Wie sich Reportagen nach dem Relotius-Schock ändern müssen

 

Handwerk und Haltung im Zeichen der Relotius-Affäre: Paul-Josef Raue fragt sich in seiner "Journalismus"-Kolumne: Muss eine Reportage mit einer erzählerischen Szene beginnen? Und darf der Reporter die Distanz aufgeben?

"Als der Herr­gott das Ta­lent zum Schwät­zen ver­streu­te, wa­ren die Jour­na­lis­ten lei­der in der Ecke des Raums, über der ihm die Tü­te platz­te. Vie­le be­ka­men ei­ne Über­do­sis ab. Die Fol­ge ist, dass in kaum ei­ner an­de­ren Berufsgruppe ei­ne sol­che Freu­de dar­an herrscht, ihr An­se­hen zu zer­quat­schen. Wer sich dar­an be­tei­ligt, braucht nicht zwin­gend ei­nen An­lass. Ei­ne Ge­le­gen­heit reicht aus." Dies ist ein szenischer Einstieg – nicht aus dem "Spiegel", sondern aus einem Relotius-Kommentar von Detlef Esslinger in der "Süddeutschen Zeitung".

Der szenische Einstieg ist ein gern genutztes Stilmittel, selbst außerhalb der Reportage: Der Autor will den Leser in die Geschichte ziehen, ihm den Eindruck vermitteln, mitten drin zu sein bei einem Erdbeben, einer geheimen Kabinettssitzung oder bei der Erschaffung der Welt. Kritiker nennen den Zwang, mit einer Szene einsteigen zu müssen, die Verführung zu Erfindungen und Fälschungen. "Sind die erfundenen Relotius-Beiträge nicht die konsequente Weiterführung dieser 'Spiegel'-üblichen Imaginationen?", fragt Wolfgang Tischer im "Literaturcafé".

Der "Spiegel" hat den szenischen Einstieg nicht erfunden, aber zur Regel erhoben: 20 Zeilen lang, gefolgt von 10 Zeilen These usw. "Spiegel"-Geschichten folgen einem Muster, das Ex-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer im Vorwort von "70 Jahre Spiegel" detailliert beschrieben hat. Das Problem, das nicht nur "Spiegel"-Autoren haben, ist nicht der szenische Einstieg, sondern der Zwang, jeden Text so zu beginnen, auch wenn er nur ein Krampf ist.

Der neue "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann will als Reaktion auf die Relotius-Fälschungen vieles auf den Prüfstand stellen, vor allem den szenischen Einstieg in die Reportagen.

"Es gibt viele Texte, die sind sinnlos erzählerisch", sagt auch Cordt Schnibben, der einer der besten Reporter des "Spiegel" war. Er habe darauf geachtet, nur dort szenisch einzusteigen, wo es wirklich angebracht ist.

Sollten also Reportagen, die "sinnlos erzählerisch" sind, besser gar nicht geschrieben werden? So verlangt es das "Handbuch des Journalismus", das der Autor dieser Kolumne zusammen mit Wolf Schneider geschrieben hat. Die Regel, mit einem szenischen Einstieg zu beginnen, tauge nicht aus zwei Gründen: "Meist ist er so beliebig, dass er auch am Beginn einer anderen Reportage stehen könnte; und er schafft das Problem, dass der Autor die Kurve zu seiner Sache oft zu spät oder gar nicht nimmt."

Die meisten Reporter kennen keine Alternative zum szenischen Einstieg und vermurksen so die ersten Sätze, die den Leser doch locken sollten. Was wäre Alternativen? Das "Handbuch" nennt drei: "Eine verblüffende These, eine kühne Raffung, ein ausgefallenes Bild – wie es vorbildlich Marie-Luise Scherer in einer preisgekrönten Reportage  im 'Spiegel' tat:

'Abstieg ist zu bedächtig. Sofie Häusler ist nicht sozial abgestiegen, sondern sie machte eine Schussfahrt durch eine zielgenaue Schneise, deren Markierungen ein Saboteur hätte gesteckt haben können. Jemand, der ein Händchen hat für die dramaturgische Beschleunigung vom bösen Ende.'"

Was folgt, ist die Reportage über eine Trinkerin. "Wer den rechten Einstieg gefunden hat", raten die Handbuch-Autoren, "der schreibt leicht die gesamte Reportage in einem Zug runter."

Reportagen faszinieren, wenn sie aus fremder Perspektive geschrieben werden: Der Reporter schlüpft in ein anderes Ich,  kennt die fremden Gedanken und Gefühle. Typisch dafür ist die Relotius-Reportage über die Amerikanerin Gayle Gladdis, die quer durch die Staaten fährt, um bei Hinrichtungen zuzuschauen. Nur – der Reporter macht an keiner Stelle klar, wie er zu seinen Informationen gekommen ist: Hat er die Frau begleitet? Hat sie ihm ihre Motive und Gefühle berichtet und gedeutet?

Relotius hat alles erfunden, hat die Gefühle einer nicht existierenden Frau phantasiert, als schreibe er eine Seifen-Oper. Der Redakteur, der die Reportage bearbeitet hat, dürfte misstrauisch geworden sein, als er keine Quelle im Text findet; auch der Dokumentar konnte sich allein auf die Auskunft von Relotius verlassen: Ob er ihn nicht mit Fragen bedrängt hat? Wie er all das, was er niedergeschrieben hat, erfahren hat?

Nicht allein der szenische Einstieg verführt den Autor, sich im Reich seiner Phantasie zu verlaufen. Noch gefährlicher sind die großen Emotions- und Sozialreportagen, die Leser in verborgene Seelen-Welten führen, meist auf hohe Klippen und in finstere Abgründe. Leser mögen solche Geschichten ebenso wie Chefredakteure und Journalistenpreis-Jurys. Der Kommunikations-Forscher Christoph Neuberger berichtet in einem SZ-Interview von einer Studie:

"Ei­ne Wa­li­ser Kol­le­gin hat 100 mit dem Pu­lit­zer­preis aus­ge­zeich­ne­te Tex­te un­ter­sucht, in­wie­weit er­zähl­te Emo­tio­nen von Prot­ago­nis­ten durch Zi­ta­te be­legt sind. Die meis­ten Au­to­ren hat­ten sich nicht an die Re­geln der Ob­jek­ti­vi­tät ge­hal­ten. Nur ein Drit­tel der Emo­tio­nen war durch Zi­ta­te ab­ge­si­chert." Die Forscherin benennt die Regel, die ein Reporter einzuhalten hat, wenn er in eine fremde Existenz schlüpft: Er muss klar machen, wer spricht – gerade wenn es um die Schilderung von Gefühlen geht.

Der Reporter muss sich auf seine Fähigkeiten besinnen: Er beobachtet die Körpersprache, beschreibt selbst feine Regungen und verlässt sich nicht allein auf das, was einer sagt. Menschen lügen nicht selten, wenn sie ihre Gefühle schildern, und oft täuschen sie sich selbst. Sozialwissenschaftler  und Psychologen sprechen von der "teilnehmenden Beobachtung", wenn sie Handlungen und Verhalten von Menschen gezielt beobachten, aber auch mit ihnen darüber sprechen. Entscheidend bleibt die Distanz. Sie sollte auch der Reporter wahren, damit er seine Leser so objektiv wie möglich informieren kann – erst recht wenn es um Gefühle und seelische Prozesse geht.

Der Leser muss stets wissen: Was er erfährt, das sind Beobachtungen und Einschätzungen des Reporters. Er ist kein Gott, der in die Herzen der Menschen schaut, er ist nur ein Reporter.

Info: Aufbau einer "Spiegel"-Story

Klaus Brinkbäumer über den Aufbau einer „Spiegel“-Geschichte, den er in seiner ersten Redaktions-Woche gelernt habe:

Eine Einseitengeschichte hat 125 Zeilen à 42 Anschläge. Dem fulminanten ersten Satz folgen 20 Zeilen szenischer Einstieg, dann 10 Zeilen These, auch dritter Absatz oder Aufblase genannt.

Zeile 35 bis Zeile 50: Ausarbeitung des Konflikts, süffige Details.

Zeile 50 bis 60: zweite These, also die Weiterentwicklung der ursprünglichen These.

Zeile 60 bis maximal Zeile 75: Rolle rückwärts, also die Genese des Konflikts, um den es geht.

Zeile 75 bis Zeile 120: die Auffächerung der Geschichte in ihren Details, mit verfeinerter These, Antithese, Synthese, und fertig.

Zeilen 120 bis 125: szenischer Ausstieg, flapsige Pointe. Immer gleich.

(aus "70 – Der Spiegel 1947 – 2017", Seite 11, Vorwort von Klaus Brinkbäumer)

Zum Autor: Paul-Josef Raue schreibt mit Wolf Schneider das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus". Im Kapitel "Wie man eine Reportage schreibt" geht es auch um die Frage, wie man eine unüberschaubare Stofffülle in den Griff bekommt. Raue lernte das Handwerk im ersten Jahrgang der Hamburger Journalistenschule, die heute nach Henri Nannen benannt ist. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Im Klartext-Verlag erscheint seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und "Luthers Stil-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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