Wie Maria Exner Gutes für junge Zeit Online-Nutzer sichtbar macht

 

Aufzeigen, wo Gutes entsteht: Das möchte die stellvertretende Chefredakteurin von Zeit Online. Im "kressköpfe"-Interview erzählt Maria Exner, wie intensiv sie die junge Zielgruppe einbindet und was für ihre eigene Karriere wichtig war.

kress.de: Frau Exner, an den Journalismus werden heutzutage mehr denn je Fragen, auch viele kritische, herangetragen. Sie veröffentlichen seit kurzem eine Reihe, die sich "Die Antwort" nennt. Wie viel Augenzwinkern steckt dahinter, oder ist es etwa doch Vermessenheit?
 
Maria Exner: Unser neuer Schwerpunkt heißt "Die Antwort", weil wir darin regelmäßig Menschen und Projekte vorstellen, die nach Lösungen für ein drängendes Problem suchen oder bereits zu einem positiven gesellschaftlichen Wandel beitragen. Es geht nicht darum, dass wir als Journalisten irgendwelche absolut gültigen Antworten hätten. Aber eine der kritischen Fragen, auf die Sie anspielen, lautet ja: Trägt der Journalismus eine Mitschuld daran, dass viele Menschen den Glauben an den gesellschaftlichen Fortschritt verlieren und überzeugt sind, dass alles immer schlechter wird? Weil wir vermeintlich immer das Negative in den Mittelpunkt stellen. Auf unsere Berichterstattung bei Zeit Online traf das auch bislang so nicht zu. Trotzdem soll "Die Antwort" noch einmal ganz explizit zeigen, wo Gutes entsteht.
 
kress.de: Wie genau ist diese neue Reihe entstanden?
 
Maria Exner: Dank unserer Festivalreihe Z2X wissen wir von hunderten, wenn nicht tausenden vielversprechenden Ideen zur Weltverbesserung, weil sich seit dem Start im Sommer 2016 jeder Festivalbesucher mit einer solchen Idee für die Teilnahme bewirbt. Das sich bisher sicher 10.000 Menschen beworben haben, sitzen wir auf einem wachsenden Schatz an Themen. Den Gedanken, gute Ideen sichtbar zu machen, übersetzt "Die Antwort" nun in Journalismus.
 
kress.de: Sie haben sich mit dem Aufruf, drängende Fragen aufzuwerfen, zunächst explizit an jüngere Leser gerichtet. Warum?
 
Maria Exner: Wir wollten den 20. Geburtstag von Zeit Online im Sommer 2016 mit anderen 20-Jährigen feiern, also riefen wir Leserinnen und Leser im Alter von 2X – zwischen 20 und 29 – dazu auf, sich mit einer Idee "zur Verbesserung der Welt oder des eigenen Lebens" bei uns zu melden. Ob das funktionieren würde, wussten wir nicht. Es war ein Experiment. Wir hatten allerdings mit dem Start des Studierenden-Angebots Zeit Campus Online im gleichen Jahr die Erfahrung gemacht, dass gerade unsere jüngeren Leserinnen und Leser sich intensiv an Debatten beteiligen, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben – und eine für sie interessante Frage stellen.
 
kress.de: Wie sehr hat Sie die Resonanz, etwa auf Ihrem Z2X-Festival, überrascht?
 
Maria Exner: Sehr! Ich glaube, niemand von uns in der Redaktion hatte erwartet, dass Z2X bei den Teilnehmenden so gut ankommen würde. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch, sich wieder zu treffen, nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Städten in Deutschland. Wir haben versehentlich einen Ort geschaffen, in dem der engagierte Teil einer Generation ins Gespräch kommen kann – und das völlig analog. Also wurde aus einem Festival eine ganze Reihe. Im vergangenen Jahr haben wir das bislang größte Z2X mit 1.000 Teilnehmenden gefeiert.

"Es geht darum, wie ein gutes Leben im Alter zwischen 20 und 30 heute eigentlich aussieht."

kress.de: Welche Art von Fragen stehen denn schwerpunktmäßig bei den von Ihnen befragten jungen Leuten im Mittelpunkt?

Maria Exner: Für das zweitägige Z2X-Festival, das jedes Jahr am ersten Septemberwochenende stattfindet, ist das Spektrum der Themen sehr breit: Mobilität, Bildungsgerechtigkeit, Digitalisierung, Wandel der Arbeitswelt, Stadtentwicklung und Klimaschutz gehören sicher zu den Top-Themen, aber auch politisches Engagement, etwa für Europa, interessiert die Bewerber sehr. Es geht außerdem darum, wie ein gutes Leben im Alter zwischen 20 und 30 heute eigentlich aussieht: Wie will ich arbeiten? Womit mein Geld verdienen? Welches Beziehungsmodell passt zu mir? Mit den Z2X Summits finden demnächst zum ersten Mal drei thematisch fokussierte Events statt: Z2X Digital, Z2X Bildung und Z2X Europa. Hier wollen wir je 100 engagierte Köpfe zusammenbringen, die für das gleiche Thema brennen. Wieder ein Experiment, für das man sich noch bewerben kann!
 
kress.de: Wie wollen Sie darauf journalistisch reagieren: Welche Schwerpunkte setzen Sie bei der "Antwort"-Reihe auf Zeit Online?
 
Maria Exner: Der neue Schwerpunkt setzt bei Problemen an, die hinlänglich bekannt und ausführlich beschrieben sind, etwa die Vermüllung der Meere, Obdachlosigkeit oder Hasskommentare, und fragt: Wie reagieren Kommunen, Unternehmen, Wissenschaftler oder die Politik auf diese Probleme? Wie reagieren wir im Alltag? "Die Antwort" beschreibt dann Lösungsansätze, die sich bereits bewährt haben. Das journalistische Konzept für die "Antwort" geht damit weg von Z2X, wo zunächst einmal jede noch so ungewöhnliche Idee erlaubt ist.
 
kress.de: Zunächst sah es ein wenig nach einer Mode aus, dann wurde das Konzept immer stärker auch tatsächlich in den Redaktionen aufgegriffen: Wie wichtig war für Sie und Ihre Arbeit der Anstoß durch die Idee vom "konstruktiven Journalismus"?
 
Maria Exner: Als wir nach einem roten Faden für einen Schwerpunkt für "weltverbessernde" Themen gesucht haben, sind wir auf den Ansatz des "lösungsorientierten Journalismus" gestoßen, wie ihn US-amerikanische Kollegen rund um die mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Tina Rosenberg verstehen. Amna Franzke, die "Die Antwort" inhaltlich verantwortet, und mir erschien der eben beschriebene Ansatz nicht ein Problem, sondern eine mögliche Lösung zum Thema zu machen, klar und einleuchtend. Das war definitiv eine wertvolle Inspiration.

"Wir werden keine überzogenen Versprechen machen."

kress.de: Wie groß sehen Sie die Gefahr, auf großes Interesse mit Antworten zu reagieren, die den einen oder anderen Leser enttäuscht oder ratlos zurücklassen?
 
Maria Exner: Das ist sicher eine Frage der "Verkaufe", also mit welcher Überschrift und Unterzeile so ein Text den Leserinnen und Lesern begegnet. Hier werden wir keine überzogenen Versprechen machen. Und wir werden oft auch nur einzelne Puzzleteile vorstellen, also einen kleinen Teil einer Lösung.
 
kress.de: Sie entwickeln laufend Projekte, um Ihr Angebot zeitgemäß zu halten: Wo sehen Sie weiteres Potenzial für eine engere Leser-Einbindung?
 
Maria Exner: Ich hatte das Glück, an der Gründung einer Reihe neuer Projekte beteiligt zu sein, die in dieser Hinsicht alle noch weiteres Entwicklungspotenzial haben. Nehmen Sie etwa das Ressort "Arbeit" und "Deutschland spricht": Bei "Arbeit" geht es um die Frage, wie ein gelungenes Arbeitsleben aussieht – das wollen wir künftig noch persönlicher mit den Leserinnen und Lesern diskutieren. Aufbauend auf "Deutschland spricht" ist gestern das Projekt "Europa Spricht" gestartet, bei dem wir gemeinsam mit 15 Partnermedien aus ganz Europa je zwei Menschen aus unterschiedlichen Ländern miteinander ins Gespräch bringen wollen. Wir sind sehr gespannt, ob unsere Leser diesen Schritt raus aus Deutschland mit uns wagen.
 
kress.de: Wenn Sie auf die bisherigen Stationen Ihrer Laufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und welche Persönlichkeiten haben Sie im Rückblick entscheidend geprägt?
 
Maria Exner: Es war eine gute Entscheidung, nach der Ausbildung zur Journalistin noch ein Jahr im Ausland an einer Londoner Universität zu verbringen. Von den inhaltlichen Debatten und dem Blick auf die Welt und Deutschland, den ich dort entwickelt habe, profitiere ich bis heute. Ich bin Jochen Wegner sehr dankbar dafür, dass er mir die Chance gegeben hat, mich in der Rolle der stellvertretenden Chefredakteurin zu bewähren. Und ich lerne täglich von großartigen Kolleginnen und Kollegen bei Zeit Online und der "Zeit".

"Auf die besten Ideen komme ich, wenn ich meine Aufmerksamkeit vom Journalismus löse."

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?
 
Maria Exner: Auf die besten Ideen komme ich, wenn ich meine Aufmerksamkeit vom Journalismus löse und auf andere Dinge richte. Bei Konzerten, Ausstellungsbesuchen, Lesungen oder auf Reisen bin ich mit der Kreativität und den Sichtweisen anderer Menschen konfrontiert. Das führt fast immer dazu, dass ich auch selbst auf neue Gedanken komme.
 
kress.de: Der Redaktionsstandort in Berlin liegt ja in der Stadt, die angeblich nie schläft. Auch Hamburg lockt mit breitem Freizeitangebot. Wie viel davon bleibt für "Zeit"-Mitarbeiter überhaupt noch in greifbarer Nähe?
 
Maria Exner: Ausreichend Zeit. Ich genieße regelmäßig die Berliner Wochenmärkte, das Tempelhofer Feld, die Seen – und wenn die Zeit nicht reicht, um rechtzeitig Konzert- oder Theaterkarten zu besorgen, gibt es in Berlin immer irgendwo einen guten Film in einem schönen Kino.
 
kress.de: Wie tanken Sie Ihre Kraftreserven auf?
 
Maria Exner: Immer da, wo es warm ist. Zuletzt war das der Süden Marokkos.

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