Wie dpa die Social-Media-Kanäle beobachtet

06.02.2019
 

Nachrichtenjournalismus funktioniert über Schnelligkeit. Wer die Nase vorn haben will, muss die Social-Media-Kanäle konsequent beobachten. "kress pro" hat für einen Case dpa besucht, das ein eigenes Team zur Beobachtung beschäftigt.

Als die Hamburger Polizei am Nachmittag des 28. Juli vergangenen Jahres ihren Tweet absetzt, hat die Recherche-Routine bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) längst begonnen. Bei einer Messerattacke in einem Supermarkt im Stadtteil Barmbek waren ein Mensch getötet und sechs weitere verletzt worden. Frühe Hinweise auf die Tat lieferten den Agenturleuten in der Berliner Markgrafenstraße zwei private Twitter-Nutzer, die zur selben Minute Beobachtungen über einen Blaulichteinsatz und einen kreisenden Polizeihubschrauber posteten. Herausgefiltert aus dem täglichen Twitter-Wahnsinn wurden die beiden Tweets mit Hilfe der Software Scatterblogs.

Basis Trainings für alle

Das Monitoring-Programm ist eines der Frühwarnsysteme, mit denen die dpa seit rund zwei Jahren das Netz nach potenziellen Geschichten durchforstet. Deren Einsatz ist eine Reaktion auf die zunehmende Bedeutung der Social-Media-Kanäle, auf denen Nachrichten als Erstes auftauchen können. Das dafür zuständige Team unter Leitung von Christopher Weckwerth heißt Social Web Radar und sitzt im Gebäude an der Markgrafenstraße am Newsdesk, der zentralen Steuereinheit der Berichterstattung. "Radar Officer" Weckwerth arbeitet wiederum eng mit "Verification Officer" Stefan Voß zusammen, der mit seinen Faktencheck-Experten Informationen, Bilder und Videos auf deren Echtheit überprüft. "Radar und Verification sind personell und von den Abläufen her getrennt", erläutert Weckwerth. "Radar ähnelt einem internen Infokanal. Das Online-Monitoring ist unser interner Hinweisgeber für die Kollegen. Dessen Hauptzweck ist, auf unvorhergesehene Breaking News zu reagieren, zum Beispiel auf Messerattacken und Terrorlagen." Es diene zugleich als Themenfinder, und zwar durchaus auch für bunte Geschichten. Beispiel: die Veganerin aus Limburg, die sich darüber aufregte, dass das Glockenspiel am Rathaus "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" abspielte. Die Melodie wurde angeblich daraufhin geändert.

Scatterblogs ist nur eines von mehreren Tools, die die dpa zum Scannen des Social Web nutzt. Ein Grund: Mit einem Tool allein lässt sich das Netz nicht weltweit nach allen Themengebieten durchsuchen. "Es gibt keinen Universalschlüssel", betont Roland Freund, Stellvertreter des Chefredakteurs. "Deshalb haben wir einen Werkzeugkasten-Ansatz." Dieser Kasten werde immer wieder neu sortiert, alte Tools etwa werden gegebenenfalls durch neue, bessere ersetzt.

Auf die Elemente darin können die dpa-Reporter zugreifen. "Das sind Allrounder. Wir erwarten nicht von allen, dass sie jedes Werkzeug beherrschen", sagt Freund. "Aber wir legen fest, was sie können sollen und welche zwei, drei Tools es dafür gibt." Seit anderthalb Jahren dienen sogenannte Basic-Trainings dazu, die Reporter mit den Grundfertigkeiten auszustatten. Unabhängig davon schürfen die dpa-Mitarbeiter zusätzlich in den für sie relevanten Quellen nach News. Ein beispielsweise mit der Berichterstattung über den FC Bayern München betrauter Kollege verfolgt, was auf den speziellen Kanälen in und um den Club herum los ist - Beobachtungen, die das Team am Radar in der Zentrale gewöhnlich gar nicht wahrnimmt.

Wahrgenommen hat die Radar-Unit aber die beiden Tweets aus Barmbek. Der eine Absender hatte gerade einmal sieben, der andere 16 Follower. "Deren Tweets würden wir normalerweise niemals sehen. Aber mehrere Tools, darunter Scatterblogs, können das", berichtet Voß. Darin steckten Algorithmen, die Scatterblogs mit Feedback der dpa weiterentwickelt habe. Sie registrierten wichtige Begriffe wie etwa "Polizei", gingen aber über die Spracherkennung hinaus, indem sie auch einen Abgleich machten: Ist das ein Begriff, der von dem Ort ständig gesendet wird? Ist das ein Nutzer, der permanent über "Polizei" schreibt oder erstmals? Auch relevante Tweets in fremden Sprachen würden entdeckt. "Wenn in Oslo eine Bombe explodiert, und zwei Leute mit nur wenig Followern twittern auf Norwegisch darüber, dann würde uns das Tool einen Alert auf Englisch geben." 

Monitoring-Tools, die dpa nutzt:

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