Wie Christiane Kraus junge Führungskräfte zu den alten Medien lockt

 

Der Kampf um vielversprechende, meist digital geprägte Talente wird mit großer Härte ausgefochten. Christiane Kraus, Partnerin bei der Personalberatung Liebe, Sutor und Gawlowski, verrät im "kressköpfe"-Interview, mit welchen Argumenten sie sich für die Schlacht um Zukunftsjobs rüstet - und wie sie Wunden verpflegt.

"Je klassischer das Unternehmen, desto schwieriger ist die Gewinnung und Bindung junger Talente."

kress.de: Frau Kraus, auch in der Medienbranche ist viel vom Fachkräftemangel zu lesen. Warum tun sich aus Ihrer Sicht klassische Verlagshäuser, aber auch TV- und Radiosender zunehmend schwer, junge Talente an sich zu binden?

Christiane Kraus: Aus meiner Sicht gilt: Je klassischer das Unternehmen, desto schwieriger ist die Gewinnung und Bindung junger Talente. Drei Gründe gibt es hierfür: Einerseits scheint die inhaltliche Herausforderung, die Art der Tätigkeit, nicht zukunftsweisend genug. Junge Menschen, digital Natives, suchen sich ein digitales Umfeld. Dies ist in klassischen Verlagshäusern oft einfach zu wenig gegeben. Wenn Methoden, die man in Studium und Praktikum erlernt hat, nicht angewendet werden können, ist das eben weniger attraktiv. Andererseits sind Arbeitsbedingungen wie z.B. remote work, flexible Arbeitszeitmodelle oder gar Teilzeitkonstrukte immer stärker gefragt, was traditionell geprägte Unternehmen oft nicht anbieten. Drittens fällt es oft schwer, sich als junger Mensch in einem Unternehmen persönlich zu integrieren, wo ein Großteil der Belegschaft schon sehr lange tätig ist, Strukturen sehr eingefahren sind und es wenig Bereitschaft gibt, neue Denkweisen anzunehmen.

kress.de: Lange Zeit galt die Medienbranche als eine Art Traumsparte. Inwieweit färbt die Vertrauenskrise, mit der sich viele auch traditionsreiche Medienangebote konfrontiert sind, auch auf den Arbeitsmarkt ab?

Christiane Kraus: Mitarbeiter aus traditionsreichen Unternehmen sind eher verunsichert, wie gefragt ihre Erfahrungen am Arbeitsmarkt im Vergleich zum Wettbewerb aus dem digitalen Umfeld überhaupt sind. Sie sind weniger offen, über berufliche Veränderungen nachzudenken und stehen Veränderungen in ihrer aktuellen Rolle oft kritisch gegenüber, was es jüngeren/neuen Kollegen schwer machen könnte, neue Vorgehensweisen zu etablieren. Ein Teufelskreis, der sich nur sehr langsam und stetig durchbrechen lässt.

kress.de: Bewerber für die vielen offenen Stellen in der IT-Branche werden gezielt umworben. Warum ist es so schwer, auch in mediennahen Branchen kreativ denkende Programmierer oder Digitalexperten dauerhaft zu gewinnen?

Christiane Kraus: Hier gibt es einfach einen sehr großen Wettbewerb, nahezu jedes Unternehmen hat Bedarf in diesen Bereichen, und die qualifizierten Spezialisten können sich dann eben aussuchen, ob eine neue Herausforderung sie nicht noch schneller voranbringt. Zudem wird nicht mehr erwartet, in einem Unternehmen möglichst lange zu verbleiben - der Kandidat als solcher plant weniger langfristig, sondern betrachtet eher neue Herausforderungen als Chance zur Weiterentwicklung.

kress.de: Wie müssen sich die klassischen Verlage sowie audiovisuellen und digitalen Medienhäuser aus Ihrer Sicht wandeln, um für vielversprechende Führungskräfte von morgen attraktiv zu bleiben?

Christiane Kraus: Wie oben angesprochen sind ein moderner Arbeitsplatz, flexible Arbeitszeitmodelle, interne Entwicklungsperspektiven und Weiterbildungsmöglichkeiten ein großes Plus für suchende Unternehmen. Auch eine möglichst hohe Eigenverantwortlichkeit sowie Gestaltungsspielraum sorgen für eine höhere Identifikation mit dem Arbeitgeber und führen zu einer größeren Loyalität.

kress.de: Am Markt scheint – auch aufgrund einiger Entlassungswellen – ein Überangebot an klassisch ausgebildeten Journalisten/Medienmanagern zu herrschen. Gleichzeitig entstehen viele neue Mischformen wie digital ausgerichtete Content-Marketing-Berufe. Was muss ein Redaktionsprofi von heute anbieten können, um für den sich wandelnden Medienmarkt attraktiv zu bleiben?

Christiane Kraus: In jedem Fall Offenheit für neue Technologien, Herangehensweisen, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft, immer neues Hinzuzulernen und bestehendes Wissen zu hinterfragen. Auch die Bereitschaft, Wissen und Erfahrungswerte von jüngeren Kollegen anzunehmen und umzusetzen.

kress.de: Immer mehr, auch renommierte Journalisten wechseln auf Digitalagentur oder Unternehmensseite. Inwieweit kann so ein Umstieg tatsächlich reibungslos für die Erwartungshaltung auf beiden Seiten vonstattengehen?

Christiane Kraus: Indem beide Seiten ihre gegenseitigen Erwartungshaltung von Anfang an klar formulieren und nicht voraussetzen, dass Kenntnisse selbstverständlich sind. Natürlich müssen sich auch beide Seiten nach der Entscheidung zu einer Zusammenarbeit an die getroffenen Absprachen halten. Knackpunkte sind bei solchen Wechseln oft recht einfach zu bestimmende Aspekte, wie z.B. organisatorische Unterstützung oder Handlungsbefugnisse. Weniger greifbar sind Themen wie Teamkultur. Hier kann eine Art Probearbeitstag im Auswahlprozess hilfreich sein, oder die Unterstützung durch einen Personalberater, der beiden Seiten objektiv beraten kann.

kress.de: Sie haben sich auf die gezielte Suche nach Führungskräften spezialisiert: Inwiefern haben sich für derartige Positionen sowohl in der klassischen Medienbranche als auch im IT-Bereich die Anforderungen gewandelt?

Christiane Kraus: In der Medienbranche waren vor zwei bei drei Jahren durch das Aufkommen vieler neuer Player am Markt erfahrene Manager sehr gefragt. In der heutigen Konsolidierungsphase sind selbst diese heiß umkämpften Köpfe vorsichtiger geworden und schauen sich teils nach Optionen um, die auch außerhalb der klassischen Medien liegen. In der IT reißt der War for Talents gar nicht ab, hier können Kandidaten mit nischigen Skill Sets wirklich viele Forderungen durchsetzen, wenn sie zudem noch Deutsch sprechen, können Sie sich Ihren Arbeitsplatz wirklich aussuchen.

"Zahlenaffinität und Vertrautheit im Umgang mit KPIs sind mittlerweile Standard-Bestandteil auch von eher kreativen Positionen."

kress.de: Der Einbruch neuer digitaler Disruptoren, etwa im Media-Geschäft, hat für neue Anforderungsprofile gesorgt. Benötigt man aus Ihrer Sicht für eine Karriere in der modernen Medienindustrie etwa noch Zusatzqualifikationen in höherer Mathematik, Robotik oder Informatik?

Christiane Kraus: Ganz klares Nein. Allerdings kommt niemand mehr umhin, sich im Berufsalltag mit Zahlen, Daten und Analysen auseinanderzusetzen und hieraus auch Handlungsempfehlungen ableiten zu können. Zahlenaffinität und Vertrautheit im Umgang mit KPIs sind mittlerweile Standard-Bestandteil auch von eher kreativen Positionen wie z.B. im Marketing. Zudem wird eine ausgeprägte technische Affinität und Aufgeschlossenheit, sich mit neuen Technologien zu befassen, immer wichtiger.

kress.de: Gegenüber vielen neuen Berufen, selbst dem eher traditionellen digitalen Journalismus, der sich an Kennzahlen, SEO-Optimierungen und der Unterstützung durch KI-Anwendungen orientieren sollte, scheinen bei vielen Bewerbern große Schwellenängste vorzuherrschen. Wie können Sie die in Ihrer Beratung aus dem Weg räumen?

Christiane Kraus: Oft sind die Erwartungshaltungen von Unternehmensseite hier drastischer formuliert, als man anfangs annimmt, und in der Regel gibt es für solche Themen auch immer Spezialisten in Unternehmen. Hier sollte man erstmal hinterfragen, was genau erforderlich ist und andererseits auch Lernbereitschaft signalisieren.

"Nicht jeder kann so einfach vom Angestellten zum Unternehmer werden."

kress.de: Welche Tipps können Sie Kollegen geben, die angesichts der veränderten Marktlage im klassischen Medienbetrieb mit einer unternehmerischen Tätigkeit liebäugeln?

Christiane Kraus: Nicht jeder kann so einfach vom Angestellten zum Unternehmer werden, aber aus einer General-Management-Rolle heraus ist es eine echte Alternative. Es muss ja auch nicht gleich eine "Ganz-oder-Gar-Nicht" Entscheidung sein, manchmal kann eine beratende, freiberufliche Tätigkeit ein softer Einstieg in dauerhaftes Unternehmertum sein oder eine Testphase, um eine schwierige Marktlage zu überbrücken. Man sollte sich mit der Frage befassen, inwieweit man wirklich bereit ist, sich dieser Herausforderung zu stellen und wie sich dies auch mit dem privaten Lebensmodell vereinbaren lässt.

kress.de: Wenn Sie auf die Stationen Ihrer Berufslaufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und was ist für Ihre heutige Arbeit dafür im Rückblick entscheidend?

Christiane Kraus: Ich habe in jeder Station etwas gelernt: Beim Berufseinstieg war die Lernkurve an sich besonders steil. Beim ersten Unternehmenswechsel erfolgte für mich die Spezialisierung vom allgemeinen HR Consulting hin zum Executive Search. Meine Zeit im Ausland hat mir viel interkulturelles Einfühlungsvermögen mitgegeben. All diese Erfahrungen bilden das Handwerkszeug für meine tägliche Arbeit und ich lerne in meiner heutigen Rolle in jedem Suchprojekt noch Neues dazu, was ich gewinnbringend für kommende Projekte einsetzen kann.

kress.de: Sie haben einst auch Psychologie studiert. Wie wichtig ist dieses Einfühlungsvermögen für Ihre tägliche Arbeit? 

Christiane Kraus: Für mich persönlich ist es ein kritischer Erfolgsfaktor. Ich beurteile die Passung eines Kandidaten auf eine Rolle eher basierend auf der persönlichen Motivationslage, der Persönlichkeit und der Zielvorstellungen als etwa an der Anzahl der Jahre von Führungserfahrung, Budgetverantwortung, Teamgröße und Gehaltsgefüge. Auf diese Weise kann ich Kandidaten und Kunden an einen Tisch bringen, die sonst wechselseitig nie über eine Zusammenarbeit nachdenken würden. In einem engen Marktumfeld kann also die Suche nach einem "Typus" zielführend sein, wenn es zu wenig passende Manager aus der Branche gibt.

kress.de: Beweglichkeit setzt voraus, dass man seinen Kopf auch immer wieder freibekommt: Wo tanken Sie Ihre Kraftreserven auf?

Christiane Kraus: Meistens reicht schon das Lachen meiner Kinder, also vor allem innerhalb der Familie. Aber auch im Austausch mit Freunden, die z.B. auf Unternehmensseite sitzen und ihre Erfahrungen mit Recruiting-Themen schildern. Diese Art des Perspektivwechsels führt bei mir dann zu neuen Ideen, welche Wege ich in einem Suchprozess noch einschlagen könnte.

"Es geht überhaupt nicht ohne Networking."

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Christiane Kraus: Es geht überhaupt nicht ohne - Networking ist einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der allerwichtigste Bestandteil, der auch viel Zeit in Anspruch nimmt. Daneben sind aber auch gutes Zuhören und die ständige Beobachtung des Marktes im Branchenumfeld sehr entscheidende Erfolgsfaktoren.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Christiane Kraus: Es verschafft mir immer einen sehr guten Überblick über das aktuelle Marktgeschehen wie Wechsel auf Führungsebenen und Trends in der Branche - meine tägliche Lektüre.

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