Warum für Patrik Schwarz eine gute Zeitung heute ein Identitätsanker ist

 

Unkonventionelle Wege aus der Medienkrise und eine echte "Elbvertiefung": Wie Patrik Schwarz, der als Geschäftsführender Redakteur der "Zeit" alle Auslands- und Länder-Ausgaben verantwortet, Lokalberichterstattung zeitgemäß hält.

Am heutigen Donnerstag, 31. Januar, erscheint die erste "neue" Print-Ausgabe von "Zeit: Hamburg". Im kress.de-Interview haben wir Patrik Schwarz, Geschäftsführender Redakteur der "Zeit", u.a. gefragt, was er sich konkret unter dem "Journalismus in drei Dimensionen" vorstellt. 

kress.de: Herr Schwarz, Sie haben gerade den Hamburg-Teil der "Zeit" runderneuert. Gleichzeitig setzt die "Zeit" mit eigenen Ausgaben für Ostdeutschland, aber auch für Österreich und die Schweiz immer wieder neue Schwerpunkte. Wie wichtig sind diese Fokussierungen, um neue Leser zu gewinnen?

Patrik Schwarz: Wir machen eine wiederkehrende Erfahrung: Überall, wo wir uns mehr für unsere Leser interessieren - ob in Hamburg, im Osten oder in der Schweiz - interessieren sich unsere Leser auch mehr für uns. Für mich ist darum Zeitung schon lange kein gefaltetes Blatt Papier mehr, über das man eine Nachricht von A nach B transportiert wie ein Amazon-Paket. Eine gute Zeitung ist heute ein Identitätsanker, das gilt übrigens für Zeitungsmacher wie für Zeitungsleser: ein Ort verbindender Ideen und eine Gemeinschaft geteilter Interessen. Bei unseren Länder- und Regionalausgaben trifft das doppelt zu: unsere Leser sind mit ihrer Zeitung verbunden - und mit ihrer Region.

kress.de: Welche Regionen würden sich Ihrer Auffassung nach zukünftig noch für eine vertiefte "Zeit"-Berichterstattung anbieten?

Patrik Schwarz: Ein Geheimnis, warum unsere Regionalisierung Erfolg hat, liegt darin, dass wir erfindungsreich sind in unserem Verständnis, was alles eine Region darstellen kann: mal ist es eine Metropolregion wie im Fall Hamburg, mal fünf Bundesländer wie bei der "Zeit" im Osten, aber auch eine Nation wie die Schweiz oder ein EU-Land wie Österreich. Die Möglichkeiten sind also vielfältig.

"Wir müssen eine publizistische Lücke erkennen, die wir uns zutrauen zu füllen, wirtschaftlich wie inhaltlich."

kress.de: Was machen Sie dabei anders als Ihre Mitbewerber? Der "Spiegel" ist in NRW gescheitert, die "Süddeutsche" und die "taz" haben es dort auch schon probiert.

Patrik Schwarz: Ich habe großen Respekt vor der Leistung des Kollegen Hans Werner Kilz und seiner damaligen "SZ"-Mannschaft um Hans Jörg Heims in Düsseldorf. Als der "Spiegel" das Abenteuer der "SZ" dort kürzlich wiederholen wollte, waren wir bei uns im Haus allerdings erstaunt. NRW ist in sich so zersplittert in Unterregionen und leider wirtschaftlich so wackelig auf den Beinen, dass es schon die Medien vor Ort schwer haben, von einem Newcomer im Markt ganz zu schweigen. Für uns ist ein Kriterium entscheidend: Wir müssen eine publizistische Lücke erkennen, die wir uns zutrauen zu füllen, wirtschaftlich wie inhaltlich.

kress.de: Sie arbeiten in einem Haus, das lange wie kein Zweites für den Medienstandort Hamburg stand. Mittlerweile arbeiten Teile der Redaktionen von Berlin aus. Wie viel hanseatische Identität hat die "Zeit" in den vergangenen Jahren verloren?

Patrik Schwarz: Die "Zeit" ist seit ihrer Gründung 1946 in Hamburg verankert - und wurde schon in der Nachkriegszeit vor dem Hintergrund der Bedürfnisse vor Ort geschätzt: In die großen Seiten konnte man auch große Fische einwickeln. Inzwischen können Sie drei Leuchtreklamen am Helmut-Schmidt-Haus sehen: "Zeit", "Zeit Online" und "Zeit: Hamburg", letztere stellvertretend für alle unsere Länder- und Regionalausgaben. Und als ich das letzte Mal die Fassade hochschaute, strahlte die "Zeit: Hamburg" so hell wie bei unserer Gründung vor fünf Jahren.

"Hamburg ist seit 1. Januar das erste integrierte Print-Online-Ressort der 'Zeit'."

kress.de: Wie schon länger angekündigt, wird der Hamburg-Teil der gedruckten "Zeit" nun nur noch einmal im Monat erscheinen. Inwiefern kann das aus Ihrer Sicht ausreichen?

Patrik Schwarz: In den fünf Jahren seit Gründung dieser Ausgabe ist in der Metropolregion von Lübeck bis Sylt ein kleines "Zeit"-Hamburg-Universum entstanden. Als wir all unsere Angebote jetzt zum Neustart einmal vor unseren Lesern ausgebreitet haben, wollten wir die Übersicht auf die Seite 3 stellen - und kamen mit dem Platz nicht aus, sondern brauchten eine Doppelseite. Es war also Zeit, uns zu sortieren. Unser Angebot reicht ja vom täglichen Espresso am Morgen in Form des Newsletters "Elbvertiefung" über Zeit Online Hamburg bis zur 20-Seiten-Opulenz der Monatsausgabe - und am 4. Mai gibt es wieder die Lange Nacht der "Zeit" zum Durchfeiern. Vor allem aber, ob print oder digital, beides kommt jetzt aus einem Team. Für uns ist das eine zentrale Neuerung, die so vor fünf Jahren noch nicht denkbar war: Hamburg ist seit 1. Januar das erste integrierte Print-Online-Ressort der "Zeit".

kress.de: Wenn sich die "Zeit" also doch nicht aus der Lokalberichterstattung verabschiedet: Wie wichtig sind Hamburg-Themen denn dann künftig noch?

Patrik Schwarz: Unsere Hamburg-Themen sind immer zugleich Großstadt-Themen, die oft auch überregional auf Interesse stoßen. Seit Anfang Januar liefert darum unser Hamburg-Team um Marc Widmann und Kilian Trotier eine tägliche Großstadt-Berichterstattung auf Zeit Online unter www.zeit.de/hamburg. Auch die Elbvertiefung unter Federführung von Oliver Hollenstein und seinen Kolleginnen Sigrid Neudecker und Annika Lasarzik ist jetzt deutlich neuigkeitsorientierter geworden, manche Leser nutzen sie bereits als digitale Tageszeitung. Dazu stocken wir die Erscheinungsweise des "ZeitMagazin Hamburg" um 50 Prozent auf und wir bauen unsere Veranstaltungen rund um die Marke „Zeit: Hamburg" aus: gerade hat "Die Zeit" gemeinsam mit Kooperationspartnern das große Aktionsbündnis "Hamburg besser machen" ins Leben gerufen.

"Immer zum Monats-Wechsel kommt der dickste Hamburg-Teil seit der Gründung."

kress.de: Trotzdem stellen Sie die wöchentliche Print-Ausgabe ein.

Patrik Schwarz: Nein, wir stellen nicht ein, wir stellen um: On Top auf all die genannten Neuerungen kommt immer zum Monats-Wechsel der dickste Hamburg-Teil seit der Gründung - so viele Seiten Hamburg haben wir unseren Lesern noch nie am Stück geboten, 20 bis 24 Seiten umfasst jede Ausgabe.

kress.de: Aber das sind weniger als die 32 Seiten bisher im Monat. 

Patrik Schwarz: Wir haben entschieden: All das Neue können wir nicht gleichzeitig leisten, wenn wir weiter wöchentlich acht Seiten produzieren müssten. Wir fokussieren uns lieber darauf, einmal im Monat gebündelt zu erscheinen, statt wöchentlich seriell. So haben wir ausreichend Kraft, Zeit und Kollegen frei, uns auf die Neuerungen zu konzentrieren und noch tiefgründiger und aktueller zugleich zu werden. Weniger ist also manchmal mehr - jedenfalls, wenn man es richtig anpackt. Oder um philosophisch zu werden zum Jahresauftakt: Ohne Abschiede keine Aufbrüche, so ist das Leben.  

"3-D heißt, wir tragen unsere Inhalte auch via Veranstaltungen in die Wirklichkeit unserer Leserinnen und Leser."

kress.de: Inwiefern wird sich der Charakter der Berichte aus Hamburg und Umgebung verändern?

Patrik Schwarz: Wir haben uns eine klarere Sortierung verordnet. Bei uns gibt's Hamburg künftig in 3-D: Digital ist die Dimension fürs Schnelle und Aktuelle, 2-D ist die Zeitungsseite, ganz klassisch Höhe mal Breite, und 3-D heißt, wir tragen unsere Inhalte auch via Veranstaltungen in die Wirklichkeit unserer Leserinnen und Leser. Dass es dafür echten Bedarf gibt, zeigen die vielen Sponsoren und Partner, die wir in der Stadt gewonnen haben für "Hamburg besser machen". Alles was diese 3-D-Sortierung unterstützt, stärken wir in der Redaktion und auf unseren Kanälen. Und natürlich versprechen wir uns davon auch ökonomisch etwas. ‎Das Echo der Anzeigenkunden auf die Neuerungen war ausgesprochen positiv und mit der erstmaligen Integration von Newsletter, Print und Online in einem Ressort stärken wir unsere Strategie, Probeabos künftig sehr wesentlich digital via Z+ zu gewinnen.

kress.de: Außer in Hamburg und Ihren anderen Märkten, wo sehen Sie künftig noch Potential für Regionalausgaben? 

Patrik Schwarz: Das verrate ich besser nicht öffentlich.

kress.de: Aber es würde Sie reizen, etwas Neues zu wagen?

Patrik Schwarz: Wenn das ökonomische Risiko überschaubar bleibt und die Idee gut ist...

kress.de: ...was würden Sie dann am liebsten machen?

Patrik Schwarz: Etwas Länder-Übergreifendes würde ich gerne einmal ausprobieren - gegen Nationalismus und Partikularismus in Europa. Bleiben Sie also ruhig gespannt auf uns.

Zum Interviewpartner: "Zeit"-Länder-Chef Patrik Schwarz (48) war Ressortleiter Inland der "taz" in Berlin, dann Stellvertreter von Bernd Ulrich als Politik-Chef der "Zeit", ehe er 2010 die Verantwortung für die Regionalisierungs-Strategie des Blattes übernahm. Aus der Konkursmasse des "Rheinischen Merkur" überführte er "Christ & Welt" in die "Zeit", leitete den Relaunch der "Zeit im Osten" und ‎gründete als Geschäftsführender Redakteur im Auftrag der Chefredaktion ‎die "Zeit: Hamburg" mit ihren digitalen Ablegern. Daneben verantwortet er die Auslandsausgaben "Zeit: Schweiz" und "Zeit: Österreich". 

kress.de-Tipp: Die Initiative "Hamburg besser machen", initiiert von "Zeit: Hamburg" gemeinsam mit der Körber-Stiftung, will den Bürgerinnen und Bürgern der Hansestadt eine Plattform für Sorgen und Nöte, aber auch Anregungen und Zukunftspläne bieten. Interessierte Hamburger und Hamburgerinnen können sich dabei in über 30 Kneipengesprächen, in Workshops und auf einer Online-Plattform austauschen und gemeinsam Vorschläge erarbeiten, mit denen sich konkrete Probleme der Stadtgesellschaft lösen lassen. Dabei bezieht das Programm bewusst auch jene mit ein, die sonst nur selten zu Wort kommen, etwa Zugewanderte oder die Kinder und Jugendlichen der Stadt. Auf einer großen Abschlusskonferenz am 11. Juni werden die Ergebnisse des Bürgerbeteiligungsprojektes mit Vertretern der Hamburger Politik und Verwaltung diskutiert. Alle Informationen unter: www.hamburgbessermachen.de

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