Job-Kolumne: Die häufigsten Gründe für das Scheitern im letzten Moment

 

Jahrelang auf Erfolg gehofft, aber nicht bereit, wenn er endlich kommt: Plötzliche Ängste und Zweifel, Unentschlossenheit und mangelnde Vorbereitung können alle Arbeit wieder zunichte machen. Mediencoach Attila Albert über häufige Gründe für das Scheitern im letzten Moment.

Ein ehemaliger Magazinredakteur hatte sich im PR-Bereich selbstständig gemacht. Er war entlassen worden und hatte keine neue Stelle gefunden. Mit kleineren Aufträgen hielt er sich über Wasser. Hier eine Presseerklärung, da ein Kundenartikel. Plötzlich meldete sich ein Mittelständler, der ihn mit seiner gesamten Pressearbeit beauftragen wollte. Er hätte zwei Mitarbeiter einstellen können (und auch müssen) - und war so überfordert mit der Situation, dass er den gesamten Auftrag zurückgab, der ihn für Jahre ausgelastet hätte.

Eine Reporterin hatte jahrelang davon geträumt, als Korrespondentin ins Ausland zu gehen. Sie bewarb sie sich bei jeder Gelegenheit, intern wie extern. Meist kam sofort eine Absage. In zwei Fällen kam sie nach einem Vorstellungsgespräch nicht weiter. Eines Tages rief sie unerwartet ein ehemaliger Vorgesetzter an: Er habe eine offene Korrespondenten-Stelle, ihr Profil würde perfekt passen. Sie geriet in Panik, die ganze Idee schien plötzlich vermessen. Wollte sie überhaupt jahrelang in die Fremde und ihr Leben daheim aufgeben?

Jahrelang auf Erfolg gehofft, aber nicht bereit, wenn er endlich kommt: Das kommt häufiger vor als gedacht und ist für die Betroffenen - und ihre Unterstützer - eine unerwartete, oft schmerzhafte und peinliche Enttäuschung. "Gewogen und zu leicht befunden" und andere Sprichwörter kommen in den Sinn. Versagt, ausgerechnet jetzt!  Wieso ist jemand nicht bereit für den Erfolg, wenn er nun endlich zum Greifen nahe ist? Hier einige häufige Gründe und was Sie tun können, um im entscheidenden Moment bereit zu sein.

Aus einer Fantasie wird plötzlich Realität

Zuerst: Der Zweifel im entscheidenden Moment ist normal. Aus einer Fantasie wird plötzlich Realität - und die ist facettenreich. Der ersehnte Traumjob - vielleicht wirklich interessant und begehrt von vielen, aber Arbeitszeiten und -belastung oder andere Aspekte stellen sich als doch nicht so traumhaft heraus. Der erhoffte geschäftliche Erfolg - endlich ist vielleicht das Auftragsbuch voll, aber an Wochenenden ist nicht mehr zu denken und die Verantwortung, auch pünktlich und ausreichend gut zu liefern, stellt sich als erdrückend heraus.

Im Moment der Wahrheit kommen plötzlich viele neue Informationen hinzu, die das bisher idealisierte, oft klischeehafte Bild vervollständigen. Ein kurzes Zögern ist hier die Chance, noch einmal Vor- und Nachteile zu vergleichen: Will ich das wirklich? Wer dieses Szenario bereits vorweggenommen hat, tut sich da natürlich leicht. Beispiel: Im Coaching bereits einmal durchspielen, was ein Umzug für einen neuen Job alles mit sich bringen würde (Wohnung, Arbeitsplatz des Partners, Kinder) und wie man damit umgehen würde.

Erfolg kommt oft weniger attraktiv daher als gedacht

Manches Zögern hat seine Ursache in einer kompromisslosen, unrealistischen Vorstellung, wie Erfolg aussehen muss - "so habe ich mir das nicht vorgestellt!" In den wenigsten Fällen ist es der linear aufsteigende Lebensweg, bei dem sich erfolgreiche Projekte aneinanderreihen und zur nächsten Beförderung führen. Realistischer: Ein Zickzack aus Aufstieg, Stagnation, Scheitern bei einzelnen Projekten oder in kompletten Jobs, Glück und ungünstigen Umständen. Natürlich wird man im Lebenslauf versuchen, all das wie einen geplanten Weg aussehen zu lassen. Erwarten sollte man das Gegenteil.

Häufig verhindern auch ganz praktische Hindernisse den entscheidenden Schritt. Typisch: Zu hohe finanzielle Verpflichtungen haben jeden Spielraum genommen. Mit dem Partner war der Plan nie abgesprochen, und er stellt sich nun dagegen (z. B., weil er sein Leben ungewollt auch umstellen müsste). Auch hier ist Vorbereitung entscheidend: Sorgen Sie für ein wenig Bewegungsspielraum, insbesondere bei Finanzen und Wohnort, und reden Sie mit Partner und Familie immer mal wieder auch über die großen Lebenslinien und Entscheidungen - wo soll es hingehen?

Ein weiterer Faktor ist die Bequemlichkeit, und das ist zunächst neutral gemeint. Jeder hat ein Anrecht darauf, sich ein komfortables Leben zu wünschen. Nur: Erfolg ist oft erstaunlich unbequem. Wer sich in einer Führungsposition, etwa als Chefredakteur, Verkaufsdirektor oder Verlagsleiter wiederfindet, steht nicht selten früher auf als seine Mitarbeiter und arbeitet abends noch an E-Mails oder bereitet am Wochenende seine Meetings vor. Auch das ist ein Moment des Erwachens: Der Preis des Erfolgs ist manchem, wenn er ihn kennt, zu hoch.

Von Versagensängsten möglichst früh befreien

Nicht selten sind auch plötzlich sichtbare Versagensängste in vielen Varianten: Die Sorge, den Job nicht zu schaffen, die Angst, plötzlich vor anderen sprechen und präsentieren zu müssen. Fast immer sind diese Ängste ein jahrelanger Begleiter, also lange bekannt. Hier ist zu raten: Gehen Sie sie früh an, um sich davon zu befreien. Bis zu einem gewissen Grad sind Ängste normal und wichtig. Selbst die erfolgreichste Führungskraft zweifelt, sorgt sich, zittert vor manchem Meeting. Was Sie lernen können und sollten: Sich damit nicht zu sehr zu belasten und, vor allem, weiterzumachen und nicht in einer Angststarre zu verharren.

Erfolg kommt häufig im falschen Moment und ganz anders als gedacht. Gerade eben einen Umzug abgeschlossen, ein Haus gekauft oder ein Kind bekommen - und nun ist plötzlich das Angebot da, auf das man zehn Jahre gehofft hat. Damit sollten Sie rechnen, sich also persönlich und praktisch vorbereiten. Man kann Erfolg nicht erzwingen, wenn er aber endlich kommt, ist man bereit und fähig - ohne endloses Zögern und unnötige Ängste.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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