Wer heute noch Krawatte trägt, macht sich verdächtig

 

"Der Hals ist für den Kulturwandel in der Medienbranche ein unterschätzter Körperteil", sagt "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand. Wie viele Vorstände großer deutscher Medienunternehmen sich mit Krawatte zeigen.

Ich kann für mich wirklich nicht in Anspruch nehmen, ein Trendsetter zu sein, schon gar nicht in modischen Angelegenheiten. Wenn man Klamotten abonnieren könnte, ich würde es tun. Es gibt allerdings einen Trend, bei dem ich ausnahmsweise ganz früh ganz weit vorne dabei war. Ich hielt Krawatten immer für eine Fehlentwicklung der Evolution. Ich besaß maximal eine, die ich zu offiziellen Anlässen herauskramte. Irgendwann beschloss ich, mich auch davon zu befreien.

Vor Jahren war man in der Medienbranche bei Abendveranstaltungen ohne Krawatte noch deutlich in der Unterzahl. Im Business gehörte die Krawatte für Geschäftsführer und Verkäufer zur Standard-Uniform. Heute wird man auch bei offiziellen Anlässen ohne Krawatte nicht mehr schief angesehen. Ganz im Gegenteil hat sich die Krawatte vom Symbol der Seriosität zum Symbol der Trägheit gewandelt. Man kann das schön an den offiziellen Bildern der Vorstandsmitglieder großer deutscher Medienunternehmen zeigen. (Wir haben uns nur die Männer angesehen, Frauen unterlagen ja nie dem Krawattenzwang.) Die Branchenführer präsentieren sich heute gerne oben ohne.

Die aktuellen Krawattenquoten:

Axel Springer: 3/4

Bauer: 0/3

Bertelsmann: 0/4

Burda: 3/6

Funke Medien: 0/3

Gruner + Jahr: 0/2

ProSiebenSat.1: 0/4

Insgesamt zeigt sich nur noch ein Viertel (6/26) der Vorstände mit Krawatte. In einzelnen Branchen flackert noch Widerstand gegen das Ablegen der Tradition auf. Im Zeitungsgeschäft etwa zählt der Schlips noch zum guten Ton, musste etwa der neue SWMH-Chef Christian Wegner im vergangenen Jahr lernen. So manchem Anteilseigner stieß es auf, dass Digitalprofi Wegner keinen Wert auf Krawatte legt. Eine ähnliche Erfahrung machte Heiko Genzlinger, der im Oktober als Chef des Zeitungsvermarkters Score Media Group seinen Hut nehmen musste und vorher ebenfalls im Digitalgeschäft arbeitete. Aber auch in traditionellen Geschäften lässt sich beobachten, dass immer mehr altgediente Führungskräfte auf den Binder verzichten. Wer mit Krawatte zu Meetings mit der Digitalabteilung auftaucht, macht sich verdächtig, ein Ewiggestriger zu sein. Der Hals ist für den Kulturwandel in der Medienbranche ein unterschätzter Körperteil.

Als liberaler Mensch begrüße ich den Fall des Krawattenzwangs natürlich. Allerdings stört mich schon etwas, dass jetzt auch immer alle anderen im dunklen Anzug mit weißem Hemd aufkreuzen und auf den Schlips verzichten. Dadurch fehlt eindeutig die Möglichkeit, meine unangepasste Individualität auch öffentlich zu dokumentieren, was als Journalist quasi zum Markenkern gehört. Ein Ausweg bahnt sich an: In der Mode ist es ja so, dass man zum Trendsetter werden kann, wenn man nur lange genug wartet, bis das Altmodische wieder modern wird. Es wäre also eigentlich langsam an der Zeit, wieder Krawatte zu tragen. Wenn die Dinger nur nicht so verdammt unbequem wären ...

Sich von Krawatten loszusagen, hätte früher sicher nicht die Billigung von Günther Kress gefunden. Der Gründer des legendären "kress report" legte Wert darauf, angemessen gekleidet zu sein. Nach dem Stress der Schlussproduktion ging er an seinem freien Tag gerne einkaufen. Günther Kress feierte am 6. Februar übrigens im Kreis seiner Familie seinen 90. Geburtstag. Auch wir gratulieren herzlich! Die gute Nachricht über Günther Kress lautet: Es geht ihm gut. Oder wie er es sagen würde: "Schreiben Sie doch einfach: Er lebt noch", riet Günther Kress und lachte herzhaft.

kress.de-Tipp! Der Text von Markus Wiegand bildet das Editorial zur aktuellen Ausgabe 1/2019 von "kress pro". Sie ist in unserem neu gestalteten Shop erhältlich. Ein Abo können Sie dort auch abschließen. Sie sind bereits Abonnent? Dann loggen Sie sich bitte unter Mein kress ein und lesen das aktuelle E-Paper.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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