Warum deutsches Design mehr Farbe braucht

 

Katja Weßling und Sebastian Pforr von der Münchner Bewegtbildagentur Zwei Freunde teilen sich nicht nur Geschäftsführung. Im "kressköpfe"-Interview verraten sie, wie sie Ehe und Büro unter einen Hut bringen - und warum harte Briefings die besten sind.

kress.de: Frau Weßling, lieber Herr Pforr, gute Verpackung ist meistens genauso wichtig wie das Geschenk oder der attraktive Inhalt selbst. Warum ist es für TV-Sender, aber auch Digitalmarken kriegsentscheidend, im Look und der Bildsprache immer auf dem neuesten Stand der kreativen Entwicklung zu sein?

Sebastian Pforr: Es war für TV- und besonders für Digitalmarken schon immer wichtig, sich zeitgemäß zu präsentieren, um von der jeweiligen Zielgruppe als relevant angesehen zu werde. Daran hat sich im Grunde nichts geändert. Allerdings nehmen wir wahr, dass sich die Durchlaufgeschwindigkeit und Diversität deutlich erhöht hat. Es wurde lange die kommende Digitalisierung beschworen, aber die kommt ja nicht mehr irgendwann, sondern ist schon lange da. Und das merken wir alle - und überall. Die Zielgruppen werden immer fragmentierter und wollen individueller angesprochen werden, und die sozialen Medien wirken dabei wie Petrischalen. Ideen kommen hinein, entwickeln sich und werden entweder ruckzuck groß - oder es passiert einfach nichts.

Katja Weßling: Das klingt fast ein bisschen negativ. Aber so ist es gar nicht gemeint, denn das ist natürlich gerade für uns Dienstleister spannend und eröffnet die ein oder andere Möglichkeit.

Sebastian Pforr: Für Marken ist das aber auch eine Herausforderung, denn für sie ist es weder ökonomisch noch aus Branding-Aspekten sinnvoll, sich ständig neu zu erfinden. Die Positionierung wird also immer wichtiger. Einen soliden und klar erkennbaren Markenkern kann man in die verschiedensten Kleider hüllen, ohne dass er an Wiedererkennungswert verliert.

"Es ist Wahnsinn, wie farbenfroh und positiv das Design in anderen Kulturen ist. Da können wir Deutschen uns wirklich ein paar Scheiben abschneiden."

kress.de: Was sind für Sie die aktuell wichtigsten Trends im On-Air-Design?

Sebastian Pforr: Man merkt, dass die Welt immer kleiner wird. Im Netz bekommt man inzwischen auch Werbung aus China und Japan serviert. Wir haben aber irgendwann mal festgestellt, dass viele Design-Sachen, über die wir in der Recherche stolpern, aus Spanien oder Südamerika kommen.

Katja Weßling: Es ist Wahnsinn, wie farbenfroh und positiv das Design in anderen Kulturen ist. Da können wir Deutschen uns wirklich ein paar Scheiben abschneiden.

Sebastian Pforr: Ja, irgendwie wirkt vieles mutiger: Farben, Typos, Muster, Musik.

kress.de: Üblicherweise sind On-Air-Teams bei den Sendern selbst angelagert. Was hat Ihnen das Vertrauen gegeben, sich mit einer so spezialisierten Agentur selbstständig zu machen?

Katja Weßling: Wir haben beide schon auf verschiedenen Stühlen auf Agentur-, Freiberufler- und Kundenseite gesessen. Daher hatten wir eine grobe Vorstellung, worum es geht.

Sebastian Pforr: Aber wenn es dann soweit ist, ist natürlich trotzdem alles neu und ganz anders, als man es sich vorher ausgemalt hat.

kress.de: Anders als vielleicht eine klassische Werbeagentur sind Sie sehr stark von Investitionen in die jeweils neueste Technik abhängig. Wie groß war Ihr Muffensausen beim Schritt in die Selbstständigkeit?

Sebastian Pforr: Ach, das geht eigentlich. Früher musste man ja noch MAZen und Avid-Hardware kaufen. Wir sind aber mit kleinem Besteck gestartet. Wir haben neulich noch mit unserem "Agenturküken" Späße über das "Digibeta ankodieren" gemacht. Kaum vorstellbar heute, und so etwas blieb uns zum Glück von Anfang an erspart.

Katja Weßling: Sebastian ist ja unser "Tech-Nick". Das hat uns beim Start schon viel geholfen.

Sebastian Pforr: Danke für die Blumen.

kress.de: Herrin und Herr im eigenen Betrieb zu sein, kann stark motivieren, aber auch zur Belastung werden. Hatten Sie jemals die Fülle der neuen Aufgaben unterschätzt?

Katja Weßling: Ja, na klar! Es gab immer wieder Momente, in denen man sich gedacht hat "Ach du Scheiße – wenn wir das vorher gewusst hätten!" Aber da muss man dann irgendwie durch und versuchen, das Beste daraus zu machen. Wenn man es dann geschafft hat, ist man natürlich auch stolz. Sowas schweißt ja nicht nur uns beide, sondern auch das ganze Team zusammen.

kress.de: Wie viel Zeit und Anstrengung geht neben der eigentlichen Kreativarbeit bei Ihnen auf das Akquirieren von Aufträgen und die allgemeine Verwaltungsarbeit drauf?

Sebastian Pforr: Ich würde sagen: Genauso viel wie bei allen anderen - mehr als man gerne hätte. Natürlich macht der kreative Teil immer mehr Spaß.Ich Katja sehr dankbar, dass sie vom Verwaltungsteil das meiste übernimmt.

Katja Weßling: Funktioniert so auch besser.

kress.de: Haben Sie den Schritt in die Selbstständigkeit bislang jemals bereut?

Katja Weßling: Nein! Also zumindest nicht ernsthaft.

Sebastian Pforr: Nee!

kress.de: Die Nachfrage nach Bewegtbild im Markt scheint riesig. Inwieweit schlägt diese Goldgräberstimmung im vermeintlichen Goldzeitalter für TV auch tatsächlich bei den Dienstleistern durch?

Katja Weßling: Kommt drauf an. Aber bisher können wir uns nicht beklagen.

Sebastian Pforr: Wir denken ohnehin schon ziemlich Digital, und letztendlich sind all die Disziplinen, wie On-Air (-Promotion), Werbung und Social echt nicht so weit auseinander. Wir haben z.B. letztes Jahr ...

Katja Weßling: ... vorletztes...

Sebastian Pforr: ... ups, okay, vorletztes Jahr den Eyes & Ears Award für die beste Crossmedia-Kampagne gewonnen. Da waren wir schon ein bisschen stolz, weil eigentlich immer versuchen unsere Kampagnen möglichst "digital-first" aufzuziehen.

Katja Weßling: Aber für so etwas braucht es natürlich auch immer das passende Kampagnen-Briefing.

Sebastian Pforr: Und hier haben wir eben auch echt viel Vertrauen bekommen: Danke DMAX!

"Wir diskutieren schon hitziger als ein reines Geschäftsführer-Duo."

kress.de: Neben Ihrer Geschäftstätigkeit verbindet Sie ja noch viel mehr: Macht es das Arbeiten tatsächlich leichter oder gelegentlich auch krisenanfälliger, wenn man wie Sie auch privat verbandelt, sogar verheiratet sind?

Katja Weßling: Irgendwie beides. Die meisten Leute, die wir treffen sagen erstmal: "Mit meinem Partner zusammen arbeiten – das könnte ich nie!"

Sebastian Pforr: Klar, wir diskutieren schon hitziger als ein reines Geschäftsführer-Duo.

Katja Weßling: Das wäre ja auch irgendwie schräg, wenn nicht. Der Agenturname "Zwei Freunde" bezieht sich ja nicht nur auf uns und unsere Kunden, sondern ist die Basis für das, was wir zusammen angefangen haben.

Sebastian Pforr: Wir wussten ja selbst nicht so genau, wohin das führt, aber Katja hat damals mir gegenüber einen sehr süßen und schlüssigen Gedanken geäußert und damit war klar: Okay, lass uns das jetzt einfach mal so machen. Wir haben den großen Vorteil gegenüber vielen anderen, dass wir uns auch bedingungslos auf den anderen verlassen können. Das Gefühl hilft manchmal sehr, gerade wenn es rauer wird.

"Erstmal Netzwerk aufbauen, dann selbstständig machen."

kress.de: Welche Tipps können Sie Kollegen geben, die angesichts der veränderten Marktlage im klassischen Medienbetrieb ebenfalls mit einer unternehmerischen Tätigkeit liebäugeln?

Sebastian Pforr: Erstmal Netzwerk aufbauen, dann selbstständig machen. Es geht natürlich auch anders, aber ich glaube, es ist einfacher, wenn man vorher schon einmal von jemandem gesehen wurde und nicht erst alle von Null überzeugen muss.

kress.de: Wenn Sie auf die Stationen Ihrer Berufslaufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und welche Persönlichkeiten haben Sie im Rückblick entscheidend geprägt?

Katja Weßling: Ich glaube meine erste Zeit im linearen Schnitt und später als Freelancerin haben mich schon sehr geprägt. Da gab es kein CTRL-Z, und ich wurde echt ins kalte Wasser geschmissen und musste direkt vor der Ausstrahlung News "heiß" schneiden. Das bräuchte ich heute so auch nicht mehr unbedingt, aber es war schon spannend. Und prägend.

Sebastian Pforr: Es geht ja auch viel um "erste Erfahrungen". Man ist dadurch auch gar nicht so abhängig von Personen, wobei ich da schon ein, zwei wüsste, denen ich echt viel zu verdanken habe. Aber bei mir waren es eigentlich immer die ersten Monaten bei ProSieben, BDA und Discovery und auch bei Zwei Freunde. Da bleibt schon immer viel hängen, weil einfach alles neu ist und man jeden Tag etwas anderes lernt.

kress.de: Sie teilen wie erwähnt nicht nur das Berufliche, sondern auch ein Privatleben. Wie schwer fällt es Ihnen, nach getaner Arbeit auch wirklich abzuschalten?

Katja Weßling: Nach fünf Jahren Zwei Freunde bekommen wir das ganz gut auf die Reihe – mit einer Mischung aus Geduld und Disziplin.

Sebastian Pforr: Klingt ja fast nach Militär, aber stimmt schon. Das hat gedauert. Am Anfang war alles so spannend und neu, dass wir beide uns ständig austauschen und abholen mussten. Mittlerweile haben wir so ein, zwei geplante und ungeplante Ausnahmen, aber im Wesentlichen versuchen wir, nach der ersten halben Stunde zu Hause nicht mehr über die Firma zu reden.

Katja Weßling: Übrigens wenn möglich erst nach der "Tagesschau".

"Je mehr Hürden im Briefing existieren, desto kreativer wird man beim Überwinden."

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Sebastian Pforr: Spazieren gehen und möglichst enge Vorgaben. Je mehr Hürden im Briefing existieren, desto kreativer wird man beim Überwinden.

Katja Weßling: Zeit an der frischen Luft, und ich versuche, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wir sind beide eher offene, kommunikative Menschen. Das Interesse an anderen Menschen ist da sicher auch beruflich wichtig. 

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Katja Weßling: Ohne Netzwerk wären sicher manche Dinge anders gelaufen: Sehr wichtig also.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Sebastian Pforr: Als selbstständiger Dienstleister müssen wir im Loop bleiben, um zu verstehen was passiert. Umso wichtiger ist es zu wissen wer, wo für was verantwortlich zeichnet. Das hilft oft Dinge wirtschaftlich oder auch inhaltlich einzuschätzen.

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