WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni: Authentizität ist mein und unser journalistisches Selbstverständnis

21.01.2019
 

Der WDR zieht Konsequenzen aus den Ungereimtheiten in drei seiner Dokumentationen und will der Autorin keine weiteren Aufträge mehr geben. Was Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin Fernsehen, sagt.

Dem WDR liegen neue Erkenntnisse zu Mängeln der Doku "Ehe aus Vernunft" der Sendereihe "Menschen hautnah" vor. So musste die Redaktion nach Sichtung des vorhandenen Drehmaterials nun feststellen, dass bei diesem Film die echte Beziehungsgeschichte des Paares Sascha und Tanja in unzulässiger Weise zugespitzt wurde. Zwar handele es sich um eine reale Beziehung, die Gefühlslage sei aber verzerrt dargestellt worden, heißt es beim WDR. Der Film wird nun aus der Mediathek entfernt.

"Das Vertrauensverhältnis zur Autorin ist zerstört. Deshalb werden wir sie ab sofort nicht mehr beauftragen", stellt Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin Fernsehen, klar. Der WDR werde zudem seine Maßnahmen zur Qualitätssicherung für die Sendereihe "Menschen hautnah" ausbauen. So will die Redaktion das Vieraugen-Prinzip und die Gegenrecherche ausweiten und ihre Kriterien für die Protagonistensuche präzisieren. 

Ellen Ehni: "Wir müssen dafür Sorge tragen, unseren eigenen hohen Standards zu entsprechen. Uns zeichnet gerade aus, dass auch emotionale Geschichten durch und durch authentisch sind. Das ist mein und unser journalistisches Selbstverständnis - und das gilt natürlich für jeden einzelnen Film." Zuvor hatte sich herausgestellt, dass neben Sascha ein weiterer Protagonist über eine Komparsen-Website gewonnen wurde. Auch diese Vorgehensweise sei für ein dokumentarisches Format wie "Menschen hautnah" nicht akzeptabel, so Ehni. 

Die Autorin der Dokus bestreitet dagegen, dass sie in unzulässiger Weise zugespitzt habe. "Ich habe Fehler gemacht in Alters- und Zeitangaben, aber ansonsten sind alle drei Filme komplett authentisch", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Viele aus der Fernsehbranche - auch WDR-Redaktionen - suchten sich Protagonisten für Dokus über die Plattform im Internet. "Ich fühle mich als Bauernopfer", so die Autorin. Auch andere hätten Fehler gemacht. 

Hintergrund: In den Tagen zuvor wurden in den insgesamt drei Dokumentationen u.a. Fehler bei Jahreszahlen und Altersangaben festgestellt. Auch wurde versäumt, kenntlich zu machen, dass Protagonisten nicht unter ihren richtigen Namen in der Sendung erscheinen wollten.

Übersicht der drei beanstandeten Dokumentationen:
1. Film: "Heimliche Liebe", Erstsendedatum 13.11.2014
2. Film: Follow-up "Liebe ohne Zukunft? Heimliche Affären und ihre Folgen", Erstsendedatum 15.12.2016, Wiederholung 27.11.2018, (Neuanteil 20 Minuten)
3. Film: "Ehe aus Vernunft", Erstsendedatum 10.01.2019

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