Warum Christoph Burbes in den chilenischen Anden sein Berufsleben umkrempelte

 

Raus aus dem Chef-Kommunikatoren-Sessel, ran an den Rucksack: Christoph Burbes, zuletzt UDG-Sprecher, ist in Berlin als Berater durchgestartet. Warum ihn trotzdem Fernweh nicht nur nach München, sondern weltweit packt, verrät er im "kressköpfe"-Interview.

kress.de: Herr Burbes, Sie blicken auf einen beeindruckenden Hintergrund in der klassischen TV-Branche zurück, wirkten zuletzt aber oft für Digitalunternehmen und Startups. Weht dort wirklich der aktuell attraktivere Wind?

Christoph Burbes: Als ich vor Jahren in die Startup-Branche nach Berlin gewechselt bin, hätte ich das sicherlich unterschrieben. Die YouTubes dieser Welt zogen an uns vorbei. Eine von meinem ehemaligen Senders Das Vierte produzierte Sitcom erreichte damals schon online mehr Leute als im TV in der Prime. Okay, die Werbeerlöse in diesem Umfeld waren sicherlich noch im homöopathischen Bereich, aber mit etwas Fantasie konnte man schon erahnen, wohin die Entwicklung geht. Statt den Chancen zu begegnen, hat man sich erstmal hinter noch vorhandener Reichweite verbarrikadiert. Der digitale Wandel betrifft aber alle. Man war schon erstaunt, wie lange eine doch eigentlich innovative Branche wie die der Medien hinterherhinkt, bis sie dann mal agierte. Für junge Menschen bieten Startups definitiv anders geartete Möglichkeiten: in kurzer Zeit, dynamischen Umfeldern, weniger Regeln, mit mehr Verantwortung schneller vieles zu lernen und sich zu entwickeln. Den kompletten Life-Circle eines Unternehmens von der Gründung bis zum Exit - im Erfolgsfall - mitzugehen. In der Dichte erlebt und lernt man selten so vieles. Für mich persönlich war es damals jedenfalls der richtige Schritt. Auch wenn ich mich immer eher als ein Kind der Medienbranche sehe.

"Der Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung in Deutschland ist nach wie vor riesig."

kress.de: Ihr langjähriger Arbeitgeber UDG geht aktuell nach einer Übernahme durch einen neuen Veränderungsprozess. Wie erklären Sie sich das Beschleunigungstempo beim Konzentrationsprozess in der Digitalagenturbranche?

Christoph Burbes: Es ist jedenfalls spannend, diese Entwicklung nun von außen beobachten zu können. Die Konsolidierung in der Branche zeichnet sich ja schon länger ab. Der Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung in Deutschland ist nach wie vor riesig. Und neben den Digitalagenturen wildern auch die großen klassischen Beratungshäuser in diesem Revier – und umgekehrt sind die Digitalagenturen gut dabei, wenn es um Consulting-Services rund um die Digitale Transformation geht. Es gibt viele Player, und es ist noch einiges an Druck auf dem Kessel, so dass es hier in den nächsten Jahren nicht langweilig werden wird. Die Übernahme der UDG wird bestimmt nicht die letzte gewesen sein.

kress.de: Der Veränderungsdruck in der Branche erfordert gute Erklärungen, um Beteiligte und Beobachter mitzunehmen. Was sind für Sie aktuell die wichtigsten Anforderungen zeitgemäßer Kommunikationsarbeit?

Christoph Burbes: Wer sich nicht verändert, fährt irgendwann gegen die Wand. Die Digitalisierung zwingt Organisationen zum Wandel, das rückt gerade auch Kommunikationsverantwortliche noch stärker in den Fokus. Deren Rolle ist noch tragender geworden. Es geht nicht mehr nur darum, Strategie und Reputation per Push-Kommunikation zu vermitteln. Zur ganzheitlichen Kommunikation gehört schon längst auch die komplette digitale Klaviatur mit der Orchestrierung von Social Media, Digital Positioning der Executives, und in Zeiten der Transformation sind Fähigkeiten als Mediator besonders gefragt. Gerade auch in der internen Kommunikation. Die Kommunikation selbst erfährt eine große Transformation, der Job des Kommunikators ist definitiv noch vielfältiger und aufregender geworden.

kress.de: Sie haben sich unlängst mit einer eigenen Kommunikationsberatung selbstständig gemacht. Was sind Ihr Stärken, was sind Ihre Ziele?

Christoph Burbes: Ich durfte in meiner beruflichen Laufbahn viele Highlights als verantwortlicher Kommunikator begleiten und konnte so viele Kompetenzen entwickeln. Zuletzt lag der Fokus auf der strategischen Kommunikation sowie Kommunikation im Change Management beim Merger von elf Digital-Agenturen zu einer starken Brand. Ich habe aber auch viel internationale Kommunikation gemacht, Startups bei der Einführung in nationale und internationale Märkte begleitet. Von der strategischen Kommunikation, Change Communications, Media Relations bis hin zur Positionierung von Executives und deren Digital Visibility - ich konnte über die Jahre eine breite Palette an Erfahrungen sammeln. Nun ist es an der Zeit, diese als selbstständiger Berater in die Waagschale werfe.

kress.de: Sie haben sich für den Firmensitz in Berlin entschieden. Als Medienmetropole muss sich die Hauptstadt weiterhin behaupten. Warum ist sie für Sie trotzdem der Place-to-be?

Christoph Burbes: Nach langen Jahren in München war gerade Berlin mit seiner Startup-Community für mich das Tor zur internationalen Szene. Für meine Selbstständigkeit ist die Stadt perfekt. Man fühlt sich am Puls der Zeit, die umtriebige Atmosphäre ist sehr ansteckend, der enge Austausch, das Networking mit Gründern ist sehr hilfreich. Hier gründet fast jeder irgendetwas, es gehört schon fast zum guten Ton in Berlin.

kress.de: Sie waren lange als PR- und Marketing-Experte sehr eng mit den Entscheidungen der jeweiligen Firmenleitungen befasst. Trotzdem haben Sie nun die Seiten ins eigene Unternehmertum gewechselt. Welche Freiheiten bieten Ihnen die neue Gefechtslage?

Christoph Burbes: Freiheiten (lacht)? Ich hatte tatsächlich das Glück, auch als Angestellter immer große Freiheiten und Vertrauen zu genießen. Nun ist es mehr der Drang, auch unternehmerisch erfolgreich zu sein. Das Schöne sicherlich: Die Freiheit, noch breiter wirken zu können, mit vielen zu reden, Themen zu besetzen oder auch nicht. Meine Entscheidung. Es entstehen großartige Beziehungen.

kress.de: Haben Sie den Schritt in die Selbstständigkeit bislang schon mal bereut?

Christoph Burbes: In diesen ersten Wochen jedenfalls noch nicht. Wirklich bereuen wahrscheinlich sowieso nie. Es ist spannend und eine ganz andere Herausforderung. Ich treffe faszinierende Persönlichkeiten, bespreche tolle Ventures und Projekte. Der sprichwörtlich bunte Strauß, der sich einem bietet.

kress.de: Welche Tipps können Sie Kollegen geben, die selbst mit einer unternehmerischen Tätigkeit liebäugeln?

Christoph Burbes: Just do it. Es gibt nichts zu verlieren. Auch wenn es am Ende nicht der Weg sein sollte. Diese Erfahrung kann keiner nehmen. Ansonsten: eine Woche auf Tour durch die Startup-Szene gehen, gerade der Austausch mit vielen spannenden Gründern und ihren innovativen Ideen möchte ich nicht missen.

kress.de: Wenn Sie auf die Stationen Ihrer Berufslaufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und welche Persönlichkeiten haben Sie im Rückblick entscheidend geprägt?

Christoph Burbes: Man nimmt auf allen Stationen immer irgendetwas mit. Ich müsste wohl einige Namen nennen. Jene, die mir ihr Vertrauen geschenkt und mich weitergebracht haben, wissen das ganz genau. Denn diese großartigen Verbindungen bestehen nach wie vor. Letztlich war es einfach eine geile Mischung: Von "Mittendrin statt nur dabei" beim Deutschen Sportfernsehen (heute Sport1) und Kultformaten wie dem sonntäglichen Doppelpass zu NBC Universal und dem Launch des "Wir sind Hollywood"-Senders Das Vierte bis zum Re-Launch unter russischem Eigentümer hin zu quirligen Startups mit jungen Menschen aus aller Welt, die in kurzer Zeit die Welt erobern wollen. Um dann noch mal eine große Agentur mit zu transformieren. Ich hatte wirklich viel Glück, durfte teils mit großartigen, ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammenarbeiten. Gerade die ersten TV-Jahre waren natürlich sehr prägend und wild, aber auch die letzten Jahre des Change Prozesses bei der UDG waren von unschätzbarem Wert.

kress.de: Berlin soll ja heutzutage die Stadt sein, die nicht mehr schläft. Wie schwer fällt es Ihnen, nach getaner Arbeit auch wirklich abzuschalten?

Christoph Burbes: Ich fliege einfach öfters ins ruhigere München… Aber im Ernst. Sport, Yoga ist sicherlich eine Alternative sowie ein gutes analoges Buch und hin und wieder das Handy mal in ein anderes Zimmer (ver)legen. Ich halte es da mit den New Yorkern: Es sind die kleinen grünen Oasen, heißt, die kleinen Momente, die man sehr bewusst nutzt, um mal kurz dem alltäglichen Wahnsinn zu entfliehen.

"Beim Hiking in Chile ist dann auch die finale Entscheidung zum Gang in die Selbstständigkeit gefallen."

kress.de: Wie tanken Sie Ihre Kraftreserven auf? Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Christoph Burbes: Ich packe meinen alten Rucksack… und dann geht es als Backpacker "back to the roots". Zuletzt nach Südamerika, davor schon Nepal und viele andere Länder. Es gibt nichts Besseres, das erdet, macht den Kopf so großartig frei. Man trifft so viele positiv verrückte Persönlichkeiten und gewinnt noch mal eine ganz andere Perspektive auf die Dinge. Beim Hiking in Chile ist dann auch die finale Entscheidung zum Gang in die Selbstständigkeit gefallen.

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Christoph Burbes: Netzwerken ist ganz entscheidend, ohne geht nicht. Meine Passion, eigentlich mein Job. Möglichkeiten wie kressköpfe erleichtern das Netzwerken natürlich ungemein.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Christoph Burbes: kress gehört bei mir nun wirklich schon seit fast rund 20 Jahren zu den Medien, die ich täglich nutze. Fast noch intensiver, seitdem ich nicht mehr ganz so tief in der Medienbranche verwurzelt bin. Ich fühle mich schnell informiert. Und es ist auch immer wieder schön zu lesen, was die alten Kollegen so umtreibt.

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