Woran die FAZ krankt

 

"Und wenn die ganze Welt soll untergehn, die Frankfurter Allgemeine Zeitung wird immer bleiben bestehen.“ Schön wär’s. In der Krise zeigt sich das konservative Traditionsblatt anfällig. Besonders das behäbige Herausgeberkonstrukt lähmt die Innovationskraft. Ein Kommentar von "Wirtschaftsjournalist"-Chefredakteur Wolfgang Messner.

Die KPdSU aus Hessen

Preisfrage: Was hat eine konservative "Zeitung für Deutschland" im Jahr 2019 mit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre gemeinsam? Antwort: Beide sind aus sich heraus nicht reformierbar. Und wenn man mal damit anfängt, alles umzumodeln, weiß man nicht, wo es endet. Vielleicht in einer Perestroika, vielleicht im Untergang. Aus Angst macht man so weiter wie bisher.

So sieht sie aus die Bilanz, nachdem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hochkant Holger Steltzner, ihren Herausgeber für Wirtschaft und Sport, an die frische Luft befördert hat. Wer jetzt glaubt, da übertreibt aber einer, der sollte sich mit den Grundtatsachen der "FAZ" vertraut machen. Dort herrscht keine raffgierige Verlegersippe und es geben auch keine renditegetriebenen Gesellschafter die Linie vor. Der Laden gehört der geduldigen Fazit-Stiftung mit einem weitgehend branchenfernen Kuratorium und Aufsichtsrat und einer Geschäftsführung, der oft die Hände gebunden sind. Es herrschen stattdessen selbstbewusste Herausgeber, die wie Duodezfürsten über ihre Ressorts wachen und sich nichts von niemandem sagen lassen müssen.

Die Parallelitäten zum Zentralkomitee der KPdSU sind augenfällig. Das Verwalten des Status quo funktioniert noch so gerade. Nun in der Krise offenbart sich die Schwäche des Konstrukts. Da gilt das Kollegialitätsprinzip, wonach sich die Herren erst einmal unter sich einig sein müssen. Das ist nicht leicht, da jeder ein Selbstbewusstsein wie ein Araberscheich vor sich herträgt.

Stillstand im Altherrenclub

Wie kleinkariert es in diesen Runden oft zugeht, wie sehr ein Kirchturmsdenken statt einer nötigen Weitsicht und Innovationsfreude vorherrscht, zeigen die Umstände um den Rausschmiss Steltzners. Der war an seiner charakterlichen Unverträglichkeit und seinen mangelhaften Führungsqualitäten gescheitert. Der ungeliebte Steltzner war wohl nur deshalb in sein Amt gekommen, weil die anderen Mitglieder des Elitezirkels einen haben wollten, der keinen so großen Schatten wirft und sie umso heller leuchten konnten. Oder mit anderen Worten: einmal Schirrmacher reicht.

Dass ausgerechnet der geschmähte Steltzner von außen noch als der agilste der Herren angesehen wurde, ist bezeichnend. Die Zeitung bräuchte dringend Ideen, wo künftig die Erlöse herkommen sollen. Sie müsste neue Angebote machen, überraschen, mal was ausprobieren.

Bloß kein Neuerer von außen

Sie müsste an die Spitze Macher setzen wie Holtzbrinck mit Sebastian Turner oder Gabor Steingart. Doch so jemanden wollen die Herausgeber auf gar keinen Fall. Wie praktisch, dass sie ganz allein über den Nachfolger Steltzners bestimmen können.

Damit sind wir beim Kern des Problems: Um diesen schweren Zeiten gerecht zu werden, müsste die "FAZ" ihr Herausgeberprinzip abschaffen oder reformieren. Getreu dem Motto: Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist. Dazu jedoch fehlen ihr Wille, Mut und Entschlossenheit. Wer aber zu spät kommt, den bestraft das Leben. So lautet die Lehre vom Ende des Kommunismus. Mal sehen, ob diese Erfahrung der "FAZ" erspart bleibt.

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Der "Wirtschaftsjournalist" erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Wolfgang Messner. Er hat auch das Editorial "Woran die FAZ krankt" im aktuellen Heft geschrieben.

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