Lokaljournalismus: Was die Landeszeitung in Lüneburg aus der Wundertüten-Aktion gelernt hat

04.02.2019
 
 

In Paul-Josef Raues "Journalismus!"-Kolumne berichteten wir im Oktober über die Vorbereitung der "Wundertüten"-Aktion der "Landeszeitung" in Lüneburg. Rund hundert Tage später zieht Chefredakteur Marc Rath in einem Gastbeitrag auf kress.de die Bilanz.

Eine Montagsausgabe mit 60 Seiten doppelt so dick wie üblich, mit vielen neuen Formaten und dann auch noch mit einer Collage eines Beuys-Schülers formatfüllend auf dem Titel: Macht man das als kleine Lokalzeitung? Kann eine solche Zumutung gut gehen? Und was bleibt davon über den Tag hinaus?

Lüneburg, 5. November 2018: Es ist glücklicherweise kein typischer nasskalter Novembermorgen. Und für die "Landeszeitung der Lüneburger Heide" auch kein typischer Montag. 5000 Exemplare mehr als die üblichen gut 28.000 für Stadt und Landkreis Lüneburg haben in der Nacht die Druckerei verlassen. Fast 30 Angestellte der LZ sind an diesem Morgen freiwillig mitunter viel früher aufgestanden, um sie am Bahnhof an die zahlreichen Pendler - Lüneburg gehört zum Speckgürtel von Hamburg - und an zentralen Stellen in der Stadt kostenlos zu verteilen.

Gut 100 Tage zuvor ist die Idee für diese "Wundertüte", wie das Projekt zunächst intern und dann auch öffentlich heißt, geboren worden. Ausgangspunkt waren Diskussionen im Verlag, weil "der Montag" als Erscheinungstag mehr und mehr seine einstige Zugkraft verloren hat. Eine Idee war, das Verhältnis von neun Seiten Sport zu einer Seite Kultur als kleine Provokation einmal umzudrehen. Gedreht haben wir das Verhältnis dann nicht. In der "Wundertüte" gab es stattdessen mehr Kultur und auch mehr Sport - aber jeweils auf andere Art.

Die Ausgabe ist das Ergebnis einer "Wünsch-Dir-was"-Aktion im ganzen LZ-Haus. 75 verschiedene Ideen und Anregungen gingen bis Anfang September beim dreiköpfigen Projektteam (Katja Grundmann, Anna Sprockhoff, Marc Rath) ein. Sie waren der Grundstock für die Mischung aus neuen Seiten, neuen Rubriken und dem Versuch, Themen aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten.

Die klassische Struktur der Montagsausgabe haben wir beibehalten, aber um andere Perspektiven ergänzt. Drei Beispiele: Im Sport etwa gab es die Reportage über den Sonntag eines Platzwartes, und der gesperrte Top-Scorer schilderte von der Tribüne das Spiel des örtlichen Eishockey-Teams. In der Kultur stand nicht nur die klassische Kritik über die Theater-Premiere einer WG-Komödie, sondern auch eine Betrachtung über das Lebensgefühl in Wohngemeinschaften vor 40 Jahren und heute. Zudem gab es neue Formate: In der Redaktion waren in den Monaten zuvor etliche Ideen für neue Seiten und Multimedia-Projekte diskutiert worden. In der "Wundertüte" haben wir etliche davon erstmals realisiert.

Zugegeben: Das alles war durchaus mutig, vielleicht auch übermütig und für manch einen auch eine Zumutung. In der Redaktion war zunächst nicht jeder überzeugt von dem Projekt. Die Chance für alle, sich mit Ideen einzubringen, haben nicht alle genutzt beziehungsweise dies so verstanden. Das hat sich im Laufe des Projekts und insbesondere danach aber gelegt.

Die "Wundertüte" war nicht nur das Projekt der Redaktion. Sie hat nicht zuletzt das Zusammengehörigkeitsgefühl im gesamten Verlag gestärkt. Wir haben zudem gelernt, dass wir in der Organisation von Kampagnen noch schlagkräftiger und souveräner werden können. Wir werden es in unserer Branche brauchen.

Es hat uns aber auch geerdet: Morgens im Halbdunkeln einem unter 30-Jährigen kostenlos eine Zeitung in die Hand drücken zu wollen, funktioniert meist nicht (mehr). Wir wissen dies aus Statistiken, aber das eigene Erlebnis schärft diese Erkenntnis ungemein.

Vieles aus der "Wundertüte" bleibt keine Eintagsfliege. Neue Themenseiten wie Familie, Wissen oder eine Umlandseite erscheinen jetzt regelmäßig. Das gilt auch für einige Formate, die digital umgesetzt werden. So gibt es die Rubrik "Was diese Woche wichtig wird" nicht nur gedruckt. Vielmehr stehen dafür jetzt jeden Freitag drei Mitglieder der Lokalredaktion vor der Kamera - der Trailer wird über Facebook, Instagram und Twitter ausgespielt.

Die Aktion hat auch die Diskussionsprozesse in der Redaktion vertieft. Wie wir stärker die Metropole Hamburg angehen, bereitet eine Arbeitsgruppe auf. Aber auch im Alltag beschäftigt sich das Team jetzt verstärkt damit, welche Themen wirklich wichtig sind und wie wir sie lesernah und für welchen Kanal aufbereiten. Dazu hatte bereits im Sommer ein "Lesewert"-Workshop wichtige Impulse gesetzt.

Und dann sind da noch die mehr als 1000 Reaktionen, die uns auf den verschiedensten Wegen erreicht haben. Allein fast 900 füllten einen umfangreichen Fragebogen zur Zeitung und zu den neuen Angeboten aus. Das ist zwar nicht repräsentativ, aber die Anzahl hat uns schon überrascht und erfreut. So manch einer hat dabei betont, dass doch bitte alles in der LZ so bleiben soll, wie es ist. Etliche lobten jedoch die Initiative und sind offen für Neues, ja erwarten dies sogar. Und dann gab es noch das Lob eines mehr als 80 Jahre alten Paares: "Ein Tag ohne LZ zum Frühstück ist wie ein Ei ohne Salz."

Die "Wundertüte" hat damit wertvolle Anstöße geleistet. Wiederholen würde ich sie in der Form nicht, sondern jetzt in einzelnen Schritten im Alltag weiterentwickeln - vielleicht auch einmal hin zu einer Themenausgabe, wie es die Kollegen der Berliner Zeitung vor einigen Wochen zur Zukunftsperspektive "Vier Millionen Einwohner" gestemmt haben. Das sind in meinen Augen Formate, die die Stärke der gedruckten Zeitung beweisen.

Aber ein solches Projekt lohnt sich. Nicht nur redaktionell. Da die Anzeigenabteilung das Projekt engagiert begleitet hat, blieb selbst nach Abzug aller zusätzlichen Kosten noch ein kleiner Beitrag übrig. Einige hundert Print-Abonnenten wollten zudem einmal ein kostenloses ePaper-Angebot nutzen. Einige Kurzzeit-Abos der Print- und Digitalausgabe - wenn auch in überschaubarer Größe - konnten ebenfalls gewonnen werden. Hier läuft noch die Nachbearbeitung.

Für uns war es eine interne Standortbestimmung, bei der wir nach außen mit unseren Inhalten geworben haben. Das sollten wir als Verlage eigentlich häufiger machen.

Ein Gastbeitrag von Marc Rath, Chefredakteur der "Landeszeitung" in Lüneburg.

INFO

Zehn Beispiele für neue Formate der "Landeszeitung":

  1. unter "Einblicke" gab es eine Stallreportage über das Schweineleben - als Fotostory in Print und online mit Film- und Tonaufnahmen

  2. auf der Vereinsseite haben wir einen Feuerwehrmann einem berichten lassen, was vor und nach dem Einsatz bei und mit ihm passiert,

  3. auf der Leserbriefseite stand ein "Brief an die Leser", in dem der langjährige Leserbriefredakteur beschrieb, welche Reaktionen er wann und wie erhält

  4. "Der andere Blick" - eine Leuphana-Studentin hat aufgeschrieben, wie sie ihren Opa noch einmal verkuppeln wollte

  5. "In die Einkaufstasche geschaut" - die etwas andere Bilanz des verkaufsoffenen Sonntag

  6. wie eine Autistin die Landeszeitung "liest"

  7. Volksfest in Dahlenburg - wir erzählen das Wochenende in einer Bilderstrecke,  im Text erinnert sich eine 84-Jährige, wie es früher einmal war#

  8. bei der "Nacht der Clubs" verzichten wir auf den üblichen Rundgang, sondern portraitieren eine Band bei ihrem Debut

  9. die Theater-Kritik des Wohngemeinschaften-Stücks "Wir sind die Neuen" ergänzen wir um den Vergleich zweier WG-Leben von 1978 und von heute

  10. das Theaterstück über Demenz  lassen wir  von der örtlichen Vorsitzenden der Alzheimer-Gesellschaft besprechen 

Beispiele für "Was diese Woche wichtig wird":

Hier steuert jedes Ressort "sein" Thema der Woche bei: Stadtredaktion, Landredaktion. Kultur, Sport, Politik und Digitales. Bei der Premiere am 5. November war es die neuentflammte Diskussion über die Erinnerungskultur in der Stadt, die Entscheidung über eine Multifunktionsarena im Kreistag, das Lüneburger Krimifestival, das Fußball-Landesliga-Stadtderby  (Dortmund gegen Schalke im Lüneburg-Format), die Kongresswahlen in den USA und die Heide-Wendland-Filmklappe (ein Schüler-Videofestival) - ein bunter Mix. Drei davon gibt es auch  als Trailer: Zu finden auf Marc Raths Facebook-, Twitter- und Instagram-Account.

Paul-Josef Raues "Journalismus!"-Kolumne: Die "Landeszeitung" in Lüneburg wird zur Wundertüte finden Sie hier.

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