Was Ex-Madame-Geschäftsführer Gernot Körner von jungen Lesern lernt

 

Warum publizieren so viele Großverlage komplett an der Zielgruppe der Kids und Teenager vorbei? Buch- und Zeitschriftenverleger Gernot Körner rät im "kressköpfe"-Interview dazu, den Nachwuchs endlich ernst zu nehmen - und er gibt Tipps für die Karriere.

"Hier pocht das Herz der Gesellschaft."

kress.de: Herr Körner, vielen Branchenkollegen dürften Sie noch gut als ehemaliger "Madame"-Verleger in Erinnerung sein. Von den eleganten Damen haben Sie sich ja schon seit einiger Zeit wegbewegt – hin zu Inhalten für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Was reizt Sie besonders an dieser Zielgruppe?

Gernot Körner: Mit diesen Zielgruppen beschäftige ich mich schon mein Leben lang. Hier pocht das Herz der Gesellschaft. Hier entsteht das Potenzial der Zukunft. Ich bin von Haus aus Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaftler. Das habe ich studiert, weil ich etwas Sinnvolles leisten möchte. Und wenn ich mir die Herausforderungen ansehe, vor denen wir stehen, können diese nur Menschen meistern, die über ein gesundes Selbstbewusstsein, ordentliche soziale Fähigkeiten und echte Bildung verfügen. Insofern war es mir immer wichtig für Kinder, Jugendliche und Familien zu unterstützen. Das habe ich in meiner Zeit als Tageszeitungsredakteur begonnen, als Chefredakteur von "spielen und lernen" und Geschäftsführer eines großen Verlags für Kinder- und Familienmedien fortgesetzt. Später fiel es mir nicht schwer, auch Frauen- und Lifestyle-Magazine einzubeziehen. Heute kann ich mich aber mit aller Kraft fast ausschließlich mit diesen lebendigen Zielgruppen auseinandersetzen.

kress.de: Das tun Sie auf unterschiedliche Weise und auf vielen Wegen. Wie gehen Sie hier vor?

Gernot Körner: Zum einen baue ich den Familienverlag Oberstebrink und den Pädagogikverlag Burckhardthaus auf. Hier verlegen wir Bücher und Onlinemedien für Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte. Beide Verlage stehen unter dem Motto "Gemeinsam leben lernen" und haben eine klare pädagogische Ausrichtung. Ich komme eben von "spielen und lernen". Zum anderen setzen wir uns im Medienservice mit Partnern und Kunden mit Bildung und Erziehung auseinander. Dazu gehören vielfältige Web- und Social-Media-Aktivitäten. Oder Konzepte und die Produktion im Print- und Onlinebereich. Auch mit dabei sind Netzwerkaktivitäten, um wichtige Konzepte und Ideen im Pädagogik- und Bildungsbereich voran zu bringen. Dabei entwickelt sich auch mal das ein oder andere Buch zu einem echten Großprojekt. Gerade haben wir begonnen mit der Initiative "Gemeinsam leben lernen" Bücher zu verlegen, die Lehrern dabei helfen, soziale Fähigkeiten im Unterricht zu vermitteln. Das ist zwar ein dickes Brett. Wir haben aber das Glück, dass sich hier Dr. Eckart von Hirschhausen mit uns engagiert. So sammeln wir auf unserem Weg auch Mitstreiter für eine reflektiertere und verantwortungsvollere Gesellschaft.

"Ich habe fünf Kinder, weil ich Kinder liebe, fasziniert von ihnen bin und sie mir die Chance bieten, über mich hinaus zu denken und die Welt mit ihren Augen neu zu entdecken." 

kress.de: Die von Ihnen verantworteten Zeitschriften, Bücher und Digitalerzeugnisse zeichnen sich durch viel Sorgfalt und Einfühlungsvermögen für junge Leser und Entdecker aus. Wie sehr helfen Ihrem Fingerspitzengefühl dabei die Erfahrungen als mehrfacher Familienvater?

Gernot Körner: Eine ganze Menge, wobei ich ganz sicher kein idealer Familienvater bin. Ich habe fünf Kinder, weil ich Kinder liebe, fasziniert von ihnen bin und sie mir die Chance bieten, über mich hinaus zu denken und die Welt mit ihren Augen neu zu entdecken. Und das bedeutet eben eine ständige Auseinandersetzung mit ihnen, mit mir selbst und damit ein stetiges Lernen. Andererseits habe ich schon früh begonnen, mich für Pädagogik und Psychologie zu interessieren. Zudem lerne ich viel von unseren jungen Lesern. Es ist also die Mischung aus allem, die unsere Inhalte beeinflusst.

kress.de: Viele der Titel, die Sie herausbringen, wirken geradezu maßgeschneidert, um bei jungen Menschen die Freude am Lesen zu wecken oder zu erhalten. Was macht Sie zuversichtlich, sich gegen die Elektro-Konkurrenz durch Playstations, ipods oder Smartphones behaupten zu können?

Gernot Körner: Das Rennen ist hier noch völlig offen. Sicher bin ich deshalb nicht. Jeder muss am Ende aber das tun, woran er wirklich glaubt. Dabei bin ich nicht der Ansicht, dass die so genannte Elektro-Konkurrenz das Hauptproblem der Print-Branche ist. Dieses besteht auch darin, dass zum Teil mittlerweile Kinderbücher im Industriemaßstab entstehen, die sich überhaupt nicht an der Zielgruppe orientieren. Sie sind in ihrem Stil für Erwachsene gemacht, weil ja schließlich die Erwachsenen die Bücher kaufen. Das gebiert seltsamste Blüten. Ein schönes Beispiel dafür sind etwa einige Pappbilderbücher. Wie toll wenn sich die Oma an einem witzigen UFO in einem Pappbilderbuch erfreuen kann, mit dem das Kleinkind in seiner Erfahrungswelt gar nichts anfangen kann …  So verprellt man ganze Leserschichten und ist erstaunt, wenn die Kinder nichts mehr mit Büchern anfangen wollen. Unsere einzige Chance besteht darin, Bücher zu machen, die sich entwicklungsgerecht an Kindern orientieren und diese ernst nehmen. So verlegen wir etwa Pappbilderbücher mit Helmut Spanner, der es Kleinkindern mit seinen liebevollen klaren Zeichnungen möglich macht, ihre bereits bekannte 3-D-Welt in die zweidimensionale Welt des Buches zu übertragen. Das ist der Anfang von Literatur. Indem wir Kinder genau beobachten und sie auch aktiv miteinbeziehen, stellen wir Bücher her, die diese ernst nehmen und von diesen deshalb auch angenommen werden. Wir wollen Bücher machen, die von Kindern geliebt werden. Denn nur wer Bücher liebt, wird sie auch weiter nutzen.

"Unsere Bücher und Zeitschriften sind auf Basis eines guten Handwerks mit viel Liebe und Verständnis für die Zielgruppe gemacht."

kress.de: Der Markt für junge Zielgruppen ist stark umkämpft. Viele Ihrer Mitbewerber buhlen mit Medien-Angeboten, die zumindest oft für Eltern in ihren Absichten durchsichtig dominant kommerziell wirken, um die Gunst der Kids. Wie sollen sich Ihre Verlagserzeugnisse abheben?

Gernot Körner: Indem sich die Kinder und Jugendlichen darin wiederfinden, Spaß damit haben und sich ernst genommen fühlen. Unsere Bücher und Zeitschriften sind auf Basis eines guten Handwerks mit viel Liebe und Verständnis für die Zielgruppe gemacht. Wir haben als kleiner Verlag eine klare pädagogische Ausrichtung und stehen für allgemeinverbindliche Werte. Insofern entscheiden wir uns auch immer wieder für Bücher, die nicht unbedingt im Mainstream liegen. Das beginnt mit den schon angesprochenen Pappbilderbüchern von Helmut Spanner und reicht bis zu den Aufklärungsbüchern von Trude Ausfelder, die sich sachlich, klar und mit viel Einfühlungsvermögen mit den Fragen der Jugendlichen auseinandersetzt. Solche Bücher sind Dauerseller, die im eigentlichen Sinne nie veralten. Das ist unser Rezept.

"Ich war immer der Meinung, dass es keine guten und schlechten Medien gibt, sondern nur gute und schlechte Produkte."

kress.de: Die Frage, inwieweit exzessives Gaming und zu frühe Smartphone-Nutzung Kinder in ihrer Entwicklung schädigt, ist hoch umstritten. Wird man als Kindermedien-Verleger automatisch zum Digital-Hasser?

Gernot Körner: Nein, ganz bestimmt nicht. Vor nun bald 20 Jahren habe ich mit Thomas Feibel den Deutschen Kindersoftwarepreis initiiert. Ich war immer der Meinung, dass es keine guten und schlechten Medien gibt, sondern nur gute und schlechte Produkte. Das gilt für den analogen wie den digitalen Bereich. Entscheidend ist doch, wie wir damit umgehen und dazu brauchen die Kinder ihre Eltern, Erzieher und Lehrer, die sie begleiten. Wie erleben eben, wie sich fast die gesamte Bildungsbranche auf das Thema "digitale Bildung" stürzt. Schon Einjährige bekommen heute von Pädagogen Tablets in die Hand gedrückt. Andere gehen auf die Barrikaden und sprechen von digitaler Demenz. Am Ende geht es um Ausgewogenheit. Natürlich kommt niemand mehr an den digitalen Medien vorbei. Auch diese Welt möchten und sollten die Kinder mit der ihnen eigenen Begeisterung für sich entdecken. Dabei müssen wir aber auch darauf achten, dass nicht andere wesentliche Elemente der Kindheit verschwinden. Das freie Spiel und das Toben gehören ebenso dazu, wie die Musik, das Basteln, Malen, Werken und Theater spielen. Das Buch ist immer mit dabei. Keiner von uns weiß, was die Zukunft bringt. Wesentlich für deren Gestaltung ist es aber, dass Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein und ausreichende soziale Fähigkeiten entwickeln. Schließlich sollen sie sich doch eines Tages mit Freude, Lernbereitschaft und Kreativität den Herausforderungen stellen.

kress.de: Sie bringen Ihre Angebote mit einer überschaubaren Mannschaft und offensichtlich mit viel persönlichem Einsatz heraus. Haben Sie den Schritt in die Selbstständigkeit schon mal bereut?

Gernot Körner: Mir macht meine Arbeit viel Freude, denn ich habe etwas zu sagen. Ich arbeite mit Begeisterung mit meinen Kunden und Kollegen zusammen. Und vor zu viel Arbeit habe ich mich noch nie gefürchtet. Es ist oft nicht einfach, und der Druck oft enorm. Ich habe meinen Verlag ohne Kapital gegründet und die Reglementierung seitens der Institutionen kostet viel Geld und Arbeit. Das geht auf die Energie und Kreativität. Aber ich bin der festen Meinung, dass jeder das tun sollte, woran er wirklich glaubt. Das tue ich und deshalb bin ich dankbar dafür, dass ich das bis heute so halten kann.

"Die schönste Publikation geht vor die Hunde, wenn der starke Vertriebspartner fehlt."

kress.de: Welche Tipps können Sie Kollegen geben, die selbst mit einer unternehmerischen Verlegertätigkeit liebäugeln?

Gernot Körner: Neben der inhaltlichen Erfahrung zählt vor allem, die richtigen Partner für das Unternehmen zu finden. Das bedeutet, sich Zeit zu lassen. Denn die schönste Publikation geht vor die Hunde, wenn der starke Vertriebspartner fehlt. Die Finanzierung sollte zumindest für die ersten drei Jahre gesichert sein. Um die Rückschläge zu verkraften, die zwangsläufig irgendwann kommen, sind vor allem Mut und Begeisterung notwendig. Deshalb sollte jeder das tun, woran er auch wirklich glaubt. Und dann ist es ganz wichtig, Kontakt zu anderen zu halten. Zum einen hilft einem das eigene Netzwerk am meisten und zum anderen ist der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen unersetzlich.

kress.de: Ihr Abschied aus der Medweth-Medienwelt, die Sie lange mit geprägt haben, erfolgte einst nicht ohne ganz ohne Reibungen. Wie sehen Sie die Entwicklungen, die das einstige Zuhause etwa von "Jolie" und "Madame" gemacht hat?

Gernot Körner: Ich hatte da eine gute Zeit, in der wir viel aufgebaut haben. Mit dem Unternehmen habe ich mich immer sehr identifiziert und auch nachdem ich nun schon sieben Jahre dort nicht mehr tätig bin, fühle ich mich emotional noch immer sehr damit verbunden. Genau deshalb bin ich nicht der Richtige, um die Entwicklung zu kommentieren.

kress.de: Sie haben vor ihrer angestellten Verlagsmanager-Tätigkeit selbst lange journalistisch gearbeitet. Inwieweit entsprach Ihrer Rückkehr auch zum eigenen Schreiben und redaktionellen Organisieren einem inneren Bedürfnis?

Gernot Körner: Ja, das Schreiben habe ich wirklich vermisst. Ich kann davon heute kaum genug bekommen. Der Verlag bietet mir dafür viele Möglichkeiten. Hier fühle ich mich zuhause. Gerade in zu meinen Schwerpunkten Familie, Bildung und Gesellschaft würde ich gerne noch viel mehr publizieren. In der kleinen Struktur sind die Herausforderungen bezüglich redaktioneller Organisation dagegen eher überschaubar. Hier vermisse ich gelegentlich auch mal die Kollegen.

"Eine gute Schule war meine Zeit bei der Medweth-Gruppe. Wir haben oft angeschlagene Häuser übernommen und neu aufgebaut."

kress.de: Wenn Sie auf die Stationen Ihrer Berufslaufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und was ist für Ihre heutige Arbeit dafür im Rückblick entscheidend?

Gernot Körner: Ich hatte das Glück zu einer Zeit zur Uni zu gehen, als die Studiengänge noch deutlich offener waren. Wir konnten noch all das studieren, wofür wir uns interessiert haben. Die Pädagogik hatte hier ebenso ihren Platz wie die Psychologie. Beides hat mir neben meinen Fachstudien viel weiter geholfen. Mein Redaktionsvolontariat war anspruchsvoll. Hier habe ich verstanden, wie wichtig journalistisches Handwerkszeug ist. Eine gute Schule war auch meine Zeit bei der Medweth-Gruppe. Wir haben oft angeschlagene Häuser übernommen und neu aufgebaut. Es war für mich faszinierend zu erleben, wie sich Teams begeistern lassen, wenn man den Menschen zeigt, dass man sie ernst nimmt, sie achtet und dass sie wichtig für das Unternehmen sind. Ich habe gelernt, wie ein Stimmungswechsel auch die redaktionellen Inhalte positiv beeinflussen kann. Und ich habe beobachtet, wie negativ sich drastische Personalmaßnahmen auf Unternehmen auswirken können. Die beste Schule waren aber wohl auch die vergangenen Jahre. Hier habe ich gelernt, dass man sich immer wieder neu erfinden kann und dass neben der Erfahrung vor allem die Bereitschaft, immer wieder neu dazu zu lernen, am wichtigsten ist.

kress.de: Einmal privat gefragt: Wie sieht denn bei Ihnen ein Feierabend aus und welche Geräte schalten Sie dafür ein?

Gernot Körner: Ich habe das große Glück eines Berufs, in dem ich das tue, was mich begeistert und der mir eine enorme Vielfalt bietet. Deshalb bin ich meist gar nicht so scharf auf einen Feierabend. Hinzu kommt, dass ich kein Frühaufsteher bin, sondern auch mal gerne bis in die Nacht arbeite. Wenn der Feierabend aber dann tatsächlich mal passiert, nutze ich die komplette Medienvielfalt. Ich lese, höre Hörbücher, sitze vor dem Fernseher, dem PC und dem Tablet. Und gelegentlich spiele ich auch Computerspiele und gehe wahnsinnig gerne ins Kino.

kress.de: Unternehmerische Beweglichkeit setzt voraus, dass man seinen Kopf auch immer wieder freibekommt: Wo tanken Sie Ihre Kraftreserven auf?

Gernot Körner: Bei meiner Familie, bei Treffen und in Gesprächen mit guten Freunden, beim Lesen und vor allem auch beim Schreiben. Letzteres hilft mir immer wieder, mich neu zu sortieren und neue Ideen zu entwickeln. Manchmal mache ich sogar Sport.

"Ich schätze mal, dass die Hälfte meines Unternehmens das Netzwerk ausmacht."

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Gernot Körner: Elementar. Mein Netzwerk, das ich in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut habe, ist die Basis meines Geschäftes. Hier kommen viele Impulse her, neue Kundenkontakte ergeben sich durch Mundpropaganda, und neue Absatzwege ergeben sich. Ich schätze mal, dass die Hälfte meines Unternehmens das Netzwerk ausmacht.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Gernot Körner: Nichts Spezifisches. Ich nutze die Vielfalt und große Aktualität, die mir kress bietet, und schätze sie sehr. Deshalb lese ich dort alles, was ich bekommen kann. Ich informiere mich über den Markt und lerne aus den Beiträgen meiner Kolleginnen und Kollegen. Außerdem bedeutet die Lektüre für mich auch Entspannung.

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