Job-Kolumne: Warum ist es so schwer, anderen zu vergeben?

 

Vor Jahren nicht befördert worden und immer noch enttäuscht. Von einem Partner verletzt worden und bis heute verbittert. Wer anderen nicht vergeben kann, schadet sich selbst am meisten. Mediencoach Attila Albert über Schritte, sich von der Vergangenheit zu befreien und wieder positiv nach vorn zu sehen.

Die Weihnachtszeit ist natürlich die Zeit, in der jedermann angehalten ist, versöhnlich zu sein und denjenigen zu vergeben, die einem Unrecht getan haben (tatsächlich oder auch nur so empfunden). Doch wer sich darum bemüht, zu vergeben und zu vergessen, stellt immer wieder fest: So einfach ist das nicht. Mancher Schmerz, Ärger und Enttäuschung sitzen tiefer als gedacht. Einfach verzeihen? Das wäre ja, als wäre nichts geschehen oder gar nicht so bedeutsam, wie es für einen selbst doch war.

Der Reporter eines Magazins kam auch nach mehr als zehn Jahren nicht darüber hinweg, dass ihn sein Chefredakteur erst in ein ungeliebtes Ressort und dann ganz aus der Redaktion gedrängt hatte. Er schlug sich seitdem als freier Autor durch und war phasenweise arbeitslos. Aus strategischen Gründen zeigte er seine Enttäuschung und Wut nicht offen, sondern gab sich seinem früheren Chef gegenüber geradezu als begeisterter Fan. Es ärgerte ihn selbst, dass er das einfach nicht vergessen konnte.

Eine Redakteurin hatte eine mehr als einjährige Beziehung mit einem Arbeitskollegen. Durch Zufall entdeckte sie, dass er gleichzeitig mit zwei weiteren Frauen - im selben Medienhaus - Beziehungen unterhielt. Nach einer wütenden Trennung gab sie sich einige Zeit verschiedenen Racheaktionen hin, etwa Warnbriefen an seinen Bekanntenkreis. Irgendwann setzte aber eine dumpfe Enttäuschung und Traurigkeit ein: Sie hatte tatsächlich eine gemeinsame Zukunft mit diesem Mann geplant.

Machen Sie sich klar, warum sich Vergeben für Sie lohnt

Vergeben nun so schwer, das sollte man sich zuerst klarmachen. Der Grund: Vergeben ist der völlig einseitige Verzicht auf etwas, das einem zusteht - Genugtuung. Der anderen Person mindestens einmal richtig die Meinung sagen, zurückschlagen, sich auf raffinierte Weise rächen. Wer vergibt, tut aus freiem Willen nichts davon und muss noch davon ausgehen, dass die andere Person das als Schwäche belächelt - wenn sie überhaupt davon erfährt und es sie interessiert. Das ist ein hoher Preis.

Er lohnt sich nur, wenn man sich den Preis ansieht, denn man (ebenfalls allein) bezahlt, wenn man es nicht tut. Wer nicht vergeben kann, leidet über Jahre unter einem Schmerz, dessen Anlass längst hinfällig geworden ist. Man hat vielleicht damals eine Stelle verloren, aber schon lange wieder eine andere gefunden. Man wurde vielleicht bei einer Beförderung übergangen, aber im Rückblick war das eigentlich ein Traumjob. Vergeben können erhöht also die eigene Lebensqualität.

Gestehen Sie sich Ihre wahren Gefühle ein

Manche Enttäuschung ist nur auszuhalten, wenn man sie selbst kleinredet: Ärgerlich, aber so schlimm war das auch wieder nicht - gehört eben zum Leben dazu. Wenn das so wäre, würde Sie das allerdings nicht über solch eine lange Zeit begleiten. Fassen Sie also Mut und gestehen Sie sich endlich selbst Ihre wahren Gefühle ein: Was denken Sie wirklich über die Situation? Was hat sie in Ihnen verletzt, was habt sich dadurch seitdem verändert? Sprechen Sie darüber oder schreiben Sie es auf.

Beklagen Sie sich möglichst wenig bei Dritten

Es ist sehr menschlich, sich in solch einer Situation bei anderen zu beklagen, um sich endlich besser zu fühlen. Beispiel: Bei der besten Freundin immer wieder ausführlich schildern, wie furchtbar der Ex-Partner doch war. Damit belasten Sie vor allem die andere Person, ändern aber nichts. Selbst das Gefühl der Entlastung hält meist nur kurz an. Konzentrieren Sie sich also vor allem auf denjenigen, um den es hier wirklich geht: Sie selbst. Drücken Sie aus, was in Ihnen selbst vorgeht anstatt über andere zu klagen oder zu schimpfen.

Suchen Sie das Gespräch, fassen Sie sich aber kurz

Wer anderen einfach nicht vergeben kann, ist oft versucht, sich ausführlich an den Verursacher wenden zu wollen. Mehrseitige Briefe können eine Erleichterung sein, sollten Sie aber nur an sich selbst richten. Auch auf lange, vorwurfsvolle Monologe sollten Sie verzichten. Suchen Sie das Gespräch, wenn es möglich ist. Aber fassen Sie sich knapp - schon aus Selbstrespekt und -schutz, denn Sie machen sich damit erneut sehr verletzlich. Eine knappe E-Mail oder ein persönliches Treffen, bei dem Sie kurz schildern, was dieses Erlebnis damals für Sie bedeutet hat, wird eher gehört und verstanden als emotionale Ausbrüche. Mehr ist dazu heute gar nicht mehr zu sagen.

Richten Sie Ihren Blick auf Ihre Zukunft

Wie beschrieben, ist Vergeben eine einseitige Handlung - Sie tun es für sich selbst. Erwarten Sie daher also nichts von Ihrem Gegenüber, auch wenn Sie sich das natürlich wünschen. Und tatsächlich kommt manchmal eine Entschuldigung oder ein Wort des Verständnisses. Aber warten Sie nicht darauf, richten Sie Ihren Blick auf Ihre eigene Zukunft: Wie soll es nun weitergehen unter den Umständen, wie Sie nun einmal sind? Brauchen Sie etwas Zeit für sich (z. B. Ferien), wollen Sie Ihre Erfahrung weitergeben (z. B. im Ehrenamt)? Wollen Sie es noch mal von vorn versuchen (z. B. neuer Karriere-Anlauf)?

Versuchen Sie einen liebevollen Blick

Natürlich ist die Versuchung groß, der Person, die Sie sehr verletzt hat, jede denkbare schlechte Absicht und Böswilligkeit zu unterstellen, und vielleicht stimmt das sogar. Heilsamer für Sie selbst aber ist der Versuch, die andere Person mit einem liebevollen Blick zu sehen. Was, wenn sie es gar nicht besser wusste oder dieses Verhalten das einzige war, das sie damals anzubieten hatte? Für manchen mag das ein Schritt zu weit sein, versuchen sollten Sie es aber trotzdem, wenn Sie soweit sind.

Die Erfahrung zeigt: Zeit heilt keine Wunden - nur das, was Sie innerhalb ihrer Zeit machen. Warten Sie also nicht auf eine Entschuldigung, planen Sie nicht den Racheakt, der alles wieder aufwiegt, hoffen Sie nicht, dass es der anderen Person einmal ebenso schlecht geht wie Ihnen damals. Befreien Sie sich von dieser negativen Bindung, um wieder offen für all das Gute zu sein, das auf Sie wartet. Wer anderen vergibt, zeigt Größe und handelt im besten Sinne für sich selbst.

Zum AutorAttila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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