Medien-Kolumne: Willkommen in der Lokalsport-Zentrale

 

Der Ab- und Umbau bei der Funke Mediengruppe erreicht in den nächsten Wochen die Leser. In NRW soll es weniger lokale Seiten geben. Und die lokale Sportberichterstattung findet spätestens ab Juni in der Zentrale statt. Neue Medien-Kolumne von Steffen Grimberg.

In seinem Buch "Der digitale Tsunami - Das Innovators-Dilemma der traditionellen Medienunternehmen" hat der Unternehmensberater Nicolaus Clasen schon 2013 beschrieben, wie schwer sich vor allem Zeitungshäuser damit tun, den digitalen Wandel beherzt anzugehen.

Hauptkritik von Clasen damals: Fast alle Unternehmen scheuten radikale Maßnahmen, um das noch immer leidlich rentable analoge Geschäft mit der gedruckten Zeitung nicht zu belasten oder gar durch digitale Alternativen zu kannibalisieren. Zumindest unter dieser Prämisse könnte man Funkes Umbauprogramm "Funke 2022" tatsächlich etwas abgewinnen: Da wird bekanntlich ja nicht gekleckert, sondern höchst beherzt geholzt.

Allein das Auf- und Ab bei der Zentralredaktion muss man sich nochmal ins Gedächnis rufen: Erst schweißte sich da ein gewisser Ulrich Reitz sein "Content-Desk" in Essen zusammen, man hieß noch WAZ-Gruppe und die Geschäfte führte Bodo Hombach. Es war der erste Abschied vom lokalen und regionalen Kerngeschäft - genauer gesagt, von der lokalen und regionalen Berichterstattung. Die Leserinnen und Leser dankten es nicht, weshalb die zugunsten der zentralen Einheit entleerten Lokalredaktionen bald danach wieder aufgestockt wurden. "Vom Content-Desk zum Schützenfest" lästerte damals die taz.

Aus WAZ wurde Funke, die Zentralredaktion sitzt heute in Berlin und darf nach den Plänen von "Funke 2022" mit 27 Stellen weniger auskommen. Bekanntermaßen geht es dieses Mal aber um keine Rückverteilung in die Regionen. Im Gegenteil: Auch dort stehen alle Zeichen auf Rückzug. Rund 300 Stellen stehen alleine im WAZ/Funke-Stammland Nordrhein-Westfalen nach Betriebsratsangaben zur Disposition. Die Geschäftsstellen sollen bis auf wenige Ausnahmen in Goßstädten fast ganz aufgegeben werden.

Die Konsequenzen im Lokalen werden die Leserinnen und Leser in den nächsten Wochen kaum übersehen können: Nach kress.de-Informationen soll spätestens Anfang Juni der Lokalsport nicht mehr vor Ort in den Lokalredaktionen beheimatet sein, sondern an einem entsprechenden Desk in Essen zentralisiert werden. Außerdem ist geplant, in allen Ausgaben der Funke-Titel im Ruhgebiet eine genuin lokale Seite zu streichen und durch eine zentral produzierte Ruhrgebietsseite zu ersetzen. Und dann steht auch noch eine Zentralisierung bei den Leserbriefen auf dem Programm.

Zumindest symbolisch am Härtesten hatte es ja die Westfalenpost getroffen, deren Lokalredaktion in Warstein komplett dicht gemacht wird. Und wie man jetzt im Protokoll der Betriebsversammlung von Ende Februar nachlesen kann, hatte NRW-Verlagsgeschäftsführer Thomas Kloß immerhin einen knappen Trost, der aber niemanden beruhigen konnte. Kloß sagte, es sei nicht das Ziel, weitere Standorte zu schließen. Dann aber am noch ein Nachsatz: "Aber nageln Sie mich bitte nicht auf die nächsten drei, vier Jahre fest."

Zum Autor: Der ehemalige "taz"-Medienjournalist und frühere "Zapp"-Redakteur Steffen Grimberg, der bis Ende 2017 einer der beiden ARD-Sprecher war, arbeitet seit März 2018 als Redakteur für das Erfurter Team des MDR-Medienportals Medien360G. Auf kress.de schreibt Grimberg nun regelmäßig eine Medien-Kolumne.

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