Was lesen Abonnenten wirklich? Wann lesen sie? Wie viele Artikel? Und welche Artikel lesen sie bis zum Ende? "Lesewert" ermittelt die 'Einschaltquoten' von Zeitungs-Artikeln: Im vergangenen Jahr haben rund 2.500 Leser fast 178.000 Artikel gelesen und bewertet - in Mainz, Osnabrück, Halle, Stuttgart, Dresden und einigen kleinen Städten. Daraus haben Lesewert-Experten die Trends für 2019 gefolgert, die für die meisten Lokal- und Regionalzeitungen von Belang sein dürften:

1. Mehr Meinung, mehr Debatte, mehr Haltung

"Lesewert"-Trainer Georg-Dietrich Nixdorf nimmt den oft und kontrovers diskutierten Begriff "Haltung" auf, definiert ihn aber neu: "Haltung bedeutet für eine Zeitung nicht, sich einer politischen Richtung zu verschreiben. Haltung bedeutet: Wir machen sauberen Journalismus für unsere Leser und wollen Gutes bewirken für unsere Region."

Erfolgreich bei den Lesern sind: Streitbare Gastautoren; Formate wie der "Offene Brief", den Redakteure in der "Sächsischen Zeitung"  an jedem Samstag schreiben: "Lieber Donald Trump" oder "Lieber Uli Hoeneß"; Leitartikel auf der Titelseite, die in der "Stuttgarter Zeitung" und "Schwäbischen Zeitung" zu meist- und bestgelesenen Artikeln einer Ausgabe aufsteigen können. "Die klar argumentierende Positionierung hat mehr denn je das Zeug zum Aushängeschild für eine Zeitung", folgert "Lesewert"-Chef Denni Klein.

2. Mehr Analysen

In vielen Zeitungen ist der Kommentar oft nur eine schön geschriebene Analyse. Doch sie ist eine eigenständige Form, die oft in allen Ressorts eingesetzt werden sollte - immer dann, wenn es kompliziert wird. Für "Lesewert"-Trainer Enrico Bach sind "strukturierte Artikel" die richtige Form für trockene Themen wie Rechtsfragen oder Haushaltspläne: Klar gegliederte Mehrspalter mit  Zwischenüberschriften oder im Frage-Antwort-Schema. "Woher kommt nur der ganze Feinstaub?" oder "Was kostet Zeitz?" (im Zeitzer Lokalteil) waren zwei Artikel im vergangenen Jahr, die zu den meistgelesenen Artikeln einer Ausgabe zählten.

3. Mehr Themen-Kampagnen: Länger dranbleiben!

Redakteure geben zu schnell auf. Wenn die Leser so recht in Fahrt kommen, sie ein Thema mögen und darüber reden, dann hört die Redaktion schon auf. "Leser verfolgen starke Geschichten über Tage und sogar Wochen intensiv", berichtet Georg-Dietrich Nixdorf und nennt als herausragendes Beispiel fünfzig Artikel der "Neuen Westfälischen" im Lübbecker Land;  Veränderungen im Kreiskrankenhaus brachten für viele Menschen lange Wege, Wartezeiten und vor allem Unsicherheit. Immer wieder rutschten Artikel über die Krankenhaus-Misere auf den ersten Platz der meistgelesenen Artikel. Das Ergebnis: Die Kliniken legten ihre Pläne vorerst auf Eis.

Daten-Analyst Christoph Knoop präsentiert sechs Lesewert-Erkenntnisse, die überraschen:

1. Für junge Leser unter 20 ist die Lokalseite die wichtigste. Für die Leser unter 40 steht sie auf dem vierten Platz hinter Titelseite, Vermischtes und Seite 3 (Hintergrund).

2. Junge Leser unter 40 lesen deutlich weniger, dafür umso intensiver, wenn die Geschichte für sie wichtig ist. "Es ist schwer, ihnen Zeit zum Zeitungslesen abzutrotzen."  

3. Lange Texte von 150 Zeilen und mehr haben den höchsten Lesewert.

4. Reportage und Porträt sind das weitaus beliebteste Format. Wer nach der Relotius-Affäre meint, erzählende Stücke ziehen nicht, den belehrt der Leser. Auf dem letzten Platz steht die Kultur-Rezension.

5. Der Sonntag ist kein Lesetag. Die dicken Wochend-Ausgaben lohnen den Aufwand nicht: Durchschnittlich werden 22 Artikel gelesen, nur 4 mehr als an den anderen Wochentagen.

6. Veranstaltungs-Hinweise liest kaum einer. Der durchschnittliche Artikel in der Zeitung erreicht einen Lesewert von gut 18 Prozent, der Ankündiger einer Veranstaltung dagegen nur 6 Prozent. Fragt man allerdings die Leser, wie wichtig der Service ist, stufen ihn mehr als drei Viertel sehr hoch ein: Sie wollen den Service in ihrer Zeitung finden, aber lesen wollen sie ihn nur sporadisch.

Mit "Lesewert" haben Redakteure erstmals  eine verlässliche Grundlage für ihre Planung und Strategie. "Lesewert" gleicht einer Revolution, die Redaktionen umkrempelt, Inhalt radikal verändert, Journalisten motiviert und Lesern die Freude an ihrer Zeitung zurückgibt. Allerdings ist "Lesewert" aufwändig, so dass Geschäftsführer und Chefredakteure oft lieber sparen, als die nützliche Investition  zu wagen.

Allerdings ist "Lesewert" kein Allheilmittel: Die Phantasie und Neugierde von Redakteuren ersetzt es nicht. Wer neue Themen entdecken und den Lesern Überraschungen bieten will, kann sich Anregungen bei "Lesewert" holen, mehr nicht. "Lesewert" misst nur, was in der Zeitung steht, aber nicht was in der Zeitung stehen sollte; es ersetzt nicht das Bauchgefühl, aber misst nachher, ob die Überraschung gelungen ist. Mit den Menschen, mit den Lesern zu sprechen: Daran führt kein Weg vorbei, wenn Redaktionen erfolgreich sein wollen.

Info

"Lesewert" war schon mehrmals ein Thema in dieser Journalismus-Kolumne:  Erstmals in der 18. Folge "Langweile nicht!" der Serie "Journalismus der Zukunft"; im Juli 2018 mit den besten Lesewert-Tipps für die Zeitung der Zukunft, einem Interview mit Christiane Barthel von der "Mehrwertmacher GmbH", der Lesewert-Firma, und einer Erklärung, wie "Lesewert" funktioniert.

Der Autor

Paul-Josef Raue war als Chefredakteur in Thüringen einer der ersten, der "Lesewert" mit Erfolg eingesetzt hat. Er war vor den Jahren in Erfurt schon drei Jahrzehnte Chefredakteur in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus.  Im Klartext-Verlag erscheint seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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