Chefredakteurin Julia Bönisch: Wenn man Kontrolletti-Tendenzen hat, ist man falsch bei Online

 

Julia Bönisch bekommt am 13. Mai auf dem European Newspaper Congress in Wien einen kress Award als "Chefredakteurin des Jahres 2018". Wie tickt die geborene Gelsenkirchenerin, die sueddeutsche.de führt.

Julia Bönisch, seit Anfang 2018 alleinige Chefredakteurin von sueddeutsche.de, konnte sich im vergangenen Jahr über eine prominente Auszeichnung von "kress pro" und kress.de freuen: Die Leser wählten sie zur Chefredakteurin des Jahres 2018.

Am 13. Mai 2019 wird der kress Award an Julia Bönisch im Rahmen des European Newspaper Congress (12. - 14. Mai 2019) übergeben. Bönisch ist beim #ENC19 in Wien auch Sprecherin. In ihrem Vortrag geht es um Führung im digitalen Wandel. Was muss eine Chefredakteurin oder ein Chefredakteur im digitalen Umfeld leisten? Die digitale Transformation der Medien ist in diesem Jahr das Hauptthema des European Newspaper Congress (Tickets).

Bereits seit 2007 steht Julia Bönisch in Diensten der Website der "Süddeutschen Zeitung", 2010 wurde sie Chefin vom Dienst, 2012 stellvertretende SZ.de-Chefredakteurin. Zwischen 2017 und Anfang dieses Jahres, als ihr Kollege Stefan Plöchinger, der nach seiner Heirat heute Stefan Ottlitz heißt, zum "Spiegel" wechselte, bildete sie mit ihm zusammen eine Chefredaktions-Doppelspitze. "Wir haben uns sehr gut verstanden", sagt Julia Bönisch über die damals endende fast siebenjährige Zusammenarbeit. "Am Schluss waren wir ein sehr gut eingespieltes Team." Dass Plöchinger/Ottlitz wieder nach Hamburg ging, wo er zuvor schon mal Spiegel-Online-CvD war, bedauerte sie sehr. Allerdings konnte sie sich den kleinen Seitenhieb, dass auf ihren Kollegen mit der Durchsetzung des neuen SpOnPay-Modells an der Ericusspitze ja auch "Baustellen" warten, nicht verkneifen.

Mittlerweile sitzt Bönisch, die weder im Tagesgeschäft noch in Männerrunden wie dem "BR Sonntags-Stammtisch" als Gast an der Seite von Ex-"Focus"-Herausgeber Helmut Markwort oder dem Kabarettisten Christian Springer leicht einschüchterbar wirkt, selbstbewusst solo im Sattel. "Es hat nicht so lange gedauert zu schätzen, das alleine zu machen", sagt Bönisch heute. "Es hat Vorteile, sich nicht immer absprechen zu müssen."

Entscheidungsfreudig ist die resolute Gelsenkirchenerin, die "auf Schalke" ins Gymnasium ging, schon von klein auf. "Wir sind tatsächlich kontaktfreudig und können auch mal direkt werden", sagt sie über den NRW-Menschenschlag. Im katholischen, oberbayerischen Eichstätt, aber auch in Indiana, USA, studierte sie später Diplom-Journalistik und Betriebswirtschaftslehre und fand nach ihrem Abschluss erst einmal eine Tätigkeit, die vom schnell getakteten, gerne auch mal hektischen Onlinejournalismus sogar (Flugmeilen-)weit entfernt war.

Für zwei Jahre engagierte sie sich in der Entwicklungshilfe und war für das Magazin der Organisation Missio zwei Jahre lang in Afrika, Asien und Ozeanien unterwegs. Ausgedehnte Reportagereisen führten sie damals unter anderem nach Angola oder auf die Salomonen - mit viel Zeit, wichtige Themen vor Ort zu recherchieren, untergebracht meist in einfachen Verhältnissen bei Missio-Partnern vor Ort. "Wir waren dabei auch mal für zwei bis drei Wochen im Busch, ohne fließendes Wasser und Strom, und wir empfingen nur ab und an mal die Bundesliga-Berichte über einen Weltempfänger", erzählt sie über ihre Reportagen zusammen mit einem freien Fotojournalisten. "Ich war aber nie ein Angsthase, natürlich überwog die journalistische Neugier."

Über eine Empfehlung eines Spiegel-Online-Journalisten wurde sie dann von Süddeutsche Online, damals noch unter Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs, abgeworben. Bönisch sagte gleich zu. "Die 'SZ' klopft auch nur einmal an."

Als Chefredakteurin ist sie heute in ihrem stark angewachsenen, erfolgreichen Team sehr präsent. "Ich gehe so oft es klappt in alle Konferenzen", so Bönisch. Trotzdem hat sie natürlich gelernt zu delegieren und sich auf ihre Kollegen zu verlassen. "Wenn man Kontrolletti-Tendenzen hat, ist man falsch bei Online." Natürlich fühlt sie sich oft mit ihrem Smartphone verwachsen, kann aber als Chefredakteurin auch nach Dienstschluss loslassen. "Wenn ich schlafe, mache ich's tatsächlich aus", sagt sie über ihr Handy, mit dem sie sonst engen Kontakt zur Redaktion und zum Weltgeschehen hält. "Ich kriege alle Meldungen aufs Handy, lasse mich davon aber nachts nicht wecken", sagt sie. "Sonst wäre ich nach einem Jahr durch mit meinem Job."

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.