Ernst Elitz: Als Journalist muss man über den Zinnen der Parteien stehen

 

Der "Deutschlandfunk", kurz DLF, ist der beliebteste Sender bei Journalisten und Eliten. Vor 25 Jahren ging das "Deutschlandradio", zu dem der DLF gehört, auf Sendung. Paul-Josef Raue hat sich für seine Kolumne das Interview mit dem Gründungs-Intendanten Ernst Elitz angehört: Vom Verhältnis zu Politikern, von schweren Jahren nach der Vereinigung, von RAF und Stasi und dem Zuhören als journalistischer Tugend.

Wenn morgens das Telefon im Auto klingt: Wie reagiert ein Chefredakteur oder Intendant, falls ein hochrangiger Politiker anruft und sich beschwert? Nicht wenige sind beunruhigt, neigen zur schnellen Entschuldigung, geloben Besserung und zitieren den Redakteur in ihr Büro. Andere sind amüsiert wie Ernst Elitz, der im Gespräch mit Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks, von Ministerpräsidenten erzählt, die unbedingt mit ihm sprechen wollten; die fühlten sich in einem Interview nicht richtig behandelt oder klagten, weil der Konkurrent in der eigenen Partei häufiger zu Wort kommt.

Es gibt die besonnenen Chefs, die Politiker genau kennen mit ihrer Nervosität und der ständigen Angst, die Macht zu verlieren. "Na ja, gut, dann ist ein Intendant Psychotherapeut auch für den Politiker", schmunzelt Elitz und erklärt Besonnenheit zur Regel: "Er sagt das natürlich nicht dem Redakteur oder dem Reporter, der davon betroffen ist. Ein Intendant hört sich das nett an und spricht dem Politiker Mut zu."

Eine demokratische Gesellschaft ist abhängig von der Unabhängigkeit der Journalisten, die sich weder Politikern beugen dürfen noch anderen Mächtigen. Das ist die Überzeugung von Ernst Elitz: "Über den Zinnen der Partei muss man stehen als Journalist. Man ist nicht der Wasserträger von Politikern, sondern man vertritt seine eigene Position."

Dann müsste es selbstverständlich sein, dass Journalisten keiner Partei angehören. Doch dagegen wehrt sich Elitz, der Mitglied der SPD ist: "Ich halte es für sinnlos, wenn gesagt wird, Journalisten dürfen keiner Partei angehören. Journalisten gehen wählen. Sie müssen sich in der Wahlkabine für irgendein Programm entscheiden, und dann können sie natürlich auch Mitglied einer Partei sein. Bloß, das darf man nicht dem Programm anhören."

Einmal wird Elitz im Interview ein wenig unwirsch und ärgert sich über die Verliebtheit der Chefredakteurin in eine bildhafte Feuilleton-Sprache. Sie zitiert Joachim Gauck, der als Bundespräsident von der schwierigen Geburt des "Deutschlandradio" gesprochen hatte und vom Streit unter den Hebammen. "Herr Elitz, wer waren die Hebammen, die vielen?", fragt die Chefredakteurin, und Elitz antwortet nicht: "Die bilderreiche Sprache des Bundespräsidenten und Pastors Gauck ist mir jetzt nicht so geläufig."

Das "Deutschlandradio" entstand einige Jahre nach der Vereinigung, als die Euphorie verflogen war und der Westen seine Reihen wieder schloss, umso fester je weiter man vom Osten entfernt war. "Und da meinten eben manche in Bayern und in Baden-Württemberg, wir brauchen das da gar nicht, und dann noch Leute aus dem Osten, die dazukommen", erzählt Ernst Elitz von den Mühen, die Nachfolge des DDR-Senders "DS Kultur" zu organisieren ebenso wie des "Rias", des Senders im amerikanischen Sektor. "Der Deutschlandfunk und der RIAS waren in der ehemaligen DDR eine große Nummer. Das haben die Leute gehört, denen haben sie vertraut. Sozusagen durch die Motivation des Ostens ist es dazu gekommen, dass die Hebammen sich dann letztendlich entschieden haben, das Deutschlandradio doch zu gründen." Die Hebammen waren die Ministerpräsidenten, die eigentlich keine Konkurrenz zu ihren Länderanstalten etablieren wollten.

Erst fünf Jahre nach der Vereinigung war es soweit: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bekam die dritte Säule neben ARD und ZDF: Das eigenständige "Deutschlandradio". "Das ist sozusagen meine erste Amtsperiode gewesen, diese Eigenständigkeit des Deutschlandradios hinzukriegen", blickt Elitz zurück, der in den sechziger Jahren zuerst als Student, später kurz auch als  Redakteur beim "Rias" gearbeitet hatte.

Es war eine wilde Zeit in Berlin: Ehemals Kalte Krieger machten Sendungen mit alten Stasi-Informanten; Journalisten, so Chefredakteurin Birgit Wentzien "die einander vorher spinnefeind gewesen waren, die sich auch gegenseitig der Agitation bezichtigt hatten". Monika Künzel, damals Chefredakteurin von "DS-Kultur", beschreibt den Anfang so: "Es war eine Stunde der Anarchie, unter deren Deckmantel sich Gutes und Schlechtes verbarg und Extreme in beide Richtungen ermutigte. Eine Stunde der Freiheit." Ulf Dammann, damals Redakteur beim "Rias" erinnert sich: "Es gab eine tiefe Spaltung, und es gab diejenigen, die sagten, wir stellen was Neues auf die Beine."

Von den tausend Mitarbeitern musste ein Viertel entlassen werden. "Das war natürlich ein schwerer Einschnitt", berichtet Elitz, "denn das ging nach Alter, und nicht, welche Qualifikationen brauchen wir jetzt. Es ist manchmal schwer, einen Mitarbeiter der Finanzabteilung als Moderator einzusetzen, und umgekehrt. Wir mussten das vollkommen neu sortieren."

Elitz zog in Berlin ins ehemalige "Rias"-Haus: "Da war das ja noch so möbliert wie von dem amerikanischen Besatzungsoffizier, der bis in die 60er-Jahre hinein immer noch die Oberaufsicht über den Sender hatte, mit einem Schreibtisch und mit Ledersesseln und Ledersofa aus dieser Zeit. Und unten im Funkhaus, im Foyer, stand noch der Störsender, mit dem die RIAS-Programme in der Ostzone und dann später in der DDR gestört wurden."

In Köln, dem zweiten Standort, fand Elitz noch eine Notklingel  - zur Polizei, installiert aus Angst vor der RAF. Realer wäre in Köln die Furcht vor der Stasi gewesen, die ihre IM eingeschleust hatte, etwa im Betriebsrat, der Zugang hatte zu allen Akten des Hauses hatte, oder beim Korrespondenten in Brüssel. Ernst Elitz erzählt von einem Gespräch mit einem Mitglied des Stasi-Wachregiments: "Wenn es anders gekommen wäre und wir hätten den Deutschlandfunk in Köln besetzt - war natürlich ein Hauptziel, weil er national ausstrahlte -, wir hätten gewusst, hinter welcher Tür Sie sitzen. Denn die hatten die gesamten Lagepläne des Hauses und wussten natürlich, wer wo sitzt."

Wie bildet sich Skepsis bei einem Journalisten als Grundhaltung heraus?  Für Elitz war das geteilte Berlin der Ort, Skepsis zu lernen und zu beherrschen: Ost und West behaupteten, im Besitz der Wahrheit zu sein: "Rias" und das "Neue Deutschland". "Das führt doch zu einer gewissen Skepsis gegenüber solchen Behauptungen: Ich habe immer recht. Und diese Skepsis ist bei mir besonders stark ausgeprägt worden durch diese Rechthaberei auf beiden Seiten, die einem im Westen der Stadt begegnete. Dann in der 68er-Zeit kamen noch mal Verbände, Positionen, Rudi Dutschke oder wer auch immer, die immer behaupteten, sie haben recht. Und da war die Skepsis schon hinreichend bei mir ausgeprägt."

Neben der Skepsis bildet die Bereitschaft, den Menschen zuzuhören, die Basis des Journalismus. "Ich muss die großen Debatten mit den Ideen des Hörers zusammen gestalten", ist Elitz überzeugt.  Die Fähigkeit des Zuhörens schärfte Elitz bei den Foren, zu denen er als Intendant eingeladen wurde: "Da traten einem immer die begeisterten Hörer gegenüber und sagten, alle Sender müssten doch so sein wie das ,Deutschlandradio'. Dann waren die immer ganz erstaunt, wenn ich gesagt habe: Wenn alle Sender so wären wie das ,Deutschlandradio', dann würden die Medien und die Journalisten ihrer Aufgabe nicht gerecht werden. Denn es ist natürlich ein Privileg, im ,Deutschlandradio' als Redakteur zu Menschen zu sprechen, die einen ähnlichen Bildungshintergrund haben. Und der Journalismus wird da etwas schwieriger, wenn ich den weitgespannten Auftrag der Medien und des Journalismus nehme, nämlich Menschen unterschiedlichen Bildungsstands, unterschiedlicher Auffassungsgabe, unterschiedlichen politischen Interesses, unterschiedlichen Interesses für Politik und Information überhaupt anzusprechen. Das hat die Leute dann immer zum Erstaunen gebracht, hoffentlich auch etwas zum Nachdenken."

Wer zuhört, genau zuhört, ist auch vorsichtig beim Urteil über Menschen. Das hat Elitz, wie er berichtet, in den Jahren nach der Einheit immer wieder beobachten können: Das zu schnelle Urteil über Menschen, die für die Stasi gearbeitet haben. "Warum sind die einen zur Stasi gegangen? Warum haben sie Erpressungsversuchen nicht widerstanden? Warum haben andere widerstanden?" Elitz plädiert für Zurückhaltung, wenn man nicht selber in solch einer Situation entscheiden musste.

Soll also ein Journalist einfach nur zuhören? Soll er kein Urteil fällen? "Man muss schon urteilen", schließt Elitz das Interview. "Aber bevor man verurteilt, soll man sich das sehr genau überlegen."

Info

Zum Deutschlandradio zählen der Deutschlandfunk (DLF), DLF Kultur (bis 2017 "Deutschlandradio Kultur") und das Jugendprogramm "DLF Nova", das frühere "DLF Wissen".

Porträt

Ernst Elitz, Jahrgang 1941, wird im Prenzlauer Berg geboren und wächst im geteilten Berlin auf. In Ostberlin macht er das Abitur, das er später im Westen wiederholt. Er studiert an der Freien Universität Germanistik, Theaterwissenschaften, Politik und Philosophie. Er erzählt von seinem Werdegang:
"Zur Zeit der Achtundsechziger habe ich angefangen, für Zeitungen zu schreiben, und bin dann Chefredakteur der ,Deutschen Studentenzeitung' gewesen und habe über die Situation der Achtundsechziger-Entwicklung für die ,Zeit' und für andere Blätter geschrieben... Beim ,Spiegel' war ich für Hochschul- und Wissenschaftspolitik zuständig, habe in dieser Zeit auch sehr interessante ,Spiegel'-Gespräche gemacht, mit Adorno kurz vor seinem Tod über die Studentenbewegung, mit Georg Picht, der schon damals die Bildungskatastrophe vorausgesagt hat.

Vom 'Spiegel' bin ich zum ZDF gegangen, bei der Sendung 'Kennzeichen D', die sich mit beiden deutschen Staaten beschäftigt hat. Das hat noch mal meine Kenntnisse über die DDR intensiviert, weil ich dann gelegentlich auch als Korrespondent in der DDR tätig sein konnte. Dann 'Heute-Journal', beim Süddeutschen Rundfunk ,Tagesthemen'-Kommentator und die Sendung 'Pro & Contra', die damals ein größerer Hit war, weil wir das erste Mal die Zuschauer und Zuschauerinnen über ein Teledialogsystem sowohl über das Thema der Sendung entscheiden lassen konnten wie dann auch ihre Beurteilung der Diskutanten, die wir im Studio hatten."

Nach der Zeit als Intendant wird Elitz erst Kommentator der "Bild"-Zeitung, dann ab 2017 Ombudsmann der "Bild".

Der Autor

Paul-Josef Raue hat Ernst Elitz oft bei Treffen von Lokaljournalisten getroffen; dort fühlte sich der Intendant sichtlich wohl. Über den Besuch beim Ombudsmann im Springer-Hochhaus berichtete er in dieser Kolumne im August 2017. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus.  Im Klartext-Verlag erscheint seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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