Warum Robert Domes Journalisten die Sendung mit der Maus empfiehlt

 

Der Film "Nebel im August", ab sofort in der ZDF-Mediathek zu sehen, nahm als Vorlage das Buch des Journalisten Robert Domes. Für seine Kolumne sprach Paul-Josef Raue mit Domes über Lokaljournalisten, Recherche und Wahrheit, das Dasein eines Freien, über arrogante Redakteure und Redaktionen, über Claas Relotius und über seinen mehrfach preisgekrönten Film.

Herr Domes, Sie schreiben auf Ihrer Homepage: "Ich erfinde keine Texte, ich finde sie." Der Satz liest sich wie ein Kommentar zu den Fälschungen von Claas Relotius, sie haben ihn aber schon viel früher geschrieben. Wie finden Sie Ihre Themen? Ihre Texte?

Domes: Ich bin mehr und mehr der Überzeugung, dass die Themen und Geschichten mich finden. Die wichtigste Eigenschaft dafür ist Offenheit und eine Grundneugier den Menschen und der Welt gegenüber. Ich schalte alle meine Sinne auf Empfang. Das kann man übrigens lernen und üben. Ich bringe meinen Volontären und Studenten unter anderem auch Kreativitätstechniken bei. Echte Kreativität ist fast immer eine Antwort auf eine möglichst exakte Frage. Ich vergleiche das mit der Goldsuche: Ich grabe mich durch das Sediment und wasche den Sand, bis ich die Goldkörner finde. Das erfordert ein offenes Auge, vor allem aber Fleiß und Geduld.

Wie kann ein Journalist Kreativität lernen?

Kreativität ist keine Gottesgabe, sondern ein Handwerkszeug, das in jede Journalistenausbildung gehört. Egal ob ich den Haushaltsplan der Kommune lesernah erklären will, ob ich eine pfiffige Serie starte oder neue Ansätze zum Flüchtlingsthema suche - mit Kreativmethoden fülle ich den Ideentopf.

Ein gutes Beispiel ist die Sendung mit der Maus. Sie bedient sich eines Konzepts, das auch Journalisten nutzen sollten. Man versetze sich in die Sichtweise eines Kindes, das die banalsten Dinge hinterfragt und das immer wieder die "Königsfrage" stellt: Warum? Schnell erkennen wir auf diese Weise, wie schwierig viele Sachverhalte tatsächlich zu erklären sind. Nicht nur Kinder stellen solche Fragen, auch viele Leser. Dazu dürfen Journalisten nichts für selbstverständlich nehmen. Kreativität ist dabei ein guter Unterstützer.

Gibt es Techniken der Kreativität?

Ja, bei allen Kreativtechniken geht es darum, aus den gewohnten Denkmustern auszubrechen, also "outside the box" zu denken. Wichtig ist, dass sich Journalisten aus der Routine lösen und auf spielerische, "unvernünftige" Weise mit den Themen umgehen. Das ist die größte Herausforderung im Redaktionsalltag: Muße finden, sich Freiraum schaffen für unkonventionelle Ideen. Das ist auch Aufgabe der Redaktionsleitung, ihrer Mannschaft die Möglichkeit zum Spielen zu geben.

Kommt ein Journalist ohne Erfindung aus? Gerät er nicht leicht in die Versuchung, Wörter und Sätze zu erfinden, um Stimmungen und Gefühle deutlich machen zu können - ohne gleich ein Fälscher zu sein?  

Ich bin ja in zwei Berufen unterwegs, als Romanautor und als Journalist. Im ersten habe ich alle Freiheiten, mir Geschichten auszudenken und so hinzubiegen, wie ich sie haben will. Als Journalist ist das verboten. Ich habe von Kollegen schon den Satz gehört: "Ich lasse mir durch die Recherche meine schöne Geschichte nicht kaputt machen." Das ist ein Verrat an unserem Gewerbe.

Welches sind Ihre Prinzipien? Faktentreue um jeden Preis?

Ja, ich bin ein Verfechter der guten alten Grundsätze: berichten, nicht richten; verdichten, nicht erdichten; beschreiben, nicht vorschreiben. Natürlich gibt es die Versuchung, Geschichten "aufzuhübschen". Aber dabei darf ich den Pfad der Fakten nicht verlassen. Und wer mit den Fakten ein Problem hat, hat die Pflicht, das den Lesern gegenüber auch transparent zu machen.

Ist Ihr Buch "Nebel im August" die ausführliche Reportage eines Journalisten, der tief in den Archiven recherchiert hat? Ein Sachbuch? Oder Literatur, ein Roman?

Es ist weder eine Reportage, noch ein Sachbuch. Der Begriff "Dokufiktion" trifft es vielleicht am besten. In der Recherche habe ich streng journalistisch gearbeitet, oft richtiggehend detektivisch. Ich wollte alles so genau und detailreich wissen, wie es möglich ist. Am Ende hatte ich ein Gerüst aus gut recherchierten Fakten, die allerdings leblos sind. Denn das, was ein Leben ausmacht, Gefühle, Dialoge, Alltagssituationen, werden in den Archiven selten überliefert. Also habe ich die toten Akten mit Bildern und mit Leben gefüllt. Einen Teil dazu haben Zeitzeugen beigetragen, die mir ihre Geschichten erzählt haben. Der Rest ist meine Erfindung oder auch Interpretation. Letztlich habe ich den Stoff mit literarischen Mitteln zu einer Geschichte geformt.

Diese "Dokufiktion" ist verfilmt worden, lief erfolgreich im Kino und ist nun im ZDF zu sehen. Wie groß war Ihr Anteil, die Geschichte vom Papier auf die Leinwand zu bringen? Wieviel Mitsprache hat dabei ein Autor und Journalist?

Offen gesagt: nahezu Null. Trotz des Erfolgs des Buches bin ich ein vergleichsweise kleiner Autor und hatte bei der Verfilmung kein Mitspracherecht. Deshalb habe ich auch lange überlegt und erst zugesagt, nachdem ich den Produzenten Ulrich Limmer kennengelernt hatte. Bei ihm war mir schnell klar, dass ihm die Geschichte ebenso am Herzen liegt wie mir. Dieses Vertrauen hat er auch bestätigt. Obwohl der Film eine völlig neue Dramaturgie besitzt, hat er die Tonlage und die Botschaft des Buches sehr gut umgesetzt.

Sie haben 17 Jahre als Lokalredakteur im Allgäu gearbeitet, davon einige Zeit als Lokalchef; dann haben sie gekündigt, um als Freier zu arbeiten. Haben Sie diese Entscheidung je bereut?

Bereut habe ich diesen Schritt nie. Wobei ich zugebe, dass ich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten - und die gibt es durchaus im Leben als freier Journalist und Künstler - manchmal froh über ein festes Einkommen wäre. Rückblickend sehe ich meine Zeit als festangestellter Redakteur auch nicht als vergeudet an. Ich habe ein gutes Handwerk gelernt und viele wichtige Erfahrungen gemacht. Es war damals nur einfach an der Zeit, etwas anderes zu tun.

Ein Freier wird im Lokalen selten gut honoriert. Waren Sie denn finanziell so gesichert, dass Sie den Sprung in den freien Journalismus wagen konnten?

Ich hatte keinerlei Fangnetz. Das bisschen Geld auf dem Sparkonto war überraschend schnell aufgebraucht. Immer wieder sagten mir Kollegen, wie mutig dieser Schritt sei, zumal ich eine große Familie zu ernähren habe. Ich sah das gar nicht so. Zum einen war ich sicher, dass ich, wenn alles schiefgeht, schon wieder einen Job finden würde. Zum anderen bin ich der Überzeugung, dass ein Fallschirm erst aufgehen kann, wenn man springt. Vorher wäre es ja auch eher hinderlich.

Ist Ihnen die Idee zu "Nebel im August" schon in der Lokalredaktion gekommen?

Ich wäre von mir aus nie auf die Idee gekommen, das Leben eines NS-Euthanasie-Opfers aufzuschreiben. Diese Geschichte war so etwas wie ein Fallschirm. Nachdem ich gekündigt hatte, habe ich mich von guten Kontaktpersonen verabschiedet. Dabei war ich auch beim Chefarzt der psychiatrischen Klinik am Ort. Der fragte nach meinen Plänen. Als ich etwas von Kunst sagte, drückte er mir die Akte eines Jungen in die Hand, der im Rahmen der NS-"Euthanasie" von den Nazis 1944 ermordet wurde. Diese Geschichte ist also zu mir gekommen, ohne dass ich danach gesucht oder gefragt hätte.

Hätten Sie die Recherche zu "Nebel im August" nicht auch in der Lokalredaktion stemmen können, mit mehr Geld, mehr Kontakten, mehr Zeit?

Es gibt ja Kollegen, die nebenher ein Buch schreiben können. Ich bewundere das, ich hätte das nicht geschafft. Allein wenn ich die Zeit für Recherche und Schreibarbeit rechne, wäre das mit meinem Job als Lokalchef unvereinbar gewesen. Meine Recherche dauerte über vier Jahre. Das wäre mit mehr Geld und einer Organisation im Rücken sicher schneller gegangen. Aber ich kenne keine Regionalzeitung, die sich so etwas leisten würde.

Sie arbeiten mit bei den "Modellseminaren für Lokaljournalisten", Sie schreiben die Dokumentation zum Deutschen Lokaljournalistenpreis: Sind Lokalredaktionen mittlerweile besser organisiert? Können sie sich solch investigative Recherchen, wie es Ihre war, leisten?

Ich sehe Lokalredaktionen ja meist nur noch von außen und kann das nur schwer beurteilen. Aber was ich von Kollegen höre, klingt nicht nach mehr Zeit oder besserer Ausstattung. Der finanzielle und zeitliche Druck hat eher zugenommen. Viele aufwändige Recherchen gelingen nur, weil Kollegen ihre Freizeit dafür opfern und/oder weil die Redaktion Mehrarbeit übernimmt. Allerdings hat inzwischen eine Reihe von regionalen Medienhäusern eigene Reportage-Ressorts eingeführt. Dass sich diese Investition lohnt, zeigen die zahlreichen ausgezeichneten Geschichten.

Sie schrieben auch einen Krimi, den man als Abrechnung mit dem Lokaljournalismus lesen kann. Da tauchen Redakteure auf, die "zwischen Anbiederung an die Honoratioren und blankem Populismus" schwanken, und ein Chefredakteur, der immer in der ersten Reihe bei den Graureihern sitzt und sich wichtigmacht. War das eine arge Übertreibung?

Keineswegs. Ich kenne solche Kollegen und musste für meine Romanfiguren nichts erfinden. Ich habe die Eigenschaften nur hie und da etwas zugespitzt.

Gibt es heute noch solche Redaktionen, die sich anbiedern, und solch eitle Chefs?

Ganz klar ja. Ich sehe das Metier heute oft von der anderen Seite des Schreibtischs. Journalisten kommen zu meinen Lesungen und Veranstaltungen oder machen Interviews mit mir. Ich erlebe dabei die ganze Bandbreite: Kollegen, die mit Sachverstand glänzen, und andere durch Ignoranz, anbiedernde und arrogante, kluge und dumme, gut und schlecht vorbereitete. Aber das finden wir ja überall in unserer Gesellschaft. Warum sollten Journalisten bessere Menschen sein?

Sollten Journalisten nicht besser sein, vorbildlich sogar, weil sie eine wichtige und entscheidende Position in der Demokratie einnehmen?

Ich weiß nicht, ob wir da nicht ein bisschen viel Idealismus verlangen. Wenn ich junge Menschen frage, warum sie Journalist werden wollen, bekomme ich meist als Antwort: ich will Geschichten erzählen, meine Neugier ausleben, einen spannenden, vielfältigen Beruf ausüben, die Menschen informieren und vielleicht auch etwas bewegen.

Das Argument  "Ich will Vorbild sein und die Demokratie voranbringen" taucht da höchst selten auf. Ich habe so etwas auch noch nie in den Profilanforderungen einer Stellenausschreibung gelesen. Wenn wir solche vorbildliche Journalisten wollen, müssen wir sie entsprechend ausbilden. Dann gehört das Fach "Demokratisches Bewusstsein" in jeden Voloplan und jeden Studiengang.

Sie bieten auf Ihrer Homepage an, Glossen, Reportagen, Porträts oder Fachartikel für Medien zu schreiben - und fügen an: Man "kann mich mieten (kaufen nicht!)". Was meinen sie damit, Sie seien nicht käuflich?

Ich schreibe inzwischen nur noch selten für Redaktionen. Dort sind die Honorare zumeist so lausig, dass ich nicht davon leben könnte. Ich lege bei meinen Texten Wert auf Qualität und Sorgfalt; dieser Aufwand wird selbst von großen Medienhäusern nur selten honoriert. Also biete ich meine Dienste für eine Vielzahl von Kunden an, für Kommunen und Privatunternehmen, Stiftungen oder auch PR-Agenturen. Aber ich mache klar, dass man mich nur mieten, aber nicht kaufen kann. Manche Aufträge, etwa für PR, werden enorm gut bezahlt. Aber wenn ich das Produkt oder die Firma ethisch nicht vertreten kann, leiste ich mir den Luxus, "nein" zu sagen.

Welche Projekte planen Sie? Bleiben Sie bei Ihrem Thema: Verstrickung und Schuld der Mitläufer im Dritten Reich?

Im Moment bin ich tatsächlich wieder an einem Roman, der mit dem Dritten Reich zu tun hat. Auch diese Erzählung beruht auf wahren Geschichten und gründlichen Recherchen. Sie spielt in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon am Rand eines kleinen Dorfs. Dort lebte während des Kriegs ein Mann, der als Außenseiter galt. 1943 wurde er von den Nazis denunziert und nach Auschwitz deportiert. Nach dem Krieg landet die sechzehnjährige Tochter einer Flüchtlingsfamilie in diesem Waggon. Auch sie erlebt Ausgrenzung und Intoleranz. Vor allem aber kämpft sie gegen das Schweigen. Der Roman handelt von Kriegstrauma und Verdrängen, von der Frage nach Schuld und der Suche nach Wahrheit. Zugleich erzählt er vom Neuanfang nach dem Krieg.

Übrigens - und damit sind wir wieder bei der ersten Frage - habe ich auch diesen Stoff nicht gesucht und nicht erfunden. Er wurde von einem Lokalhistoriker an mich herangetragen.

Haben Sie eine Vermutung, wie ein solch exzellenter Schreiber wie Claas Relotius zum Fälscher und Hochstapler wurde?

Vielleicht ist es ein Beispiel dafür, wie eng Genie und Wahnsinn beieinander liegen. Relotius sagt von sich selbst, er sei krank. Aber: Ebenso krank ist das journalistische System, das einen solchen Betrug gefördert und möglich gemacht hat. Es sind Redaktionen, in denen nicht zuvorderst über Fakten diskutiert wird, sondern über die "Deutungshoheit". In denen eine Kultur der journalistischen Arroganz gepflegt wird. Das ist eine Einladung zum Hochstapeln.

(das Interview ist per Mail geführt worden)

Info

Robert Domes war Redakteur bei der "Allgäuer Zeitung", zuletzt Leiter der Lokalredaktion Kaufbeuren-Buchloe. Seit 2002 arbeitet er als Schriftsteller und Journalist, wirkt als  Referent in der Aus- und Fortbildung für Journalisten, etwa bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Bücher von Robert Domes:

Nebel im August - Filmbuch. Ungekürzte Textausgabe mit zahlreichen farbigen Filmfotos.
cbj Verlag, 352 Seiten, 9,99 Euro
Almwiesengift. Allgäu Krimi. Emons Verlag, 256 Seiten, 9,90 Euro
Voralpenphönix. Allgäu Krimi. Emons Verlag, 192 Seiten, 9,90 Euro

Der Film "Nebel im August" erzählt eine authentische Geschichte über eines der größten Tabus der deutschen Nachkriegsgeschichte: das nationalsozialistische Euthanasie-Programm. Das ZDF zeigte die Kino-Koproduktion nach Motiven des gleichnamigen Romans von Robert Domes am Sonntag, 27. Januar 2019; der Film ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Süddeutschland, Anfang der 1940er Jahre: Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) ist ein aufgeweckter, aber unangepasster Junge. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er bisher lebte, haben ihn als "nicht erziehbar" eingestuft. Wegen seiner rebellischen Art wird er, vollkommen gesund, in eine Nervenheilanstalt abgeschoben. Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass dort unter der Klinikleitung von Dr. Walter Veithausen (Sebastian Koch) Insassen getötet werden. Während der Anstaltsleiter mit Stift und Papier über Leben und Tod seiner teils psychisch oder physisch behinderten Insassen entscheidet, setzt sich Ernst zur Wehr, findet Freunde, verliebt sich und sabotiert die Maßnahmen des "Euthanasie"-Programms. Dabei ahnt der Junge nicht, wie sehr er selbst in Lebensgefahr schwebt. (nach dem ZDF-Presseportal)

Der Autor

Paul-Josef Raue hat Robert Domes bei Seminaren der "Bundeszentrale für politische Bildung" kennen- und schätzen gelernt. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus.  Im Klartext-Verlag erscheint seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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