitarbeiter dauert oftmals länger als jenes mit dem zuständigen Redakteur, dem man das Thema angeboten hat. Und doch konnte dieser Super-GAU passieren.

Nun zeigen wir als ehrliche Journalisten mit dem Finger auf Relotius und schieben das Problem allein auf seine kriminelle Energie. Und damit ist das Thema für uns erledigt. Mit dieser Haltung tun wir uns als Branche allerdings keinen Gefallen. Vielmehr müssen wir uns die Frage stellen, warum so etwas passieren konnte. Außerdem: Wo fängt der Betrug an? René Pfister beschreibt in seiner preisgekrönten Reportrage "Am Stehpult" Horst Seehofers Keller und seine Modelleisenbahn. Beides hat der Spiegel-Reporter allerdings nie mit eigenen Augen gesehen. Wenn sich ein Reporter einen Raum ausmalt, den er nie betreten hat, dann ist das ebenfalls Betrug. Der findet allerdings nicht nur beim Spiegel statt, sondern immer-  und überall.

In zahlreichen Social Media-Beiträgen allein der vergangenen Stunden erzählen Journalisten von Kollegen, die Recherchen für überschätzt halten, Geschichten erfunden oder von anderen nachweislich abgeschrieben haben. Dafür mussten sie den Verlag verlassen, wurden abgemahnt oder es wurde einfach totgeschwiegen. Schließlich ist so etwas ja peinlich in einer Branche, die erst in den vergangenen Jahren mehr oder weniger gelernt hat, Fehler offen(siv) zuzugeben.

Somit handelt es sich bei Relotius zwar um einen krassen, offensichtlich aber nicht um einen Einzelfall. Nur, warum gibt es im Journalismus eine Kultur des Betrügens oder zumindest eine Kultur, die Betrügen leicht macht?

Paul-Josef Raue, 35 Jahre Chefredakteur bei verschiedenen Regionalzeitungen in Deutschland, schreibt auf dem Branchenportal kress.de, die Relotius-Affäre sei kein Fehler im System, aber ein Fiasko in der Qualitätssicherung. Dieses Fiasko war es sicherlich. Ich bin mir allerdings sicher: der Betrug hat System bzw. wird zumindest von diesem begünstigt.

Viele von uns hatten in ihrer Karriere mit Vorgesetzten oder Redakteuren zu tun, die bereits bei der Vorbesprechung des Themas vorgaben, wie der Artikel auszusehen hat. Die schon genau festlegten, welche Personen zu Wort kommen und was diese sagen sollten.

Als die Tochter des damaligen Bayern-Spielers Sammy Kuffour in einem Pool ertrank, wurde ein junger Journalist, ein Absolvent der Deutschen Journalistenschule, zum Trainingsgelände des FC Bayern geschickt mit dem Auftrag, Kuffour dazu zu befragen. Der Spieler sollte mit tränenerstickter Stimme antworten, gab der Ressortleiter vor. "Und wenn er das nicht tut?", fragte der Journalist.

Ein freier Journalist bekommt vielleicht ein, zwei Mal ein Ausfallhonorar gezahlt, wenn er nicht liefert, was er soll. Also liefert er. Sonst fragt der Ressortleiter beim Redakteur nach, warum er diesen Mitarbeiter noch einsetzt, wenn der nur Kosten produziert. Damit sind wir bei einem weiteren Punkt, der solche Betrugsfälle begünstigt, der finanzielle Druck und seine Folgen.

Nahezu alle Print-Medien haben in den letzten Jahren an Relevanz und Auflage verloren. Und ja, wir erreichen durch die digitale Verlängerung so viele Leser wie noch nie, allerdings wird damit bisher nur Kleingeld verdient. Deshalb werden die Kosten optimiert, die Redaktionen ausgedünnt und die geforderte Arbeitsleistung des einzelnen erhöht. So will etwa die Mainpost aus Würzburg ein Fünftel der Redaktionskosten einsparen - und zugleich die Qualität und die Reichweite steigern. Gesundschrumpfen, das kann funktionieren, wenn der Ausstoß an Artikeln verringert und Klasse anstatt Masse produziert wird. Bisher wurde oftmals nur beim Personal gespart. Qualitätsprobleme waren damit vorprogrammiert. Immer schneller, höher, weiter ist auf Dauer nicht zu leisten und begünstigt Betrug, wie wir aus dem Sport wissen sollten.

Als Heimatchef habe ich einen Kollegen abgemahnt, der mehrfach über Pressemitteilungen seinen Namen geschrieben und damit beispielsweise den Eindruck erweckt hat, er hätte persönlich mit der Präsidentin der örtlichen Handwerkskammer gesprochen. Als Grund für sein Vergehen nannte er Zeitnot und die Qualitätsvorgaben. Die Veröffentlichung von Pressemitteilungen sei verboten. Die Seite habe aber fertig werden müssen und weitere Recherchen seien nicht möglich gewesen.

Der Kollege war kein Faulpelz. Er war schlichtweg überfordert, wie inzwischen so viele Redakteure ob der dünnen Besetzung und der Fülle ihrer Aufgaben. Deshalb muss man die Frage nach dem System stellen und deshalb sind die Rufe von der Lügenpresse gleichsam so absurd. Diese Betrugsfälle passieren nicht, weil die Medien eine Elite stützen wollen oder eine politische oder neoliberale Agenda verfolgen. Es sind strukturelle Mängel und organisatorische Schwachstellen im System, die dafür verantwortlich sind. Darüber müssen wir uns unterhalten, um das Problem zu lösen.

Wir wissen, wie wichtig Aufmerksamkeit, Enthüllungen und aufsehenerregende Reportagen geworden sind. Zumal sich der Erfolg eines einzelnen Artikels im Netz durch die Verweildauer, Lesequote und dem Wandel zu einem Abo messen lassen muss. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn es sind die exklusiven, gehaltvollen und gut recherchierten Artikel, die beim Leser ankommen. Deshalb dürfen wir nicht bei den eigenen Qualitätsvorgaben wegschauen, nur um vermeintlich die beste Story zu haben. Wenn die sich hinterher als Fälschung oder Betrug herausstellt, bewirken wir genau das Gegenteil.

Zum Autor: Torsten Geiling, Jahrgang 1975, ist Diplom-Journalist und wurde zum Redakteur an der renommierten Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. Bis Oktober 2018 war er Chefredakteur des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. Zuvor arbeitete er sechs Jahre als stellvertretender Chefredakteur des Südkurier am Bodensee und fünf Jahre in leitenden Funktionen und als Prokurist bei der Mediengruppe Oberfranken in Bamberg.

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