Warum die Kritik an DuMont unredlich ist

 

Es ist derzeit modern, Verlagsleiter und Manager von Zeitungshäusern scharf für ihre angebliche Unfähigkeit zu kritisieren. Fast immer rufen da welche aus dem Tal der Ahnungslosen. Ein Kommentar von "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand.

Es ist bisher vergleichsweise unterbelichtet geblieben, dass 2018 ein ziemlich ungewöhnliches Jahr für die Medienbranche war. Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland war weiter gut, das Bruttoinlandsprodukt wuchs um 1,5 Prozent. Dennoch kamen bei vielen Medienhäusern deutlich weniger Werbeerlöse an. Die Bruttozahlen der Marktforscher spiegeln das nur unzureichend wider, weil die Preise in allen Gattungen stark unter Druck sind. Besonders hart traf der Rückgang die regionale Zeitungsbranche. Führungskräfte in den Häusern gehen von einem durchschnittlichen Minus von rund 10 Prozent aus. Dazu kommt, dass der Kampf um die Werbegelder immer härter wird. Im Print-Stammgeschäft buchen die Kunden immer kurzfristiger. Im Digitalen greifen Facebook und Google den größten Teil nebenbei ab.

Natürlich gehen die internen Szenarien in den Zeitungshäusern im Werbegeschäft nicht von Wachstum aus. Das Ausmaß des Rückgangs hat viele dennoch überrascht. Es bröckelt nicht mehr nur, es rutscht etwas. Viele mögen sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn die Konjunktur lahmt oder Deutschland gar eine Rezession trifft. Das alles, so berichten Insider, haben auch die Gesellschafter der DuMont Mediengruppe erwogen und Ende vergangenen Jahres entschieden, das regionale Geschäft zum Verkauf anzubieten. Wochenlang waberten die Gerüchte, im Februar dann vermeldete "Horizont" die Verkaufspläne. Das Medien-Echo war verheerend: "Ausverkauf", "Bankrotterklärung", "Kommando Schrumpfkurs". 

Das Ausmaß der Empörung überrascht und wirkt ziemlich unbedarft. Eine Frage haben viele Kommentatoren bisher nämlich nicht gestellt: Welche Alternativen hat ein Haus wie DuMont eigentlich? Der Aufsichtsrat eines großen deutschen Zeitungshauses erklärt die Situation im Regionalzeitungsgeschäft im vertraulichen Gespräch so: Die Werbeerlöse sinken, das Vertriebsgeschäft kann die Rückgänge durch Preiserhöhungen nicht dauerhaft auffangen. Daher spart die Branche seit Jahren auf allen Ebenen. Die schlechte Nachricht lautet, dass die mittelständische Zeitungslandschaft den Wandel wohl nicht überleben wird. Denn die Antwort auf die Erlöskrise lautet: Zentralisierung in Druck, Vertrieb und Redaktion. Die gute Nachricht aber könnte sein, dass die Zeitungslandschaft in den nächsten Jahren überlebensfähig ist, wenn einige wenige Großunternehmen weite Teile des Marktes aufteilen.

Wenn DuMont jetzt also sein Zeitungsgeschäft anbietet, ist das nicht wirklich überraschend. Es gibt mittelfristig nur zwei Optionen: verkaufen oder selbst kaufen, wie es Madsack und Funke versuchen, um zu wachsen. Die beiden regionalen DuMont-Gruppen in Köln (Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) und Halle (Mitteldeutsche) sind zu klein, um langfristig zu bestehen. Die Titel in Berlin (u. a. Berliner Zeitung) sind wirtschaftlich an der Nulllinie oder drunter. Die Boulevardmarken Express, Morgenpost und Kurier laden auch nicht zu Wachstumsphantasien ein. Die unbequeme Nachricht für die Mitarbeiter lautet: Entweder spart DuMont selbst weiter oder ein anderer übernimmt diese Aufgabe. Auf Dauer allein zu bleiben, ist keine Option.

Während der Recherche zur Titelgeschichte haben wir alle Gesprächspartner gefragt, was sie mit den DuMont-Zeitungen machen würden. Vor allem aus den Reihen der Kritiker kamen dabei auffallend viele Allgemeinplätze. Man konnte viel Ratlosigkeit und Ahnungslosigkeit spüren. Die empörte Kritik an DuMont hat damit auch etwas Unredliches. Vor allem, wenn sie von ehemaligen Managern und Chefredakteuren kommt, die in der Vergangenheit ein Teil des Problems und nicht der Lösung waren. Denn niemand hat bisher gesagt, woher die künftigen Erlöse im Zeitungsgeschäft denn nun genau kommen sollen. Digitaler Vertrieb und neue Geschäftsfelder jedenfalls können die Ausfälle mittelfristig kaum kompensieren.

Es ist derzeit modern, Verlagsleiter und Manager von Zeitungshäusern scharf für ihre angebliche Unfähigkeit zu kritisieren. Fast immer rufen da welche aus dem Tal der Ahnungslosen. Wer revolutionäre, gute Ideen hat, sollte sie jetzt vorbringen. Oder das DuMont-Zeitungsgeschäft kaufen und beweisen, dass alles in Wahrheit ganz einfach ist. Dürfte ja kein großes Problem sein.

Der Meinungsbeitrag von Chefredakteur Markus Wiegand ist das Editorial im neuen "kress pro" mit der Titelgeschichte "Was bei DuMont wirklich läuft". Sie können die "kress pro"-Ausgabe 2/2019 in unserem neu gestalteten Shop kaufen. Dort können Sie sich auch über die weiteren Themen in dem Magazin informieren.

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