Bleibt gelassen: Paul-Josef Raues letzter Teil der Relotius-Bilanz

19.03.2019
 

Dienstag war auf kress.de stets der Tag von Paul-Josef Raue, der kürzlich verstorben ist. Seine letzte "JOURNALISMUS!"-Kolumne wirkt fast wie ein Vermächtnis. Raue empfiehlt der Branche vor allem eines: mehr Gelassenheit.

Wie entsteht eine Reportage? Das "Making of" gibt es mittlerweile bei fast jedem Spielfilm. Es sollte auch größere Reportagen begleiten: Der Journalist sitzt nicht im Elfenbeinturm, er hat eine Werkstatt, in die er den Leser führen, sein Handwerkszeug zeigen, seine Regeln erklären kann und sich auch nicht scheuen muss, Unsicherheit und Fehler zu offenbaren. So beliebt wie das "Making of" bei den Zuschauern von Filmen ist bei Zeitungslesern der Blick in die Werkstatt des Reporters: Er könnte sogar der Impuls sein, eine Reportage zu lesen.

Die "Werkstatt" muss keine eigene Reportage werden, kein langes Stück. Im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ist sie die Regel. Am Ende eines Artikels werden die Autoren mit einer Porträt-Zeichnung und einem kurzen Text vorgestellt - wie nach der Reportage von Veronika Frenzel und Daniel Delang über einen Afrikaner, den das Auswärtige Amt in sein Heimatland schickt: "Die Autorin und der Fotograf begleiteten Hervé Tcheumeleu eine Woche lang durch Kamerun. Einige Nächte schliefen sie im Haus von Tcheumeleus Mutter. Und erfuhren dort: Vor 17 Jahren wollte er zunächst nicht nach Europa, es war vor allem der Wunsch seiner Familie." Vorbildlich -  auch wenn längere und intensivere Abspänne den Lesern noch besser gefielen.

Diese Offenheit schafft ein Vertrauen, die Journalisten immer mehr brauchen, weil die Leser zum Glück immer skeptischer geworden sind. Gerade der Reporter braucht das Vertrauen seiner Leser, die seinen Beobachtungen ausgeliefert sind, den Gesprächen, die nur er kennt, den Details, die kaum zu überprüfen sind. Ebenso wichtig ist das Vertrauen in der Redaktion selbst. Klaus Brinkbäumer war Chefredakteur des "Spiegel", als er das Vorwort zum 70-Jahr-Jubiläums-Buch schrieb; er schließt seinen Text mit der Erzählung, wie eine Zehn-Seiten-Geschichte unter Zeitdruck entsteht: "Noch drei Stunden, noch zwei, noch eine, und alle in der Redaktion liefern dir ihre Recherchen zu und lassen dich in Ruhe schreiben, weil sie dir vertrauen."

Als ob es so einfach wäre mit dem Vertrauen! Es hat den "Spiegel" in die Relotius-Affäre gestürzt. Vertrauen hat ein doppeltes Gesicht: Ohne Vertrauen können Menschen nicht arbeiten, aber mit Vertrauen wird Kontrolle außer Kraft gesetzt. Ist der Konflikt zu lösen? Ja! Wer eine öffentliche Aufgabe wahrnimmt, muss so viel Kontrolle einsetzen, um jederzeit vor jedem eine Entscheidung rechtfertigen zu können. Es gibt ein öffentliches und ein persönliches, ein privates Vertrauen. Trotz Kuchen beim Geburtstag und Komplimenten im Aufzug: Wer als Redakteur ein kollegiales Vertrauen einwirbt, um Kontrollen zu entgehen, muss gestoppt werden.

Die beste Kontrolle bei einer Recherche ist das Team, das zusammen arbeitet, miteinander redet, gegenliest und mit Kritik nicht spart, wobei diese auch freundlich sein darf. Dass Relotius mit seinen Fälschungen aufgeflogen ist, als er in einem kleinen Team arbeiten musste, ist der Beleg, wie wirksam diese Form der Kontrolle ist. Der Reporter als einsamer Wolf taugt nur für einen TV-Helden.

Das beste Vorbereitungstraining für eine Arbeit im Team ist eine Journalistenschule: Hätte Claas Relotius seine Fälschungs-Serie ausgebaut, wenn er zuvor anderthalb Jahre lang in Hamburg, Berlin oder München über Handwerk und Ethik in Streit gekommen wäre? Wohl kaum. Im Master-Studium, das er in Hamburg absolvierte, kümmerten sich seine Lehrer so wenig um ihn wie später die Ressortleiter und Kollegen, die er alle mit seinem Talent beeindruckte.

Fördern Journalistenpreise die Bereitschaft, zu fälschen, zu manipulieren und zu betrügen? Wer die Artikel zur Causa Relotius gelesen hat, kann schon den Eindruck gewinnen. Peter Limbourg, Intendant der "Deutschen Welle" zählt mehr als 500 Preise. "Damit dürfte unsere Zunft an der Spitze der Selbstreferenz und der Selbstbeweihräucherung liegen", sagte er bei einer Medienkonferenz in Berlin und forderte: Die Zeit und das Geld, die Jurysitzungen und Galas kosteten, könne man besser für echte Geschichten ausgeben.

Die meisten Preise werden von Interessen-Verbänden oder Unternehmen ausgelobt, um den eigenen Nutzen und das Prestige zu steigern. Wer wollte das verhindern? Die Kritiker zielen auf die hochkarätigen Preise aus der Branche selbst, bei deren Verleihung Reporter die Jeans aus- und den Frack anziehen. Es gewinnen überwiegend Redakteure von Zeitungen und Magazinen, die gut ausgestattet sind, die sich kostspielige Recherchen leisten können und die eine aufrichtige Haltung beweisen. Wer eine "Blase" entdeckt, die sich gegenseitig auf die Schulter klopft, liegt nicht falsch. Dennoch ist der Nutzen höher als der Schaden, zumal Eitelkeit in einer Branche normal ist, die öffentlich wirkt und unter Beobachtung steht.

Bei der Vielzahl von guten Recherchen und Reportagen, Interviews und Kommentaren fallen die besten oft nicht auf, gehen im Überangebot unter. Die Preise heben sie heraus, sie zeigen, was Journalismus leisten kann, was vorbildlich ist, sie deuten an, was im Trend liegt, was neu ist und beachtenswert.

"Warum geht man von der Annahme aus, dass Journalistenpreise vornehmlich von Journalisten vergeben werden müssen? Können nicht auch Leser beurteilen, warum ihnen der eine Text besser gefällt als der andere?", fragt "Bild"-Ombudsmann Ernst Elitz, Ex-Intendant des Deutschlandfunks. Sein Vorschlag: Gründet Leser-Jurys, auch wenn die "nicht über den elaborierten Sprachcode alteingesessener Jury-Koryphäen" verfügen. Der Fall Relotius habe gezeigt, wie notwendig eine Öffnung der Jurys ist. Nur - hätten Leser den Fälscher Relotius entlarvt? Kaum, sie wären, so ist zu vermuten, über das Erzähltalent noch begeisterter gewesen als Journalisten und hätten ihn mit Preisen überhäuft. Gleichwohl ist der Elitz-Vorschlag bedenkenswert: Raus aus der Blase, das zumindest wäre der Effekt.

Haben die Leser wegen der Relotius-Fälschungen den Journalisten endgültig das Vertrauen entzogen? Wer Hunderte von Artikeln zur Causa Relotius liest, ist deprimiert, ahnt das Schlimmste und bereitet sich auf den Untergang des Journalismus vor: So viel Erregung! So viel Aufregung! So viel Spott und Neid und Häme! Die Schar der sachlichen und besonnenen Analysten ist dagegen klein. Einer ist der Wissenschaftler Christoph Neuberger, der in der Debatte eine "latente Überschätzung der Bedeutung des eigenen Berufsstandes" entdeckt.

Was bleibt also von der Relotius-Affäre? "Das breite Publikum registriert das, denkt sich seinen Teil - und dann kann es durchaus sein, dass das Problem relativ schnell einfach wieder weg ist", sagt Neuberger. Weniger zurückhaltend ist der "SZ"-Redakteur Detlef Esslinger: "Diese Berufsgruppe ist derart verknallt in Übertreibungen, dass sie sich lieber zugrunde schwätzt, als je auf eine zu verzichten."

Lese-Tipps

Im "Jahrbuch für Journalisten 2019" ist das komplette Interview zu lesen, das Claas Relotius mit der 99-jährigen Traute Lafrenz geführt hat, der letzten Überlebenden der Nazi-Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Die offenbar erfundenen Passagen sind gelb unterlegt. (Oberauer-Verlag, 176 Seiten, 19,50 Euro)

Das aktuelle "medium magazin" zieht 100 Tage nach dem "Spiegel"-Gau eine erste Bilanz: Wie geht es jetzt weiter nach dem Relotius-Betrug: So wie bisher oder ändert sich wirklich etwas? Diese Beiträge zum Schwerpunkt Relotius können Sie im neuen "medium magazin" lesen.

Über den Autor

Paul-Josef Raue hat mit Wolf Schneider das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" geschrieben. Im Reportage-Kapitel warnen die Autoren vom "hemmungslosen Auswalzen der eigenen Gefühle": Die Reportage ist das Gegenteil von journalistischer Anarchie. Raue lernte das Handwerk im ersten Jahrgang der Hamburger Journalistenschule, die heute nach Henri Nannen benannt ist. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach.  Im Klartext-Verlag erscheint seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Paul-Josef Raue ist vergangene Woche im Alter von 68 Jahren gestorben.

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