Was mit Englisch: Leak mich!

 

Wie sollen Journalisten die Information aus einer undichten Stelle bezeichnen? Muss es denn wirklich ein englisches Wort sein? Neue Sprachkolumne von Peter Littger.

Ich kenne zwei Berufsgruppen, die sich über undichte Stellen freuen: Dachdecker und Journalisten. Bedauerlich ist dabei aus Sicht der Journalisten, dass die Handwerker wahrscheinlich mehr verdienen, jedenfalls auf den Stundenlohn heruntergerechnet. Das goldene Handwerk wird wiederum einräumen, dass ein handfestes Datenleck für Journalisten mehr Überraschung und Abwechslung bringt. Ein undichtes Dach ist dagegen nur ein alter Hut!

Was die austretenden Daten für Medienmenschen zur besonderen Herausforderung macht, ist die Semantik! Es ist schließlich gar nicht so einfach in der deutschen Sprache darüber zu schreiben oder zu sprechen, wenn ein Bündel Information aus Behörden oder Unternehmen austritt und Redaktionen zugespielt wird. 

Was ist es nämlich? Eine "Undichtigkeit"? Ein "Loch"? Für mein Sprachgefühl treffen es die schon genannten Begriffe "undichte Stelle" oder "Leck" am besten. Weil sie nicht nur einen Zustand, sondern auch einen Vorgang andeuten. Denn erst der Ausfluss von Daten macht ein Loch zum Leck - wenn der Behälter leckt. Das führt zur noch größeren sprachlichen Herausforderung. Weil niemand sagen würde: "Im Innenministerium leckt es", "die Soundso-Abteilung leckt" oder gar: "Die Information wurde geleckt". Ist die undichte Stelle einmal ausgemacht, gesichtet und ausgewertet, stellt sich für Journalisten also die Frage nach einem passenden Verb, das auch ausreichend anständig klingt!

Das Problem: Wörter können Wertungen, Unterstellungen oder (Vor-)Verurteilungen mitsichbringen. Zum Beispiel: Die Daten wurden "durchgestochen", "vertraulich weitergegeben", "verraten" oder "veruntreut". Besser würde mir eine Betonung der journalistischen Arbeit gefallen: "aufgedeckt" oder "enthüllt". Andere gängige Formulierungen wirken zu blutleer - als seien keine Menschen beteiligt und als hätten sich die Daten verselbständigt, indem sie "durchsickern", "bekannt werden" oder "auffliegen".

An diesem Punkt kommt uns die englische Sprache gelegen, in der bereits seit den Vierzigerjahren von "leaks" und "leaking" die Rede ist - wenn eben eine Quelle leckt. Schon 1950 wurde "ein Leak" in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" als "Durchsickern an die Presse" erklärt. Auch damals muss es also schon Leute vom Typ Edward Snowdens gegeben haben: geheime Informanten - "leakers". Niemand würde die geheimen Informationen als geleckt und die Informanten als "Lecker" bezeichnen. Was im Deutschen wie geleckt ist, hat entweder keinen Makel. Und was leckt, ist viel zu anrüchig für eine Enthüllung der seriösen Art! Andererseits: Muss es denn wirklich ein englisches Wort sein?

Im November 2017 habe ich im Twitter-Kanal "Der Denglische Patient" übrigens schon einmal darüber abstimmen lassen, wie deutschsprachige Journalisten die Information aus einer undichten Stelle bezeichnen sollten: als ... a) geleakt, b) durchgesickert, c) bekannt geworden, d) aufgeflogen. Die Mehrheit der 412 Personen, die sich in zwei Tagen beteiligten, bevorzugte "geleakt". Es waren 160 Stimmen, also 39 Prozent. Es folgten "bekannt geworden" (23%), "aufgeflogen" (22%) und "durchgesickert" (16%).

Die Teilnehmer waren sich also einig: Das recht künstlich klingende Verb "leaken" ist der beste Ausdruck für das, wonach unsere investigativen Journalisten ständig suchen: dem perfekten Daten ... tropf, der ruft: Leck mich!

Zum Autor: Peter Littger ist "Der Denglische Patient". So heißt auch seine regelmäßige Kolumne bei ntv.de. In seinen Kolumnen und Büchern widmet er sich deutsch-englischen Sprachverwirrungen. Er ist Autor der Bestseller The Devil lies in the Detail (KiWi). Soeben erschienen: Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof. English made in Germany - das Bilderbuch. Instagram: denglishpatient, Twitter: fluentenglish.

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