100 Tage Relotius: Warum die Reportage unverzichtbar ist

 

Ist das Abendland am Ende? Werden seine Bürger nur noch mit schönen Texten eingeseift? Hunderte von Artikeln erschienen zur Relotius-Affäre, viele erregt, einige sachlich, wenige besonnen. Rund hundert Tage nach dem Aufdecken der Fälschungen zieht Paul-Josef Raue in seiner Kolumne Bilanz und denkt im ersten Teil über das schöne Schreiben nach.

Als Daniel Rademacher im Newsroom der "dpa" am 1. März die "Morgenlage" schreibt, die Zusammenfassung der Nachrichten aus der Nacht, erwähnt er zu Beginn die Geschehnisse um den massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz; er listet eine Reihe von Fakten auf und kündigt  an: "Es gibt also einiges zu erzählen in diesem traurigen Fall. Die Deutsche Presse-Agentur hat einen Reporter in die Region geschickt, der Ihnen heute eine einfühlsame Vor-Ort-Reportage liefert."

Die "dpa", eine Art Vatikan des Nachrichten-Journalismus, ist offenbar der Auffassung: In solch einem Fall, der die Menschen bewegt, reicht die reine Sachlichkeit, das Aufzählen von Fakten nicht aus. Der Mann im Nachrichtenraum spricht von "einfühlen" - also genau von dem, das der Medienprofessor Bernhard Pörksen die "narrative Verführung" genannt hat, die einer wie Relotius "bis zur Perfektion beherrscht" habe.

Die Verführer sind Reporter, die schön schreiben. "Schönschreiber" steigt auf zum Igittigitt-Wort: "Schön" wird in seiner Bedeutung, neudeutsch: im Framing, gebeugt, es bedeutet nicht mehr schön, sondern hässlich, so wie einst "gut" nicht mehr gut bedeuten sollte, als der "Gutmensch" zur Karikatur freigegeben wurde. Das Ende des schönen Schreibens künde vom Sieg der Realität, meinen die Gegner der Reportage: Aufklärung sei das Ziel des Journalismus, also Fakten, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Nicht der Lügner im Journalismus, nicht moralische Fehler und Manipulation stehen im Fokus: Claas Relotius wird Beispiel genommen, um die Reportage aus dem Journalismus zu verbannen und den "Edelfedern" - der Superlativ zu "Schönschreiber" - den Journalisten-Ausweis zu entziehen. Man spielt die Schönheit und die Wahrheit gegeneinander aus, als wolle man den Positivismus Streit der siebziger Jahre noch einmal im Journalismus führen.

Aber so hoch muss man nicht stapeln. Den Streit unter den Journalisten und ihren Wortführern beenden die Leser: Sie wollen Reportagen lesen, sie wollen nicht nur Fakten und Analysen, sie wollen die Erzählung der Welt, die gleichwohl wahr zu sein hat, objektiv und verständlich.  

Wer eine Zeitung oder ein Magazin liest, geht davon aus, dass sich Schönheit und Wahrheit wie Geschwister vertragen, ein wenig Gezänk eingeschlossen. Auch der Nachrichtenschreiber will ja gelesen werden, auch er achtet, wenn er ein Profi ist, auf die Schönheit des Textes, auf einen attraktiven Einstieg, kurze Wörter und schlanke Sätze, auf die treffende Auswahl von Zitaten. Aber er bleibt bei den Sachen, meidet die Emotionen, nennt die Details und schildert die Welt als logische Anstalt, in der Regeln befolgt oder missachtet werden.

Der Reporter hat es schwerer: Er folgt nicht nur den Fakten, sondern schaut in die Kulissen der Welt, weckt Emotionen und reißt seine Leser mitunter mit. Ihm geht es um die Menschen hinter den Sachen, ihre oft widersprüchlichen Motive und Darstellungen, ihr Glück, ihr Leid und Elend.  

Gerade weil die Leser Erzählungen mögen, weil sie mitgerissen werden im Sog des Geschehens, dürfen Reporter den skeptischen Blick nicht verlieren und müssen - anders als Dichter - peinlich genau auf die Wahrheit schauen: Jedes Detail muss stimmen. Das, was der Reporter erzählt, bewegt die Menschen. Je mehr das Erzählte die Leser packt, desto distanzierter sei die Sprache: Wenn es brennt, muss der Reporter nicht noch Öl in Feuer gießen. Daraus folgt:

Reporter sollten der Versuchung nicht erliegen, in literarischen Bildern zu schwelgen. Statt Wortgeklingel, das oft in Kitsch abgleitet, prägt die Sprache der Reportage ein nüchterner Ton - im besten Fall mit einem Hauch von Eleganz. Der Reporter erschafft nicht die Welt, er erfindet sie nicht, er recherchiert und erzählt, wie sie ist.

In der Relotius-Affäre ist die Reportage nicht untergegangen. Die Leser mögen die schöne Schreibe und die Wahrheit; sie verlangen die schnelle Nachricht, den ausführlichen Bericht und die Reportage, um die Menschen zu verstehen, die unsere Welt verändern, und die, die darunter leiden. "Einfühlsam" nennt der "dpa"-Redakteur die Reportage über Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in der Provinz: Auch er wartet darauf nach einer langen Nacht mit ihrer endlosen, auch ermüdenden Folge von Fakten und Vermutungen.

Vorschau

Im zweiten Teil der Bilanz geht es um den szenischen Einstieg, das Vertrauens-Klima in einer Redaktion, das "Making of", also den Bericht über das Entstehen einer Reportage, das Ende der Journalisten-Preise und den Schaden, den die Relotius-Fälschungen bei Lesern angerichtet haben.

Der Autor

Paul-Josef Raue schreibt mit Wolf Schneider das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus", in dem gleich zwei Kapitel der Reportage gewidmet sind; sie enden mit dem Satz: "Für offene Augen , konkrete Sprache und die Wahrheit gibt es keinen Ersatz." Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach  Im Klartext-Verlag erscheint seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre"". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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Ihre Kommentare
Kopf

Ruth Bachmann

06.03.2019
!

Gut schreiben reicht vollauf. Schön schreiben gehört nicht in den Journalismus, sondern in die Belletristik. Fakten müssen nicht im Nachrichtenstil heruntergerattert werden. Leicht lesbar sollten alle Texte sein. Die Reportage allerdings leuchtet auch die Ränder aus und lässt beim Leser Bilder entstehen, die für die bessere Einordnung hilfreich sind.


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