Hat Egon Erwin Kisch mit Absicht gefälscht - wie Relotius?

 

Claas Relotius ist gerne mit Egon Erwin Kisch verglichen worden, einem Meister der literarischen Reportage. Die beiden verbindet neben der stilistischen Meisterschaft auch das Talent - zur Fälschung.

Die erste Reportage von Egon Erwin Kisch ist zur Legende geworden, die jedem Volontär erzählt wird und in vielen Lehrbüchern des Journalismus auftaucht: Der junge Kisch wird 1912 zum Brand der Schitkauer Mühlen in Prag geschickt. Da er nicht weiß, wie er die Fakten recherchieren soll, erfindet er die Geschichte von Obdachlosen, die zur Mühle "in flammender Beleuchtung" marschieren.

Die Fälschung entstand aus der Not: Kisch stilisiert so seine Erstlings-Reportage "Debut beim Mühlenfeuer". Eine Nacherzählung der Reportage erscheint Jahrzehnte später in seinem Buch "Marktplatz der Sensationen", 1942 im mexikanischen Exil; Kisch folgert aus seiner Fälschung einen kategorischen Imperativ für den Journalismus, der immer wieder auf Goldpapier gedruckt wird: "Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluss." Als "Stern"-Herausgeber Henri Nannen ausgezeichnete Reportagen des "Egon-Erwin-Kisch-Preises" in einem Buch versammelte, stellte er Kischs Mühlenbrand-Geschichte auf die ersten Seiten (nach seinem Vorwort). "Schreib das auf!", ist der Titel von Nannens Buch, das Lebensmotto von Kisch aufnehmend.

Wer allerdings die Mühlenbrand-Geschichte noch als Wahrheit weitergibt, dem unterläuft "ein klassisches Eigentor": So schrieb Chefredakteur Ulli Tückmantel über Weihnachten in seiner "Westdeutschen Zeitung", als er über Relotius und die neueste Fälschung im deutschen Journalismus klagte und über einen Kommentar in der "Süddeutschen Zeitung" die Nase rümpfte. Henning Noske, Lokalchef der "Braunschweiger Zeitung", hat schon vor vier Jahren Kischs Fälschung der Fälschung ausführlich beschrieben. In seinem "Lese-und Lernbuch: Journalismus: Was man wissen und können muss" ist zu lesen:

"Obdachlose seien in Massen an die brennenden Mühlen herangerückt, und im flackernden Feuerschein hätten sie der Polizei gegenübergestanden, vermutlich sogar ein früherer Gewalttäter seinem früheren Verfolger. Ein wirklich knisterndes Bild - mit einem Schönheitsfehler, so Kisch 1942: Er habe es damals frei erfunden. Aber das ist noch nicht alles: Auch die Erfindung dieses Bildes durch den verzweifelten Reporter, der nicht weiß, was er schreiben soll ist - frei erfunden!"

Die Wahrheit von Kischs Darstellung war für Noske leicht zu recherchieren: Er hat den Original-Artikel der Prager Tageszeitung "Bohemia" von 1912 gelesen: "Er ist, bei aller sprachlichen Klasse, ziemlich konventionell, enthält selbstverständlich alle eingesetzten Feuerwehr-Einheiten und notwendigen Details zum Brandort und zum Sachschaden aufgelistet und darüber hinaus noch eine ziemlich peinliche Aufzählung aller Großkopferten, die zum Brandort geeilt waren und die man damals - obwohl für das Geschehen bedeutungslos - wohl in solchen Artikeln zu erwähnen hatte."

Die Kritik an der "ziemlich peinlichen Aufzählung aller Großkopferten" sei kurz relativiert und aktualisiert: Das ist auch heute noch üblich, nicht nur in Lokalteilen; selbst die "Tagesschau" filmt Minister und andere Würdenträger, die zu einem spektakulären Brand eilen und "schonungslose Aufklärung" fordern. Doch zurück zur Fälschung der Fälschung und zum Noske-Kommentar:

"Um in schonungslosester Weise klar zu machen, dass man unter keinen Umständen Wirklichkeit erfinden darf, hat Kisch einen Teil seiner eigenen Biographie gefälscht - ein Hammer. Dies verstärkt sogar noch den Effekt in Kischs Sinne, der sich wie kein Zweiter damit beschäftigt hat, wie gerade die Art der Darstellung es ist, welche die Realität erreichen und sie sogar übertreffen kann. Denn auf die Wirkung kommt es an."

Ein Hammer? Hat Kisch wirklich vorsätzlich gefälscht? Die auf den ersten Blick einfache Erklärung: "Ja - Fälschung!" wird auf den zweiten Blick schwieriger. Kisch schreibt die Erinnerung an den Mühlenbrand vierzig Jahre nach der Reportage: Er ist vor den Nazis geflohen, lebt seit zwei Jahren im mexikanischen Exil und gründet mit Dichtern wie Lion Feuchtwanger den Verlag "Das freie Buch (El Libro Libre)". Die ersten Bücher sind Anna Seghers Roman "Das siebte Kreuz" und eben Kischs Memoiren "Marktplatz der Sensationen", in dem "Debüt beim Mühlenfeuer" enthalten ist.

Für Fritz Hofman, der die Kisch-Biografie "Der rasende Reporter" verfasste, sind die Erinnerungen im Exil-Buch "Anekdoten aus dem Leben des Prager Lokalreporters". Manche Episoden, so Hofmann, hätten sich bei Kisch in der Erinnerung verwischt und verdichtet oder seien bewusst stilisiert worden: "'Debüt beim Mühlenfeuer' zum Beispiel ist nicht viel mehr als ein vergnügliches Demonstrationsobjekt, eine lehrreiche, aber erfundene Anekdote." Der international geschätzte Schriftsteller Kisch schaue aus Mexiko dem unbekannten Prager Lokalreporter gleichsam über die Schulter und schreibe eine "Reportage über die Reportage". Das ist zu lesen in Hofmanns Nachwort zum "Marktplatz der Sensationen", 1981 in der DDR erschienen; dort zitiert Hofmann auch den Journalisten Bodo Uhse: Kisch habe als Dichter begonnen, um dann Reporter zu werden, und kehre im Alter zur Dichtung zurück.

"WZ"-Chefredakteur Tückmantel bricht dagegen, unter dem Eindruck der Relotius-Affäre, den Stab über den rasenden Reporter: "Kisch hat das alles erfunden, die ganze Fälschung, um sich in der Bekehrung selbst zu erhöhen." Hat Kisch wirklich mit Absicht "gedichtet" und gefälscht?

Hirnforscher verwerfen die landläufige Meinung, dass sich Menschen zwar ändern, aber Erinnerungen bleiben. "Das ist falsch: Erinnerungen ändern sich mit den Menschen." So könnte es auch bei Kisch gewesen sein: Er hat seine Erinnerungen überschrieben, nach dreißig Jahren neu geschrieben und selber daran geglaubt. Es könnte möglich sein, sogar wahrscheinlich.

Bleibt als Fazit: Kischs journalistischer Imperativ, nichts als die Wahrheit zu schreiben, gilt ohne Wenn und Aber, doch seine Story über den Mühlenbrand sollte man allenfalls mit einem Augenzwinkern erzählen.

Info

Die gesammelten Werke von Kisch sind in fünf Auflagen in der DDR, im Aufbau-Verlag,  erschienen, erst in elf, später in zwölf Bänden; Herausgeber waren neben anderen Bodo Uhse und Fritz Hofmann. In diesem Jahr werden Kischs Werke gemeinfrei, können also ohne Erlaubnis nachgedruckt werden.

Der Autor

Paul-Josef Raue  wird von WZ-Chefredakteur Tückmantel getadelt, weil er Kischs "Mühlenbrand"-Geschichte unkritisch erzähle, sowohl in  "Das neue Handbuch des Journalismus" als auch in einer "Journalismus!"-Kolumne, die "eigentlich grobe Fehler seiner eigenen Berichterstattung korrigieren sollte". Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Im Klartext-Verlag erscheint gerade seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

15.01.2019
!

"Wahrheit oder Erfolg" ist die systemtheoretische (zynische?) Sichtweise zu den medialen Kindereien der "Journalisten" und ihrer "Produkte".
In Anbetracht der ökonomischen und hybrid-narzisstischer Motivlage, hilft uns Rezipienten vor allem "GESUNDER MENSCHENVERSTAND UND SOKRATISCHE SKEPSIS".
MfG


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