Was mit Englisch: Welcome to the age of Selbstbesamung

 

Karnevalszeit ist wieder Selbstinszenierungszeit! So erschien Annegret Kramp-Karrenbauer gerade erst als "Putzfrau Gretl". Will man den folkloristischen Wahnsinn ausländischen Medien-Kollegen und -Freunden in englischer Sprache erklären - was sagt man? "She's self-inscenating" ... Sicher nicht.

Alles inszeniert ... so lautet ein verbreitetes Urteil im Medienzeitalter. Erhoben wird es von den Medien selbst - genauso wie gegen sie. Wer was mit Medien macht, lässt sich deshalb leicht ins Gespräch ziehen, wenn zum Beispiel wieder von "medialen Selbstinszenierungen" die Rede ist. Auf Deutsch ist das gar kein Problem. Dafür umso mehr in unserer Lieblingsfremdsprache Englisch!

Ich weiß wovon ich spreche, seitdem ich einmal im New Yorker Büro von "Buzzfeed" mit einem Stehgreifvortrag über "self-inscenation" punkten wollte - aber nur Staunen erzeugte. Meine Gastgeber sahen sich an. Dann fragte mich Scott: "Peter, are you talking about self-insemination?" Alle lachten.

Von wegen Selbstbesamung! Das war kein schöner Moment, sondern ein tiefer Fall wie aus einem New Yorker Wolkenkratzer. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mich in punkto englischsprachiger Selbstinszenierung nicht mal auf Grundkursniveau befand. Stattdessen fiel ich in das typische schwarze Loch, das sich auftut, wenn dem denglischen Patienten auf einmal die englischen Vokabeln ausgehen.

Dabei lag ich mit "self" nicht schlecht, wenn man nur auf die Lehrpläne der Universitäten schaut: "Instagram and the age of self-presentation". "The representation of self in the Facebook age". "Selfies and self-portraiture". Auch könnte man sagen: "We live in the first-person age where everyone has to develop self-branding skills without becoming too self-absorbed and self-obsessed" ... Bloß von "inscenation" ist nirgendwo die Rede.

So verstand ich an jenem Tag bei "Buzzfeed", was eine sprachliche Niete ist! Es gibt "innovations" und "investigations", aber "inscenations" existieren im englischen Wortschatz nicht. Wer es trotzdem sagt, spricht Denglisch, wie das amerikanische Wörterbuch "Merriam Webster" ausdrücklich erklärt: "... intended as a translation of German 'Inszenierung'".

Doch was ist nun mit öffentlichen Inszenierungen, egal ob im Theater oder auf der politischen Bühne? Die Sache ist noch komplizierter als wir ahnen. Denn es kommt darauf an, ob man 1. die technische Inszenierung, 2. die Kulissen, 3. die dramaturgische Inszenierung des Regisseurs oder 4. die darstellerische Inszenierung der Schauspieler meint. Im ersten Fall ist es "(stage) production". Im zweiten "scene", "setting" oder "mise-en-scène". Im dritten "staging" oder "(stage) direction". Und im vierten "acting" oder "acting performance".

Außerdem wird zwischen "enactment" (fiktionaler Geschichten) und "re-enactment" (historischer Ereignisse) unterschieden. Können Sie noch folgen?

Falls nein, lesen Sie einfach weiter. Schließlich wollen wir in Zukunft verständlich über Inszenierungen in der Politik sprechen. Generell werden sie als "(political) staging" bezeichnet. Wirkt alles übertrieben selbstdarstellerisch, sagt man "Donald Trump's grandstanding". Wirkt alles arg konstruiert, kann man es "spin doctoring" nennen. Und führt die Inszenierung auf scheinbar geniale Weise zum Erfolg, erfüllt sie womöglich die Kriterien für "(perfect) engineering".

Und wenn es um reine Verkleidungen geht, wie beim Karneval oder Fasching? Dieser Auszug aus dem Guardian erklärt alles, erschienen am 18. Februar:

"Annegret Kramp-Karrenbauer, the leader of Germany's Christian Democrat party, returned to her home state of Saarland over the weekend to reprise her annual role as Putzfrau Gretel (Gretel the cleaning lady) during carnival celebrations.

Many German politicians traditionally participate in carnival celebrations, dressing up and making humorous speeches. This year, Germany's justice minister, Katarina Barley, came dressed as the Statue of Liberty while Markus Söder, the leader of Merkel's sister party CSU, gave himself a punk makeover."

Ich bin sehr gespannt, welche Szenen wir dieses Jahr nach dem Karneval noch erleben werden. Fest steht nur, dass sie nicht "scenic" sein werden, denn das bedeutet "malerisch". Und das war die Medienlandschaft ja noch nie!

Zum Autor: Peter Littger ist "Der Denglische Patient". So heißt auch seine regelmäßige Kolumne bei ntv.de. Auf kress.de schreibt Littger die Sprach- und Medienkolumne "Was mit Englisch". In seinen Kolumnen und Büchern widmet er sich deutsch-englischen Sprachverwirrungen. Littger ist Autor der Bestseller The Devil lies in the Detail (KiWi). Soeben erschienen: Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof. English made in Germany - das Bilderbuch. Instagram: denglishpatient, Twitter: fluentenglish.

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