Was mit Englisch: Clusterfuck beim Spiegel

 

Als sich in den vergangenen Wochen der mexikanische Wüstenstaub wieder langsam legte, den die Lügengeschichten des Reporters Claas Relotius aufgewirbelt hatten, musste ich daran denken, dass journalistischer Erfindergeist in der Redaktion des Spiegel eine gewisse Tradition hat - jedenfalls wenn es um unsere Lieblingsfremdsprache Englisch geht.

Oder glauben Sie im Ernst, dass Helmut Kohl jemals zu Margaret Thatcher "You can say you to me" gesagt hat? Oder Heinrich Lübke zur Queen: "Equal goes it loose"?

Nicht nur, dass die Zitate nie belegt werden konnten. Im Fall von Bundespräsident Lübke, der allgemein als etwas begriffsstutzig galt und der in den Journalistenkreisen der Bonner Republik irgendwann zum Abschuss freigegeben war, ist überliefert worden, dass sich der Spiegel Redakteur Ernst Goyke ein paar lustige Sentenzen ausgedacht hatte. Laut dem Magazin "konkret" sollen andere Spiegel Redakteure sogar Leserbriefe mit angeblichen Aussagen Lübkes fingiert - fast möchte ich sagen: "relotiert" haben! Die Aufklärung der Zitatlüge aus der Titelgeschichte vom 11. März 1968 erfolgte 16 Jahre später im Spiegel, als der Satz "Equal goes it loose", der längst ins kollektive Englischgedächtnis der Bundesrepublik eingebrannt war, von der erfindungsreichen Redaktion nunmehr als  "Bonner Fama" abgetan wurde.

Hinsichtlich unserer Lieblingsfremdsprache ist der Erfindungsreichtum im Spiegel allerdings weiterhin ungebremst - und das auf viele Arten. Einmal hat sich die Redaktion wahrlich Lorbeeren verdient, als sie - es muss ebenfalls um 1968 gewesen sein - aus dem hässlichen Terminus Technicus "Nonproliferation" den "Atomwaffensperrvertrag" machte. Es war eine im deutschen Journalistmus vorbildliche Art mit Anglizismen umzugehen: indem man sie gehaltvoll und wohlklingend ins Deutsche überträgt. Zugleich leidet die Redaktion - wie viele andere - an einer Krankheit, die ich "Anglizitis" nennen würde und die dazu führt, dass man arglos neue deutsche Begriffe und Redewendungen erfindet, bloß weil man zu faul ist sie ins Deutsche zu übertragen. Da wird zum Beispiel aus der "Coastline" die "Küstenlinie" und aus dem "Thunderstorm" der "Donnersturm". Und weil es gerade schon stürmt: Ein perfektes Beispiel für das Problem lieferte die große Aufklärungsgeschichte um Claas Relotius in der vergangenen Weihnachtsausgabe des Spiegel. Das Enthüllungsdrama in eigener Sache wurde dort mehrfach als "Perfekter Sturm" bezeichnet - ein Ausdruck, über den ich mich auch in anderen Medien schon häufiger gewundert habe. Es ist diese Art von Kauderwelsch, das man überall dort hören kann, wo Leute unter dem "Abrieb" oder der "Attrition" (so nennen es Sprachwissenschaftler) ihres Englischwissens leiden. Sie sagen dann Sätze wie "Am Ende des Tages bin ich fein" oder "Ich gehe für ein Spiegel Plus Abo" ...

Gemeint war mit dem "perfekten Sturm" eine "Verkettung unglücklicher Umstände", die heutzutage ja auch gerne als "Clusterfuck" bezeichnet wird. Diesen Begriff hätte übrigens ich in der Sache Relotius gewählt - auch weil er den Redakteuren als Lerneffekt dienen könnte. Denn spätestens an dem Punkt, an dem sie in die Versuchung geraten daraus "Clusterfick" oder gar "Gruppenfick" und "Rudelbumsen" zu machen, würde ihnen aufgefallen, wie fortgeschritten ihre Anglizitis ist - und dass das alles mindestens so begriffsstutzig klingt wie Heinrich Lübkes Patzer - und wie der Quatsch, den Rudolf Eyestone & Co. ihm einst in den Mund legten.

Zum Autor: Peter Littger ist "Der Denglische Patient". So heißt auch seine regelmäßige Kolumne bei ntv.de. In seinen Kolumnen und Büchern widmet er sich deutsch-englischen Sprachverwirrungen. Er ist Autor der Bestseller The Devil lies in the Detail (KiWi). Soeben erschienen: Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof. English made in Germany - das Bilderbuch. Instagram: denglishpatient, Twitter: fluentenglish.

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Ihre Kommentare
Kopf

joachim beck

18.01.2019
!

eines der schönsten beispiele für diesen "abrieb" hat sich inzwischen ganz fest im deutschen sprachschatz festgesessen, bleibt aber nach wie vor blödsinn: die datenautobahn. das englische wort HIGHWAY wird zwar mit AUTOBAHN ins deutsche übersetzt, das word AUTO kommt aber nicht drin vor, ist also im zusammenhang mit daten völliger quatsch.


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