Warum es höchste Zeit ist, einen Essay zu schreiben

21.01.2019
 

"Es ist an der Zeit, dass wir wieder anfangen, uns Meinungen zu bilden, anstatt sie einfach zu haben. Es ist an der Zeit, Fragen zu loben und raschen Antworten zu misstrauen", sagt der Journalist und Dozent Peter Linden. Er hat für das "medium magazin" die "Journalisten-Werkstatt: Der Essay" gemacht. 

[...] Denn im Falle des Journalisten bedeutet Essay immer eine detektivische Indiziensammlung und Analyse aller möglichen Erklärungsmuster oder Lösungsansätze. Im Falle der Leser bedeutet es, wenigstens für einen Moment, Vorurteile beiseitezulegen und sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu begeben. Für beide bedeutet es zu akzeptieren, dass sich ein erster Eindruck, eine spontan formulierte Meinung, ein lange gepflegtes Vorurteil womöglich als falsch erweisen. Das ist viel verlangt in Zeiten, in denen die Technologie EinKlick-Lösungen für alle Probleme sucht oder ermöglicht. Wir leben im konkreten wie im übertragenen Sinne mit der Maus oder der Fernbedienung in der Hand. Und wir erleben beinahe ununterbrochen den Kreislauf Problem, Klick, Problem beseitigt, neues Problem. Auch die Welt der Wirtschaft, speziell der Börse, funktioniert so. Problem, Aktien abstoßen, Problem beseitigt, neues Problem. Oder die Welt der Politik. Problem, Minister austauschen, Problem beseitigt, neues Problem.

[...] In all dem Geschrei hatte sich der Essayist (und ganz nebenbei der Philosoph) nach und nach aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Man fand ihn zuweilen in den kaum gelesenen Feuilletons, gut versteckt zwischen Theaterrezensionen und Buchkritiken. Noch seltener fand man ihn an anderer Stelle, etwa als Gastautor aus Forschung oder Wissenschaft.

Und wenn der Essayist doch einmal Gehör fand, weil sein Text an prominenter Stelle erschien oder er als Festredner irgendeiner Preisverleihung Niveau verleihen durfte, erfüllte für einen kurzen Moment betretenes Schweigen den Raum. Wie nach einer strengen Predigt, bei der sich die Gemeinde in ihrem schlechten Gewissen ertappt fühlt.

Es ist höchste Zeit, dass wir wieder anfangen, uns Meinungen zu bilden, anstatt sie einfach zu haben. Dass wir unsere angeborene Neugierde und unsere Fähigkeit zur Empathie auch dann nutzen, wenn es um Probleme jenseits unserer Familie oder Haustiere geht. Kleine Kinder haben die wunderbar nervensägende Eigenschaft, beinahe ununterbrochen "warum" zu fragen. Und Erwachsene die bedauerliche Eigenschaft, den Kindern das Fragen immer dann zu erschweren oder gar zu verbieten, wenn sie keine Antwort mehr wissen.

Es ist an der Zeit, Fragen zu loben und raschen Antworten zu misstrauen. Warum kommen Flüchtlinge wirklich zu uns? Warum herrscht in Afrika so viel Armut und im Nahen Osten nahezu ununterbrochen Krieg? Warum öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter? Warum schwimmt so viel Plastik in den Weltmeeren herum? Warum entgehen dem europäischen Fiskus jährlich 1.000 Milliarden Euro durch Steuerbetrug? All das, um jeder Antwort ein weiteres "Warum?" folgen zu lassen. Und noch eines. Und noch eines.

Es ist auch an der Zeit, den Perspektivwechsel zu üben. Was treibt den Flüchtling? Den Fluchthelfer? Was treibt den PegidaDemonstranten, was den Bürger, der Flüchtlingen am Bahnhof Tee ausschenkt? Rasch entsteht dann ein befremdliches Bild, das sich der Schwarz-Weiß-Malerei entzieht, die die öffentliche Debatte dominiert. Wer die Welt in Gut und Böse einzuteilen vermag, wird sie niemals verstehen. Wer wie ein Essayist vorgeht, vielleicht.

Und immer wieder: Warum? Essay heißt wörtlich übersetzt: Versuch. Versuch, einer Sache auf die Spur zu kommen, Versuch, ihr gerecht zu werden. Essay ist die schriftlich aufgezeichnete Gedankenreise eines Menschen, der sich mit Neugierde und Empathie einem Problem widmet. Essayisten gehen das Risiko ein, dass diese Reise in eine Sackgasse mündet. Sie sehen darin jedoch kein Scheitern, sondern den Anlass, immer weiter zu fragen: "Warum?"

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Sie möchten weiterlesen? Dann kaufen Sie bitte das aktuelle "Medium Magazin" 7/2018, inklusive der "Journalisten-Werkstatt: Der Essay". Das Heft ist gedruckt und digital unter mediummagazin.de und im iKiosk verfügbar. Der hier in Auszügen wiedergegebene Text stammt von Peter Linden, der die aktuelle "Journalisten-Werkstatt: Der Essay" gemacht hat. Auf 16 Seiten finden Sie das Wichtigste zur Darstellungsform Essay. Auch Heribert Prantl, Giovanni di Lorenzo, Ulf Poschardt und Henriette Löwisch kommen zu Wort.  Zur Darstellungsform des Essays gibt es bislang keine einschlägige Lehrliteratur für Journalisten. 

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Ihre Kommentare
Kopf

Karl-Erich Weber

21.01.2019
!

Wie Ulf Poschardt in diese illustre Runde passt, ist mir zwar ein Rätsel, aber die Notwendigkeit für Essays ist unbestritten. Zeigen wir dem Agentur-PR-Journalismus seine Grenzen auf. Denken wir wieder selbst.


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