Beim Bonsai-Pflegen kommen Jochen Wegner die besten Ideen

 

Der Zeit Online-Chefredakteur ist Jury-Mitglied für den neuen European Digital Publishing Award. Im "kressköpfe"-Interview verrät Jochen Wegner die für ihn aktuell wichtigsten Online-Trends und warum er gerne vor dem Morgengrauen in sich geht, wenn das deutsche Internet noch schweigt.

kress.de: Herr Wegner, Sie sind Mitglied der Jury des neuen European Digital Publishing Awards und werden schon bald aktuelle Arbeiten begutachten. Wie viel Inspiration erwarten Sie sich von so einer Trendschau?

Jochen Wegner: Da es sich um einen neuen Preis handelt, habe ich keine klare Erwartung, dafür die große Hoffnung, völlig überrascht zu werden. Wohl niemand hat all die exzellenten Projekte im Blick, die europaweit im Laufe eines Jahres entstehen.

kress.de: Die Digitalbranche steckt natürlich im Daueraufbruch. Welches sind Ihrer Meinung nach die Themen, die zu Recht derzeit in den Verlagshäusern und deren Digitalabteilungen am leidenschaftlichsten debattiert werden?

Jochen Wegner: Da gibt es die beiden Dauer-Debatten: Wie verhalten wir uns in einer zunehmend polarisierten Welt? Und: Wie entwickeln wir unser Geschäftsmodell angesichts sehr volatiler Anzeigenerlöse weiter? Auf beide Fragen gibt es keine abschließenden Antworten, die Antwort liegt gleichsam im anhaltenden Diskurs darüber. In Deutschland haben wir dank des so genannten Fall Relotius zudem eine Debatte über journalistische Standards. Auch die Auswirkungen der DSGVO scheinen viele sehr zu beschäftigen. Was ich, auch bei uns selbst, vermisse, sind radikal neue, inspirierende Ideen. Da hoffe ich sehr auf die Preis-Einsendungen.

"Es ist kaum zu beziffern, wie viel Zeit und Energie man mit Trends verschwenden könnte, die keine sind."

kress.de: Was sind für Sie richtungweisende Entwicklungen, an denen sich führende Digital-Macher orientieren sollten?

Jochen Wegner: Ich würde Digital-Machern nie Ratschläge erteilen - zumal ich wenige habe. Für unsere Arbeit bei Zeit Online hat es sich eher bewährt, schnell auf tatsächliche Entwicklungen reagieren zu können, als Thesen über die Zukunft der Medien hinterher zu eilen. Es ist ja kaum zu beziffern, wie viel Zeit und Energie man mit Trends verschwenden könnte, die keine sind.

"Wir streben danach, die Wahrheit zu beschreiben - das unerreichbare Ideal des Journalismus."

kress.de: Nicht zuletzt durch die Datenskandale, durch Hetzrede und Manipulationsversuche ist Journalismus auch und vor allem im Netz unter Generalverdacht geraten. Wie schwer ist es, solchen Stimmungen entgegenzusteuern?

Jochen Wegner: Ich sehe unsere Aufgabe nicht darin, Stimmungen entgegenzusteuern. Wir streben danach, die Wahrheit zu beschreiben - das unerreichbare Ideal des Journalismus. Wie wir das machen, auch, wie wir manchmal scheitern, versuchen wir zunehmend zu erklären und transparent zu machen. Außerdem bemühen wir uns, auch jenseits von unserer Berichterstattung mit Menschen im Austausch zu bleiben, die unser Angebot nicht nutzen und es vielleicht sogar ablehnen. Mehr können wir kaum tun, ohne zu Aktivisten zu werden.

kress.de: Manchmal hat man den Eindruck, dass gerade in Branchenkreisen die Freude am Entwickeln und Produzieren oft etwas ausgeblendet ist. Wenn Sie auch auf Ihren eigenen Werdegang blicken: Wie viel Sinnlichkeit steckt für Sie im digitalen Publizieren?

Jochen Wegner: Wie viele meiner Kollegen ziehe ich die größte Freude in meiner Arbeit aus einzelnen, ganz konkreten Ideen, Geschichten und Projekten. Das reicht von einer genialen Headline über einzelne, gelungene Beiträge bis hin zu Gründung neuer Medien und auch Großprojekten wie der Plattform "Europe talks", mit der wir vor der Europawahl tausende Europäer ins persönliche Zwiegespräch bringen wollen - mit der Hilfe von einem Dutzend internationaler Partner. Es ist die Freude des Maurers, der abends auf die hochgezogene Wand blickt - alles andere ist nicht so wichtig.

kress.de: Woher beziehen Sie eigentlich selbst entscheidende Inspirationen für Ihr Tagesgeschäft?

Jochen Wegner: Informationen und Inspirationen nehmen wir alle ja ständig auf, mein Problem ist es eher, die Ruhe zu finden, um das Entscheidende zu erkennen und daraus eine Idee zu entwickeln. Jeder hat da ja so seine Rituale, manche überfällt es unter der Dusche, andere gehen Laufen oder führen den Hund aus. Ich pflege jeden Morgen um 5 Uhr die Bonsais. Da schweigt das deutsche Internet, es ist ruhig und ich habe gelegentlich eine Idee.

kress.de: Der deutschsprachige Raum ist stolz auf seine breite Presselandschaft: Welches Nachbarland oder welche europäische Region steht für Sie für eine Digital-Szene, von der man sich auch hierzulande mehr abschauen könnte?

Jochen Wegner: Nordeuropa!

Zur Person: Jochen Wegner, geboren 1969 in Karlsruhe, ist seit 2013 Chefredakteur von Zeit Online und seit 2019 Mitglied der Chefredaktion der "Zeit". Der studierte Physiker und Philosoph begann seine Laufbahn als Wissenschaftsjournalist und arbeitete für die "taz", "Geo", "Spiegel Special" und den WDR. 2006 wurde Wegner Chefredakteur von Focus  Online, seit 2009 war er zudem als Geschäftsführer von Tomorrow Focus Media zuständig für innovative Projekte wie nachrichten.de. Gemeinsam mit "ZeitMagazin"-Chefredakteur Christoph Amend ist Jochen Wegner Gastgeber eines der populärsten deutschen Podcasts: "Alles gesagt?". Es dauert genau so lange, bis der Gesprächspartner findet, nun sei alles gesagt. Auszeichnungen: Chefredakteur des Jahres (2016, Medium Magazin), Grimme Online Award (2018), Digital Leader in Gold (Lead Awards 2018), Scoop Award (Scoopcamp 2018).

kress.de-Tipp: Noch bis zum 8. Februar läuft die Einreichungsphase beim European Digital Publishing Award. Ausgezeichnet werden die besten digitalen Plattformen in Europa, darunter die "European Publishing Platform of the Year" und das "European Start-up of the Year". In 15 weiteren Kategorien geht es u.a. um digitale Geschäftsmodelle, Tools, Design/Usability. Teilnehmen können Medienunternehmen, Servicepartner und Dienstleister. Die Preisverleihung findet während des European Newspaper Congress vom 12. bis zum 14. Mai 2019 in Wien statt. Dort werden auch der European Newspaper Award und der European Magazine Award verliehen.

Die wichtigsten Informationen zum Wettbewerb finden Sie im Info-PDF.

Vertiefende Informationen zu den einzelnen Kategorien, zur Jury und zum Verfahren stehen auf unserer European Publishing Awards-Website. Die besten Cases stellen wir in der Folge in "kress pro" vor, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

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