Job-Kolumne: Wie viel muss ein Journalist heute von Technik verstehen?

 

Zunehmend wünschen sich Medienhäuser die Kombination aus redaktioneller und technischer Kompetenz. Mediencoach Attila Albert sagt, wie Sie den besten Weg für sich finden.

Vor einiger Zeit hörte man manche Chefredakteure noch sagen, dass das Prinzip Newsroom gescheitert wäre. Daraus klang die Hoffnung, wieder zu ruhigeren Zeiten zurückkehren zu können: Sich ganz auf Recherche und Schreiben konzentrieren zu können, nicht immer mehr Zeit für technische Aufgaben aufwenden zu müssen. Selbst eine erneute Trennung von Print und Online, vielfach erst nach langem Kampf zusammengeführt, wurde mancherorts diskutiert.

Der Stellenmarkt für Journalismus und PR spricht eine andere Sprache. Nicht nur, dass Print und Online selbstverständlich gleichzeitig beherrscht werden müssen. Immer häufiger finden sich Jobprofile, die eine anspruchsvolle Kombination aus redaktioneller und technischer Kompetenz wünschen. Für Medienprofis bedeutet das: Wer auch weiterhin attraktiv auf dem Arbeitsmarkt attraktiv bleiben will, muss mehr wissen als der normale Facebook-Nutzer oder jemand, der einen eigenen Artikel im CMS anlegt und veröffentlicht.

Hier einige Beispiele aktueller Stellenbeschreibungen:

●      Ein Großverlag sucht einen Videotechniker, der die gesamte technische Ausrüstung und das verlagseigene Studio wartet und bei Bedarf repariert. Gleichzeitig soll er aber auch Studio-, Außen- und Live-Videoproduktionen planen und umsetzen, wenn nötig Regie führen, zudem Mitarbeiter in Schnitt und Kameraführung ausbilden.

●      Ein Unternehmen sucht einen Head of Content & Digital Division. Neben allen konzeptionellen und technischen SEO-Aufgaben (Keyword- und Link-Optimierung) soll er eine Content-Strategie erstellen, einen Redaktionskalender führen, Inhalte für Social-Media-Kampagnen bereitstellen und Mitarbeiter in all dem trainieren.

●      Eine PR-Agentur sucht einen Content-Spezialisten 70 %: Er soll Reportagen und Interviews filmen und fotografieren, Texte schreiben und ein Online-Magazin pflegen. Zudem ist gewünscht, dass er Koordinationsaufgaben innerhalb der Redaktion übernimmt, u.a. Übersetzungen übernimmt und die Termine plant.

Man kann natürlich darüber diskutieren, wie realistisch solche Ausschreibungen sind. Aus ihnen spricht der Wunsch, interdisziplinärer zu arbeiten, aber auch mehrere Berufsbilder in einer Stelle zusammenzuführen und so Lohnkosten zu sparen. Viele derartige Anzeigen tauchen monatelang immer wieder auf, oft jeweils leicht verändert. Die Arbeitgeber scheinen oft selbst nicht genau zu wissen, was sie nun alles gleichzeitig wollen, und sie scheinen auch kaum passende Bewerber zu finden, auf die derartige Mix-Profile passen.

Derartige Anforderungen gehen selbst weit über das hinaus, was ein spezialisierter Technik-Journalist leisten muss, der Software und Geräte testet und bewertet. Völlig aus der Zeit gefallen wirken hier Führungskräfte, die noch immer weniger von Facebook & Co. verstehen als ihre Ehefrauen und Kinder. Nicht wenige konnten es sich bis in die 90er Jahre leisten, alle Computerarbeiten an ihre Sekretärin zu delegieren, und sind eher Nutzer als Profis geblieben.

Gleichwohl sollte dieser Trend für jeden Medienprofi ein Anlass sein, sein eigenes Profil zu überdenken: Wie gut bin ich im redaktionellen UND technischen Bereich aufgestellt? Hier einige Schritte, wie Sie dabei vorgehen könnten:

1.     Prüfen Sie, ob Sie sich mit einer derartigen Kombination überhaupt wohlfühlen würden. Nicht jeder Reporter muss gleichzeitig programmieren können. Gleichzeitig sollten Sie passende Optionen offen durchdenken, um im Job attraktiv zu bleiben.

2.     Schreiben Sie eine Liste aller Ihrer technischen Fähigkeiten und bewerten Sie sie. Beispiel: Excel - Grundkenntnisse, Wordpress - fortgeschritten, Videoschnitt mit Final Cut Pro X - Experte. So sehen Sie klar, wo Sie gerade stehen.

3.     Überlegen, was Sie im technischen Bereich gern lernen wollen. Videoschnitt, professionelle Audio-Aufnahmen, Podcasts und CMS (Wordpress) sind noch immer Journalisten-Favoriten. Wieder etwas vorbei: Eigene Apps programmieren wollen.

4.     Erkundigen Sie sich nach Weiterbildungen. Sind Sie angestellt, sollten Sie sich bei Ihrer Personalabteilung über deren Angebote und Kostenübernahmen beraten lassen. Als Freiberufler oder Selbstzahler finden Sie eine Vielzahl externer Anbieter.

5.     Nutzen Sie Ihre Kenntnisse regelmäßig. Wenn Sie sie aktuell im Job nicht benötigen, sind oft kleine eigene Projekte möglich. Beispiel: Als Reporter mal einen Podcast einsprechen und schneiden. So erhalten und erweitern Sie Ihr Wissen.

6.     Sprechen Sie über Ihre technische Qualifikation. Erwähnen Sie sie in Ihren LinkedIn- und Xing-Profilen und listen Sie sie im Lebenslauf auf. Damit erhöhen Sie Ihre Chance auf interessante interne Projekte und bei externen Bewerbungen.

Im besten Fall ist die technische Kompetenz eine sinnvolle Ergänzung der journalistischen Arbeit und hilft, sie noch besser zu vermitteln. Beispiel: Der Reporter, der nicht mehr mit dem schwachen Ton seiner iPhone-Videos zufrieden ist, und den Einsatz eines externen Mikrofons sowie passende Schnittprogramme lernt. Zu einer Belastung wird es, wenn all das zusätzlich zum aktuellen Pensum passieren soll und als Zwang empfunden wird.

Mit einem offensiven Unverständnis von Technik - 2Ich habe keine Ahnung, wie mein Computer funktioniert!" - kokettiert heute kaum mehr ein Journalist. Im Gegenteil: Viele haben längst ihr Interesse daran entdeckt. Mancher bastelt nach Feierabend noch an seiner eigenen Webseite oder lernt, eine App zu bauen (Tipp: die kostenlosen Onlinekurse von Udacity). Lassen Sie sich also nicht davon einschüchtern, gehen Sie spielerisch und interessiert heran - und schauen Sie, wohin Sie diese Erkundung führt.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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